Über 600 Festnahmen bei Protesten in Tunesien

In mehreren Städten Tunesiens ist es zu gewaltsamen Protesten gekommen. Ein 40-jähriger Mann wurde getötet.

Der Frust in Tunesien ist gross: Gewaltsame Proteste vorgestern in der nordwestlich von Tunis gelegenen Stadt Ettadhamoun. (Video: Tamedia/AFP)

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Nach der dritten Nacht in Folge mit gewaltsamen Protesten in Tunesien ist die Zahl der Festgenommenen nach Angaben des Innenministeriums auf mehr als 600 gestiegen. Bei Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften seien landesweit 328 Menschen festgenommen worden, sagte ein Sprecher. Allerdings habe die Intensität der Gewalt nachgelassen.

Die Verhaftungen am Mittwoch seien wegen Diebstahls, Plünderungen, Brandstiftung und Strassenblockaden erfolgt, erläuterte der Sprecher. Bereits am Dienstag waren demnach 237 Menschen und am Montag 44 Menschen festgenommen worden.

21 Polizisten verletzt

In der nordtunesischen Stadt Thala wurde in der Nacht auf Donnerstag nach Angaben des Sprechers ein wichtiger Polizeiposten angezündet. Landesweit seien bei den Auseinandersetzungen in dieser Nacht 21 Polizisten verletzt worden.

Die Proteste richten sich gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Sparpolitik der Regierung. In der nordtunesischen Stadt Siliana bewarfen Jugendliche die Sicherheitskräfte mit Steinen und Molotow-Cocktails. Die Polizei setzte Tränengas ein. In Kasserine im Zentrum des Landes zündeten junge Demonstranten Reifen an, um Strassen zu blockieren. Sie bewarfen die Polizei mit Steinen.

Proteste auch in der Hauptstadt

Ähnliche Szenen spielten sich in Sidi Bouzid und in einigen Vierteln der Hauptstadt Tunis ab. Auch in Tebourba westlich der Hauptstadt Tunis seien am Mittwochabend Demonstranten auf die Strasse gegangen, berichteten Einwohner. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt, sagte ein Einwohner.

In Tebourba war am Montag bei gewaltsamen Protesten ein etwa 40-jähriger Mann getötet worden. Unklar ist nach wie vor die Todesursache. Das Innenministerium bestritt, dass die Polizei den Mann getötet habe.

Das Verteidigungsministerium teilte mit, dass wegen der Ausschreitungen in den grösseren Städten nun Soldaten vor Banken, Postfilialen und Regierungsgebäuden postiert worden seien.

Premier bedauert «Vandalismus»

Am Mittwoch hatte der tunesische Regierungschef Youssef Chahed bei einem Besuch in der Nähe von Tebourba die gewaltsamen Proteste als «Vandalismus» verurteilt. Er bedauerte, dass jedes Mal «Vandalen» auftreten würden, wenn es in Tunesien zu sozialen Spannungen komme.

Ein Sprecher der linken Oppositionspartei Volksfront bezeichnete es zwar als «illegitim», Staatseigentum zu zerstören. Zugleich appellierte er an Regierungschef Chahed, «Lösungen für die jungen Tunesier» zu finden. «Friedliche Demonstrationen» seien Teil der Demokratie. (sep/sda)

Erstellt: 11.01.2018, 23:03 Uhr

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