Trumps martialischer Triumph

Der US-Präsident hat die Tötung des IS-Chefs Baghdadi aus dem Kommandoraum mitverfolgt. Den Einsatz kommentiert er mit drastischer Rhetorik.

«Abu Bakr al-Baghdadi ist tot»: US-Präsident Donald Trump informiert über den Einsatz gegen den IS-Anführer. Video: AP
Moritz Baumstieger@baumstieger
Alan Cassidy@A_Cassidy

Von dem Auftritt Donald Trumps wird nicht nur in Erinnerung bleiben, dass er damit den Tod von Abu Bakr al-Baghdadi verkündigte. In Erinnerung bleiben wird auch die Art und Weise, wie er es tat.

«Er starb wie ein Hund», sagte der US-Präsident am Sonntag über den Gründer und Anführer des sogenannten Islamischen Staats. «Er starb wie ein Feigling. Er winselte, weinte und schrie bis zum Schluss.» Mit diesen Worten bestätigte Trump im Weissen Haus, was zuvor durchgesickert war: Einer der meistgesuchten Terroristen der Welt ist nach jahrelanger Flucht umgekommen – die Folge eines Einsatzes von US-Spezialkräften nahe Idlib, im Nordwesten Syriens.

Nach der Schilderung des US-Präsidenten begann der Einsatz am Samstagabend, als die US-Soldaten mit Hubschraubern in die Gegend flogen, in der sich Baghdadi aufhielt. Sie landeten neben einer Anlage, sprengten Löcher in die Mauern und verschafften sich Zutritt zum Gebäude. Dort hätten sie bei einem Gefecht viele IS-Kämpfer getötet und Baghdadi anschliessend in einen Tunnel gejagt, aus dem es keinen Ausweg gab.

In diesem Tunnel habe sich Baghdadi schliesslich mit einem Sprengstoffgürtel getötet. Bei der Explosion seien auch drei Kinder getötet worden, die Baghdadi mitgenommen hatte, sagte Trump. Baghdadis Leiche sei zwar verstümmelt, doch DNA-Tests hätten zweifelsfrei bestätigt, dass es sich um den Terroristenführer handelte. Die US-Spezialkräfte hätten bei dem Einsatz keine Verluste erlitten.

Trump will Videoaufnahmen veröffentlichen

Trump versah seinen Auftritt immer wieder mit drastischer Rhetorik. «Dieser Schurke, der so sehr versuchte, andere einzuschüchtern, verbrachte seine letzten Augenblicke in absoluter Angst, in totaler Panik und Schrecken vor den amerikanischen Truppen, die auf ihn zustürmten», sagte er über Baghdadi. Er habe die Operation aus dem Kommandoraum des Weissen Hauses verfolgt, wo man alles sehr deutlich gesehen habe: «Es sah aus wie in einem Film.»

Trump sprach sich dafür aus, die Videoaufnahmen von Baghdadis Tod zu veröffentlichen, um seinen Anhängern zu zeigen, dass ihr Idol nicht als der Held starb, als der er für sie gelte. Insgesamt hätten die Einheiten zwei Stunden auf der Anlage verbracht und dabei viele wertvolle Informationen über den IS sichergestellt.

Trump bedankte sich in seiner Rede bei Russland, der Türkei, Syrien, dem Irak und den Kurdenmilizen für ihre Unterstützung bei dem Einsatz – in dieser Reihenfolge. Welche Rolle die einzelnen Staaten und die Kurden dabei genau spielten, war zunächst unklar.

Klar ist aber, dass der Tod Baghdadis für Trump ein politischer Triumph ist, besonders, nachdem er mit dem überraschenden Abzug von US-Truppen aus dem Nordosten Syriens parteiübergreifend in die Kritik geriet. Seit seinem ersten Tag im Amt habe er darauf gedrängt, den IS-Führer zur Strecke zu bringen, sagte Trump: «Die Welt ist nun ein sicherer Ort.»

Überraschendes Versteck

Dass sich Baghdadi, der sich im Juli 2014 zum Kalifen des neu ausgerufenen sogenannten Islamischen Staats ernannte, ausgerechnet in der weitgehend abgeriegelten Provinz Idlib versteckte, überrascht viele Beobachter des Terrornetzwerkes.

Es handelt sich zwar um eine der ersten Gegenden, in der sich die Terrormiliz 2013 in Nordsyrien festsetzen konnte. Doch selbst wenn der IS dort immer noch über Netzwerke verfügt, ist das Versteck alles andere als ideal: In der Region herrscht die al-Qaida-nahe Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS). Baghdadi, der in einem Gefangenencamp der USA nach der Irak-Invasion 2003 Kontakt zum lokalen al-Qaida-Ableger fand und seit 2010 als dessen Chef agierte, erkannte die Führungsrolle der al-Qaida-Spitze ab 2013 nicht mehr an. Milizen wie HTS betrachten den IS seither als Abtrünnige und liessen teils fast manisch nach dessen Zellen fahnden, gefasste Mitglieder öffentlich hinrichten.


Das Kalifat ist noch lang nicht besiegtFalls US-Präsident Donald Trump hofft, das Monster endgültig besiegt zu haben, dann täuscht er sich.


Neben den Islamisten sind türkische Agenten aktiv, Ankaras Armee unterhält in der Region Stützpunkte. Und während die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sich derzeit auf die Kurdengebiete richtet, bereiten syrische und russische Truppen eine Operation gegen Idlib vor.

Zu all dem kommt eine weitere Kraft, die in Idlib Augen und Ohren offenhält: Der oberste General der kurdischen YPG-Miliz, Maslum Abdi, reklamierte wie auch die Türkei und Irak für sich, durch «gemeinsame Geheimdienstarbeit» mit den USA die entscheidenden Hinweise über Baghdadis Verbleib besorgt zu haben. Nahe Barischa, dem Ort, an dem Baghdadi aufgespürt wurde, liegt der Kanton Afrin, in dem die Kurden bis 2018 das Sagen hatten und in dem sie wohl bis heute klandestine Netzwerke unterhalten.

IS-Chef war wohl konstant in Bewegung

Aus all diesen Gründen galten schwer kontrollierbare Gebiete in Baghdadis Heimatland Irak nahe der syrischen Grenze bisher als wahrscheinlichere Aufenthaltsorte des 1971 geborenen Bauernsohnes, der seinen Stammbaum bis auf den Propheten Mohammed zurückführte.

Einige Experten wie der aus Ostsyrien stammende Journalist Hassan Hassan sehen in jener Abwegigkeit die Erklärung: «Wenn überhaupt, hätte man die Gegend in Betracht gezogen, weil sie so kontraintuitiv ist», schrieb Hassan. «Niemand hätte dort nach Baghdadi gesucht». Dass der Führer der Terrormiliz dort aber dauerhaft gewohnt hätte, wie einst al-Qaida-Chef bin Laden in einem abgeschotteten Gehöft in Pakistan, hält Hassan für unmöglich.

Wahrscheinlicher sei, dass der IS-Chef konstant in Bewegung war, um seinen Häschern zu entgehen. US-Verteidigungsminister Mark Esper deutete am Sonntag bei einem CNN-Interview an, dass es «Grund zur Sorge» gegeben habe, dass Baghdadi über die türkische Grenze fliehen wollte. Details nannte er keine.

Ob Baghdadi aus einem anderen Versteck aufgescheucht wurde, etwa in Folge der türkischen Operation gegen die Kurdenmiliz YPG, ist bisher Bestandteil von Spekulationen. Genau wie die Frage, ob die von den USA auf al-Baghdadi ausgesetzten 25 Millionen Dollar Kopfgeld wohl einen Empfänger finden werden.

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