Syriens Giftgas wurde auch in Spiez aufgespürt

Es gehört zu den vier Toplabors, die eben an Proben aus Syrien den Einsatz des Nervengases Sarin nachgewiesen haben. Stefan Mogl, Chef Fachbereich Chemie, berichtet, wie man in Spiez gearbeitet hat.

UNO-Inspektoren nehmen am 28. August Sandproben für die chemische Analyse. In einem Vorort von Syriens Hauptstadt Damaskus.

UNO-Inspektoren nehmen am 28. August Sandproben für die chemische Analyse. In einem Vorort von Syriens Hauptstadt Damaskus.

(Bild: Keystone)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen.

Atemlose Tage und viele Überstunden hat das sechsköpfige Spezialteam für Kampfstoffanalysen im Labor Spiez hinter sich. Wie Sprecher Andreas Bucher bestätigt, wurde unter anderem in Spiez in den letzten zwei Wochen der Beweis erbracht, dass im syrischen Bürgerkrieg wirklich das Nervengas Sarin gegen die Zivilbevölkerung zum Einsatz kam.

Der am Montag publizierte UNO-Bericht über den Angriff vom 21.August auf Ghouta, einen Vorort von Damaskus, nennt die vier Länder Deutschland, Finnland, Schweden und die Schweiz, in denen je ein Labor die Proben des UNO-Inspektionsteam untersuchte.

Eskorte von Kloten nach Spiez

Die Arbeit begann für die Spiezer am Abend des 4.September am Flughafen Zürich-Kloten, berichtet Stefan Mogl, im Labor der Chef des Fachbereichs Chemie. Spiezer Mitarbeiter waren schon dabei, als man dort aus einem eben gelandeten Flugzeug, das die «Organization for the Prohibition of Chemical Weapons» (OPCW) im Auftrag der UNO gechartert hatte, die versiegelten Proben aus Syrien auslud. Die Zeit drängte. Die Welt wartete auf den Beweis, dass Giftgas im Spiel ist. Mit einer gesicherten Autoeskorte wurden die Proben nach Spiez gefahren, wo das Labor nach einer Überprüfung der Siegel offiziell die Obhut über die heisse Fracht übernahm.

Wie muss man sich die Proben vorstellen? «Es war eine Schachtel mit Probengefässen», sagt Stefan Mogl. Er darf nur bestätigen, was im UNO-Bericht publik gemacht worden ist. Dort ist jede Probe samt Analyseergebnis aufgelistet, ohne dass das analysierende Labor aber namentlich genannt ist.

Das Labor Spiez ist eine der beiden Institutionen, die je alle Umweltproben untersuchten. Die zwei anderen Labors nahmen die klinische Analyse der Blut- oder Urinproben vor. Zu den Umweltproben gehören laut Mogl unter anderem Erde oder Kleider. Und auch in Fläschchen abgefüllte Extrakte von Geschossteilen, die mit Lösungsmitteln gespült worden waren.

Zuhauf Belege für Nervengift Sarin

In einem ersten Schritt, erklärt Mogl, sei es das Ziel, Spuren von Kampfstoffen oder relevante Abbauprodukte aus den Proben zu extrahieren. Dann erst können diese mit verschiedenen Analysegeräten entdeckt werden. Dies spiele sich «rund um die Uhr» ab. «Unsere Messgeräte waren voll ausgelastet, und wir sind immer noch an der Arbeit», sagt Mogl.

Der Befund der Spiezer war eindeutig und erdrückend. Im UNO-Bericht kann man nachlesen, in wie vielen Proben man Sarin oder spezifische Abbauprodukte feststellte. Sarin ist ein Nervengift, das über die Atemwege, die Augen oder durch die Haut in den Köper eindringt und dort die Signalübertragung der Nervenbahnen angreift. Es löst eine Verengung der Pupillen und Atemnot aus, dann den Ausfluss von Sekreten, Durchfall und Krämpfe. Wer nicht das Gegengift Atropin erhält, erstickt. «Wer Sarin einsetzt, will töten», bestätigt Mogl.

Hat man sofort die allerersten Sarinspuren an die OPCW weitergemeldet? «Man meldet einen Befund erst, wenn er definitiv erhärtet ist, eine Falschmeldung wäre schlimm», sagt Mogl. Ob es während der letzten zwei Wochen besondere Sicherheitsvorkehrungen gab, dazu sagt er nur: Im Labor würden immer Zugangsbeschränkungen gelten.

Politische Spiele um UNO-Bericht

Das Labor Spiez, das zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz gehört, untersucht nicht zum ersten Mal heikle Proben. Es ist eine von der OPCW zertifizierte Institution für die Analyse von Kampfstoffen. 1985 wies das Labor Spiez den Einsatz chemischer Kampfstoffe durch Saddam Husseins Irak im irakisch-iranischen Krieg nach.

Zur Professionalität der Spiezer gehört ihre Zurückhaltung. Sie äussern sich nicht zur politischen Instrumentalisierung des UNO-Berichts. Russland und Syrien behaupten, er belege nicht, dass das Giftgas durch Bashar al-Assads Regierungsarmee eingesetzt worden sei. Fotos im UNO-Bericht zeigen ein in einem Erdkrater steckendes Raketenfragment mit kyrillischen Buchstaben. Es ist 60 Zentimeter lang und kann 50 Liter Flüssigkeit transportieren. Es dürfte aus Armeebeständen stammen. Wer die Rakete abgeschossen hat, steht nicht im Bericht, der ganz sachlich die Suche nach Sarinspuren dokumentiert.

Die Analyse der Syrien-Proben sei «nicht nur für das Labor Spiez, sondern für die Welt ein Challenge», sagt Mogl. «Es ist ein Riesenerfolg, dass mitten in einem Bürgerkrieg ein hochprofessionelles und unabhängiges Team zur richtigen Zeit vor Ort war.» Möglich gemacht habe das auch ein schneller Entscheidmechanismus, der es dem UNO-Generalsekretär erlaubt, in besonderen Lagen eine Untersuchung auszulösen, die die fünf Vetomächte nicht stoppen können.

Bashar al-Assad spielt auf Zeit

Was ist von der amerikanisch-russischen Einigung zu halten, Syriens Chemiewaffen zu vernichten? Präsident Assad hat gestern auf Zeit gespielt, indem er von Milliardenkosten und einer Frist von einem Jahr sprach. Stefan Mogl äussert sich nicht zur Politik. Dass die Vernichtung von Chemiewaffen aufwendig sei, bestätigt er. Zuerst gehe es nun darum, die vorhandenen Waffen aufzulisten und sicherzustellen, dass sie nicht mehr eingesetzt werden können. Das sei schon schwierig genug.

Berner Zeitung

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