Syrischen Kurden droht Jesiden-Schicksal

Warum haben die IS-Jihadisten 49 türkische Geiseln freigelassen? Von kurdischer Seite gibt es dafür eine Erklärung.

Auf der Flucht vor den Jihadisten: Kurdische Frau aus Syrien mit ihrem dreimonatigen Mädchen an der türkischen Grenze in Suruc.

Auf der Flucht vor den Jihadisten: Kurdische Frau aus Syrien mit ihrem dreimonatigen Mädchen an der türkischen Grenze in Suruc.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) versuchen seit Tagen, die Stadt Ain al-Arab an der syrisch-türkischen Grenze einzunehmen. Und sie kommen ihrem Ziel immer näher, wie Nachrichtenagenturen übereinstimmend berichten. Bei einer Einnahme der von Kurden kontrollierten Stadt könnte der IS die von ihm beherrschten Gebiete westlich, südlich und östlich von Ain al-Arab verbinden und damit seine Macht in Nordsyrien konsolidieren. Die kurdische Enklave Ain al-Arab im IS-Gebiet befindet sich 110 Kilometer nördlich des IS-Hauptquartiers in Raqqa.

Die IS-Jihadisten hatten in diesem Jahr bereits zweimal versucht, Ain al-Arab zu erobern. Beide Male wurden sie jedoch von Kämpfern der Demokratischen Kurdischen Union (PYP) zurückgeschlagen. Die PYP gilt als Ableger der türkischen PKK in Syrien. Beim dritten Angriff auf Kobane, wie Ain al-Arab von den Kurden genannt wird, scheinen die Jihadisten mehr Erfolg zu haben. Vertreter der Kurden im Kampfgebiet um Kobane warnen eindringlich vor einer erdrückenden Übermacht der IS-Milizen.

«Die Türkei steckt hinter den IS-Gangs»

Für den Kurdischen Nationalkongress mit Sitz in Brüssel, in dem ein Dutzend Parteien vertreten sind, ist der Fall klar: Die IS-Kämpfer sind im Kampf um Kobane sowie andere kurdische Gebiete in Nordsyrien deshalb im Vormarsch, weil sie von der Türkei unterstützt werden. Und die Union der Gemeinschaften Kurdistans, eine kurdische Untergrundorganisation, lässt verlauten, dass «die Türkei hinter den IS-Gangs steckt».

Die heimliche Kooperation oder zumindest die «Laissez faire»-Haltung der türkischen Regierung im Kampf um Kobane soll den IS am vergangenen Wochenende veranlasst haben, 49 türkische Geiseln freizulassen. Diese waren vor drei Monaten von IS-Milizen im Nordirak verschleppt werden. Wie der Kurdische Nationalkongress zu verstehen gibt, belohnte der IS die Türkei mit der Freilassung der Geiseln, weil sie ihn gewähren lässt – aber auch, weil sie sich nicht der Anti-IS-Allianz unter Führung der USA angeschlossen hat.

Gemäss kurdischen Informationen soll die Türkei auf ihrem Territorium Angriffe von IS-Kämpfern auf die kurdische Grenzstadt Kobane erlaubt haben. Schon länger ist bekannt, dass die türkische Regierung in Kauf nimmt, dass der gesamte IS-Nachschub an Kämpfern und Kriegsmaterial über ihr Land läuft. Ankara hat ein Interesse daran, dass die Terrororganisation IS die PKK-nahen Kurden im Norden Syriens schwächt. Ankara will eine kurdische Zone entlang der türkisch-syrischen Grenze verhindern.

Kobane – Stadt mit symbolischer Bedeutung

Die Kurden erheben schwere Vorwürfe gegen die Türkei: Während IS-Kämpfer praktisch ungehindert die Grenze zwischen der Türkei und Syrien passieren können, gibt es immer wieder Probleme und Tumulte, wenn Kurden von einem ins andere Land gehen wollen. Seien es syrische Kurden, die in die Türkei fliehen möchten, oder Kurden aus der Türkei, die sich in Syrien dem Kampf gegen die IS-Milizen anschliessen wollen.

Die Schlacht um die Stadt Kobane ist Teil eines langen Kampfes zwischen dem Islamischen Staat und den Kurden im Grenzgebiet zur Türkei. Für die Kurden besitzt die Stadt grosse symbolische Bedeutung: Als erste kurdische Stadt war Kobane am 19. Juli 2012 vom Assad-Regime befreit worden. Von Kobane aus konnten die kurdischen Schutzeinheiten des Volkes (YPG), des militärischen Arms der PYD, ihre Kampagne zur Kontrolle der Kurdengebiete im Norden Syriens ausweiten. Vor diesem Hintergrund hat die Türkei offenbar kein Interesse, entschieden gegen den IS vorzugehen.

Es drohen Massaker und humanitäre Katastrophe

Nach Ansicht des Kurdischen Nationalkongresses muss der IS-Vormarsch im kurdischen Kanton Kobane in Nordsyrien gestoppt werden. Sonst drohe Kobane dasselbe Schicksal wie den kurdischen Jesiden in der nordirakischen Sinjar-Region im vergangenen August. Dort hatte der IS die Jesiden vertrieben und teilweise massakriert. Der Kurdische Nationalkongress warnt vor einer humanitären Katastrophe und Massakern im west-kurdistanischen Gebiet in Nordsyrien.

Die syrischen Kurden fühlen sich im Stich gelassen. Während der Westen im Kampf gegen den IS die Kurden im Nordirak militärisch unterstütze, helfe er den Kurden in Nordsyrien nicht. Dies sei umso unverständlicher, als die im Irak zurückgedrängten IS-Kämpfer ihre Operationen auf syrischem Gebiet wieder verstärkt hätten. Besonders bedroht ist der Kanton Kobane, wo über 500'000 Kurden leben.

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