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Und wenn das Schlepperschiff ein Fischerboot ist?

Die EU will die Boote der Schlepper zerstören. Warum das in Libyen schlecht ankommt und ein «Reality-Check» gefordert wird.

Ein Kritiker hält die Unterscheidung zwischen Fischer- und Schmugglerbooten für schwierig: Illegale Migranten werden nach Libyen zurückgebracht, nachdem sie versucht hatten, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. (6. Mai 2015)
Ein Kritiker hält die Unterscheidung zwischen Fischer- und Schmugglerbooten für schwierig: Illegale Migranten werden nach Libyen zurückgebracht, nachdem sie versucht hatten, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. (6. Mai 2015)
Aymen Elsahli, Reuters

Die EU möchte das Schlepper-Unwesen in Libyen an der Wurzel bekämpfen. Die Idee von EU-Strategen, die Überfahrt von Flüchtlingen über das Mittelmeer notfalls direkt auf libyschem Boden zu bekämpfen, stösst im betroffenen Land auf Skepsis und Ablehnung. Zu den Plänen, die am Montag bei einem Treffen der Aussen- und Verteidigungsminister der Europäischen Union vorangetrieben werden sollen, zählt das Versenken von Schiffen an der libyschen Küste, noch bevor sie von den Schleppern auf den Weg gebracht werden.

«Keine gute Idee», meinte der UNO-Botschafter der international anerkannten libyschen Regierung, Ibrahim al-Dabashi, am letzten Freitag gegenüber dem US-amerikanischen Journal «Foreign Policy». «Es wird sehr schwierig sein, Fischerboote und Schmugglerboote voneinander zu unterscheiden. Für die Fischer könnte das katastrophal werden.»

«Pfeifen auf Souveränität Libyens»

Dabei kontrolliert Dabashis Regierung gar nicht die Küsten, von denen aus die Flüchtlingsschiffe in See stechen. Libyen ist derzeit tief gespalten. Die eher säkulare, international anerkannte Regierung sitzt weit im Osten, in Tobruk und al-Bayda. Im Westen mit den Hauptschmuggelhäfen Sabratha, Suwara und al-Chums haben diverse Milizen das Sagen. Sie sind mit der islamistischen Gegenregierung in der Hauptstadt Tripolis verbunden.

Der Diplomat des Tobruk-Kabinetts artikuliert allerdings eine Stimmung, die für die Bürger aller Landesteile charakteristisch zu sein scheint. «Das zeigt nur, wie diese EU-Politiker auf die Souveränität unseres Landes pfeifen», meint etwa der 35-jährige Hassan al-Kib aus Tripolis. «Die Aktion wird ihnen ausser hohen Kosten nichts bringen.»

Komplexe Organisation

Der 39-jährige Murad al-Suwari arbeitet als sogenannter «Koordinator» für Schmuggeloperationen in Suwara, 90 Kilometer westlich von Tripolis. «Da gibt es Menschen mit ganz verschiedenen Aufgaben», erklärt er den komplexen organisatorischen Hintergrund dieses Geschäfts.

«Der eine wirbt die ‹Kunden› an, die nach Europa wollen», sagt al-Suwari. «Ein anderer vermietet sein küstennahes Landwirtschaftsgebäude als temporäres Quartier. Und dann ist da der Typ, der die Strippen zieht, der das Geld einsammelt und dann am Tag X sagt: ‹Das Boot ist bereit, geht zum Strand!›»

Meist steigen die Flüchtlinge in Schlauchboote, die sie zu einem weiter draussen vor Anker liegenden Schiff bringen. Häufig hat es der Schlepper-Chef Fischern abgekauft. In seiner Kalkulation ist der Kaufpreis ein Abschreibposten. Er geht von vornherein davon aus, dass der Kahn bei der Aktion verloren geht.

Katastrophe einkalkuliert

Das Sinken der heillos überfüllten Schiffe ist zynischerweise einkalkuliert. Denn es erhöht den Druck auf die italienische Küstenwache, die Flüchtlinge zu retten, um nicht erneut eine Katastrophe mit 800 Toten wie im Vormonat hinnehmen zu müssen. Sinkt ein Schiff nicht, treibt es nach der Rettung der Flüchtlinge auf dem offenen Meer. Beauftragte des Schlepperrings holen es bei Gelegenheit zurück nach Libyen. Es kann dann noch einmal verwendet werden und zusätzlichen Profit für die Schlepper abwerfen.

Die Strippenzieher dieses schmutzigen Geschäfts wären idealerweise das Ziel kühner Zugriffsaktionen von Militärkommandos williger EU-Staaten. Schlafen Sie unruhig seit dem Bekanntwerden der EU-Pläne? Suwari lacht auf. «Das sind Menschen mit grausamen Herzen», kontert er. «Sie lassen sich nicht von ihrem Treiben abbringen, so lange jemand bereit ist, dafür viel Geld zu bezahlen.»

SDA/thu

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