Trump wollte noch härter zuschlagen

Der US-Präsident wurde vor dem Raketenangriff auf Syrien von seinem Verteidigungsminister zurückgebunden.

Die USA hat weitere Angriffe angedroht: UNO-Botschafterin Nikki Haley sagte an der Sondersitzung des Sicherheitsrats, die USA sei gemäss Trump «geladen und schussbereit». (Video: AFP/Tamedia)

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«Mission Accomplished». US-Präsident Donald Trump wählte die umstrittene, von seinem Vorvorgänger George W. Bush geprägte Formel, um gestern Morgen auf Twitter seine Befriedigung über die alliierten Militärschläge gegen Chemiewaffenanlagen in Syrien auszudrücken.

Die gemeinsame Aktion der USA, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs war als Vergeltungsschlag gegen den neuerlichen Chemiewaffeneinsatz vom vergangenen Wochenende gedacht, der in Douma östlich von Damaskus mindestens 42 Menschen tötete. «Wir können nicht zulassen, dass der Einsatz von Chemiewaffen normal wird - in Syrien, auf den Strassen in Grossbritannien oder irgendwo anders in unserer Welt», sagte die britische Premierministerin Theresa May. Der französische Aussenminister bezeichnete das Vorgehen des westlichen Staatentrios als «verhältnismässig und gezielt».

US-Präsident Trump wäre gern noch weiter gegangen. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, berührten die Bilder der Giftgasopfer und insbesondere der Kinder den vierfachen Vater tief. «Eine weitere humanitäre Katastrophe ohne irgendwelchen Grund. KRANK!», tweetete er am letzten Sonntag. Dann soll er 20-Stunden-Tage damit verbracht haben, eine Koalition zu bilden. In einer konzentrierten Aktion wollte er möglichst rasch eine Strafaktion gegen das Regime des syrischen Machthabers Bashar al-Assad lostreten.

Video zeigt Raketenabschuss

Das US-Militär veröffentlichte ein Video, das den Abschuss einer Rakete zeigt.

Vor rund einem Jahr schlug Trump schon 72 Stunden nach einem Chemiewaffeneinsatz zu. Die Angriffsflüge amerikanischer Marschflugkörper auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt hielten Assad in der Folge aber nicht davon ab, immer wieder Bomben mit Chlorgas über Zivilisten abzuwerfen.

Bolton soll zu «ruinösem» Angriff geraten haben

Trump schwebte diesmal eine grössere, wirksamere Strafaktion vor. Angeblich bot sich schon am Donnerstag eine Möglichkeit dazu. Doch US-Verteidigungsminister James Mattis riet davon ab. Der Viersternegeneral in Trumps Kabinett wollte abwarten, bis der Sachverhalt des Chemiewaffeneinsatzes einwandfrei feststand. Zudem fürchtete er, eine allzu massive Aktion könnte eine Konfrontation mit den russischen Streitkräften in Syrien auslösen.

Trump sah sich vom neuen Sicherheitsberater John Bolton bestärkt. Der als «Über-Falke» bekannte Schnauzbart soll in seiner ersten Arbeitswoche einen «ruinösen» Angriff vorgeschlagen haben, der zusätzlich Teile von Assads Regierung und der nationalen Infrastruktur ausser Gefecht gesetzt hätte. Am Ende setzte sich jedoch der Bremser Mattis durch, und Trump gab sein Okay bloss für stark begrenzte Militärschläge.

Trump: USA ist «geladen und schussbereit»

Wie sehr sich das Denken Trumps von jenem von Mattis unterscheidet, lässt sich aus Formulierungen ablesen. Mattis bezeichnete die in einer Stunde beendete Aktion in Syrien als «einmaligen Schuss». Trump dagegen deutete in seiner Ansprache am späten Freitagabend mögliche Fortsetzungen an: «Wir sind bereit, diese Erwiderung aufrechtzuerhalten, bis das syrische Regime die Verwendung verbotener chemischer Substanzen beendet.»

Trump blieb gestern bei seiner Gefühlslage, das bestätigte UNO-Botschafterin Nikki Haley an der Sondersitzung des Sicherheitsrats in New York. Der Präsident habe ihr am Morgen gesagt, falls das syrische Regime wiederum Chemiewaffen einsetze, seien die USA «locked and loaded», was so viel heisst wie «geladen und schussbereit».

Trumps Wählerschaft ist gespalten

Mit seiner Neigung, im Bedarfsfall entschlossen zuzuschlagen, steht Trump im eigenen Land nicht allein. Neokonservative und militärische Falken haben die Angriffe als unzureichend kritisiert. Der oft auf Fox News auftretende Ex-General Jack Keane etwa hätte befürwortet, sämtliche syrischen Flugzeuge und Helikopter zu zerstören, damit das Regime keine Bomben mehr abwerfen könne. Bei der nun erfolgten bescheidenen Strafaktion habe sich der Chemiewaffeneinsatz gelohnt, denn danach hätten die Rebellen aufgegeben.

Umgekehrt fürchten Isolationisten, dass Trump auf einen abschüssigen Pfad geraten sei. «Dies ist ein Sieg der Neocons und der Kriegspartei», sagte der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan. Gleicher Ansicht sind linke Demokraten wie die Senatorin Kristen Gillibrand. Für den Militäreinsatz in Syrien gebe es «keinen Plan, keine Exit-Strategie und keine Autorisierung durch den Kongress», rügte die New Yorkerin.

Auch die Wählerbasis des Präsidenten zeigte gestern gemischte Gefühle. Für viele widerspricht der Vergeltungsschlag Trumps erklärter Absicht, keine Militärabenteuer im Ausland mehr zuzulassen. Mit seinem «Mission Accomplished»-Tweet hat Trump den Argwohn der Fans genährt: Schliesslich fing unter Bush das Debakel im Irak danach erst richtig an.


Nun rasten Trumps treuste Anhänger aus Mit dem Militäreinsatz gegen Syrien hat der US-Präsident eine Revolte seiner kriegsmüden Basis losgetreten. Zum Artikel (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 11:11 Uhr

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