Zum Hauptinhalt springen

«Wir erlebten nur einmal eine gefährliche Situation»

Die Sahara-Geiseln sind nicht befreit worden, sondern den ägyptischen Soldaten in die Arme gelaufen. Im Gespräch mit dem TA kritisiert der mitentführte Reiseveranstalter den Krisenstab.

Zwei Tage nach dem glücklichen Ende des zehntägigen Geiseldramas hat Ibrahim Abdel Rahim die Route für seine nächsten Wüstentouren schon im Kopf. Sie sollen nur noch in den nördlichen Teil des Gilf el-Kebir und ins grosse Sandmeer führen. Den Süden, wo sich in den letzten Tagen die Entführung abgespielt hat, will er meiden. In dieses Gebiet gehe er erst wieder, wenn die ägyptische Armee es gesäubert hat, sagt Rahim, selbst Geisel und Besitzer von Aegyptus International, das die Reise veranstaltet und geführt hat. Solche Wüstentrips laufen fern vom Massentourismus ab; sie sind ein kleines, exklusives und sehr einträgliches Geschäft.

Gefasst schildert Rahim den Verlauf der Verschleppung der 19-köpfigen Touristengruppe, die sich zu diesem Zeitpunkt 200 Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt befand, durch 38 bewaffnete Banditen aus dem Sudan und dem Tschad, die in alten Militäruniformen steckten und sich als staatenlose Abenteurer bezeichneten. «Wir hatten jederzeit alles im Griff, auch die Terroristen. Am Ende des Dramas hatten wir noch 100 Liter Wasser, alle Geiseln waren gesund, niemand hatte einen Nervenzusammenbruch», zieht er Bilanz.

Versucht, Gefühle auszuschalten

Er selbst habe versucht, seine Gefühle auszuschalten und sich nur wie ein Organisator zu verhalten. In den ersten drei Tagen seien die fünf Deutschen, fünf Italiener, ein Rumäne und acht Ägypter etwas ruppig, danach aber gut behandelt worden. Am vorletzten Tag, als sie ihr Lager 20 Kilometer von der Grenze zum Tschad und 250 Kilometer von Ägypten entfernt aufgeschlagen hatten, gab es allerdings eine Situation, die gefährlich war und auch ihm Angst eingejagt habe. Nachdem sudanesische Soldaten sechs der Banditen erschossen hatten, tauchte ein neuer Boss auf, liess die Gewehre seiner Männer entsichern, gab die Geiseln aber schliesslich doch frei.

Alle 19 mussten sich in einen Landcruiser pferchen und fuhren Richtung Norden, wo sie 70 Kilometer nach der Grenze auf ägyptische Anti-Terror-Einheiten stiessen, die dort schon eine Woche gewartet hatten. Eine heldenhafte Befreiungs- und Rettungsaktion, wie die ägyptische Regierung glauben machen wollte, hat es nicht gegeben. Das haben auch andere Geiseln gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur Ansa bestätigt. Rahim nennt zwei Strategien, die zur Entspannung der Lage beigetragen hätten.

Vertrauensschwur auf den Koran

Als die Banditen ihre Lösegeldforderung stellten, schloss er mit ihrem Anführer einen Garantiepakt. «Dieser schwor mit der Hand auf dem Koran, nachdem er die rituellen Waschungen vorgenommen hatte, dass alle Geiseln freikommen, wenn das Lösegeld übergeben ist. Ich habe geschworen, dass ich ihn nicht betrüge. Das schuf Vertrauen», erklärt der Reiseleiter.

Zudem hätten die vier ägyptischen Fahrer die Verbrecher nach allen Regeln der Kunst «eingeseift». Das heisst, sie gut behandelt und bewirtet und ihnen das Gefühl vermittelt, dass man sie nicht als Verbrecher betrachte und dass man Verständnis für die Banditen habe, die sich mit solchen Raubzügen ihren Lebensunterhalt verdienen. Einer fragte am Schluss gar noch nach der Adresse eines Ägypters, damit er nach Kairo kommen und sich eine Arbeit suchen könne.

Bedächtige deutsche Behörden

Über Rahims Frau, die selbst Deutsche ist, wurde der Kontakt zur deutschen Botschaft in Kairo hergestellt. Die Entführer verlangten sechs Millionen Dollar Lösegeld. Es dauerte sieben Tage, bis es eine Zusage über zwei Millionen gab. «Die deutschen Beamten haben gearbeitet wie nach einem Kochbuch, zu langsam und nicht kreativ. Die Gangster wurden langsam nervös, weil vieles nicht glaubwürdig klang.» Als der deutsche Beamte mit den zwei Millionen sich schliesslich auf den Weg machte, hatte das Drama bereits einen anderen Ausgang gefunden. Die Banditen mussten sich mit den drei Landcruisern, den Satellitentelefonen, den Navigationsgeräten sowie den Wertgegenständen der Touristen begnügen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch