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Zugriff vor dem Morgengebet

US-Spezialeinheiten griffen in Somalia und Libyen zeitgleich zwei Terrorziele an. Während der erste Einsatz misslang, wird beim zweiten die Legitimität infrage gestellt.

Erfolgreiche Festnahme in Libyen: Reporter bestürmen einen Sohn des Al-Qaida-Führers Abu Anas al-Liby. (7. Oktober 2013)
Erfolgreiche Festnahme in Libyen: Reporter bestürmen einen Sohn des Al-Qaida-Führers Abu Anas al-Liby. (7. Oktober 2013)
AFP

Während das US-Regierungsgeschäft durch den politischen Shutdown beinahe zum erliegen kommt, führt Barack Obama seinen Kampf gegen den Terror unvermittelt fort. Beinahe zeitgleich attackierten US-Spezialeinheiten zwei Ziele in Afrika – eines in Somalia, eines in Libyen. Ein Doppelschlag, der für die USA nur zur Hälfte erfolgreich verlief.

Der Angriff in Somalia richtete sich gegen hochrangige Mitglieder der Al-Shabaab-Miliz, die von den USA als Terrorgruppe eingestuft wird und der enge Verknüpfungen zur al-Qaida nachgesagt werden. Es sollte laufen wie 2011 bei der Tötung von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden in Pakistan: Das Team Six der Navy Seals näherte sich in den frühen Morgenstunden seinem Ziel – einer Villa in der Küstenstadt Barawe, die als Rückzugsort für Ahmed Abdi Godane, auch bekannt als Moktar Ali Zubeyr, dient. Der Somalier gilt derzeit als einer der wichtigsten Anführer von al-Shabaab, die sich zum Überfall auf das Einkaufszentrum von Nairobi bekannte.

Angriff vor dem Morgengebet

Bewohner der Stadt Barawe, die gut 100 Kilometer von der Hauptstadt Mogadiscio entfernt liegt, berichten ihre Beobachtungen gegenüber dem «Guardian»:«Etwa eine Stunde vor dem Morgengebet wurde ich durch lautes Hundegebell geweckt», sagt ein Lehrer, der in der Nähe des Angriffsziels wohnt. Wenige Minuten später sei ein intensiver Feuerwechsel zu hören gewesen. «Ich versteckte mich in meinem Haus und wartete, bis alles vorbei war.»

US-Offizielle, die noch vieles über den Angriff im Dunkeln halten, teilten mit, dass der Schusswechsel knapp 30 Minuten gedauert habe. Der Angriff sollte nach dem Prinzip «snatch and grab» erfolgen – ein Begriff aus dem Militärjargon, der übersetzt so viel heisst wie «Stürmen und danach festnehmen». Sheik Abdiaziz Abu Musab, der Sprecher von al-Shabaab, teilte auf Anfrage der «NY Times» mit, dass sich das Navy-Kommando auf mehreren Schnellbooten näherte. Die Boote seien von einem grösseren Marineschiff aus entsandt worden. Gemäss CNN sei auch eine Explosion zu hören gewesen.

Die Navy Seals in die Flucht geschlagen

Der Angriff war für die US Navy Seals ein Misserfolg. Obwohl sich keiner der Soldaten verletzte, verliess die Spezialeinheit den Zielort ohne zählbares Resultat. Al-Shabaab-Führer Godane konnte weder festgenommen noch getötet werden. Gemäss Angaben des Al-Shabaab-Sprechers sollen sich in der Villa nur «normale» Kämpfer aufhalten. Bruce Hoffman, Direktor des Centers für Security Studies an der Georgetown University, wertet den vereitelten Navy-Seals-Angriff als moralischen Erfolg für die afrikanische Terrororganisation: «Die al-Shabaab kann sich die Wunden lecken und stolz sein, dass sie die schlagkräftigste Militärgruppierung in die Flucht schlagen konnte.» Andererseits, so Hoffmann, sei es für al-Shabaab «ein beunruhigendes Zeichen», dass sich die US-Angriffe nun «bis zur Türschwelle» ausgeweitet hätten.

Fast zeitgleich zum Angriff in Somalia und mehrere 1000 Kilometer weit entfernt, agierten die US-Streitkräfte erfolgreicher. Dabei sollen Mitglieder der US Delta Force mit Abu Anas al-Liby ein ranghohes Al-Qaida-Mitglied gefasst haben, das 1998 an den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania beteiligt gewesen sein soll. Gemäss Augenzeugen wurde al-Liby auf dem Heimweg vom Morgengebet vor seinem Haus gefangen genommen. «Mehrere Autos rasten von seinem Haus weg», schilderte ein Augenzeuge die Szene. «Sie entführten ihn. Wir wissen nicht, wer sie waren.»

Kerry: «Angemessen und legal»

Die libysche Führung kritisierte die Festnahme al-Libys. Die Übergangsregierung verlange wegen der «Entführung» eines libyschen Staatsbürgers von den US-Behörden Aufklärung, meldete die offizielle Nachrichtenagentur Lana. In der Folge rechtfertigte US-Aussenminister John Kerry den Einsatz von US-Spezialkräften: Die Aktion sei «angemessen und legal» gewesen, sagte er heute am Rande des Apec-Gipfels auf Bali.

«Menschen, die Terroranschläge verübt haben und angeklagt sind, müssen wissen, dass die USA alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um das Gesetz durchzusetzen», sagte Kerry. al-Liby werde sich vor Gericht verteidigen können.

Zur Frage, ob die libysche Regierung im Voraus über den Einsatz informiert gewesen sei, wollte sich der US-Aussenminister nicht äussern. Die USA gingen gegenüber ausländischen Regierungen «nicht in die Einzelheiten» derartiger Aktionen, erklärte er. Grössere Proteste gegen die Verschleppung des Terroristen blieben aber zunächst aus, obwohl viele Menschen in dem Einsatz eine Verletzung der staatlichen Souveränität Libyens sehen. Bruce Hoffman von der Georgetown-Universität deutet das mutmasslich selbstständige Vorgehen der USA in Libyen als «Akt des Misstrauens» gegenüber der neuen Führung in Tripolis.

Auch Libyer laut al-Libys Ehefrau an Aktion beteiligt

An der Gefangennahme al-Libys sollen auch mehrere Libyer beteiligt gewesen sein, wie libysche Medien berichteten. Der arabische Nachrichtensender al-Jazeera zitierte al-Libys Ehefrau mit der Aussage, maskierte Männer hätten ihn vor ihrem Haus geschnappt, als er in seinem Auto gesessen habe. Einige von ihnen hätten Arabisch mit libyschem Dialekt gesprochen.

Al-Liby soll massgeblich an den Terroranschlägen auf zwei US-Botschaften in Tansania und Kenia 1998 beteiligt gewesen sein. Damals starben mindestens 224 Menschen. Wenige Tage vor dem Zugriff der US-Amerikaner hatten internationale Medien berichtet, al-Liby lebe von den Behörden unbehelligt in Tripolis.

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