Zum Hauptinhalt springen

«So viele Demonstranten wie möglich töten»

Syrien versinkt im Chaos, verlässliche Informationen sind Mangelware. Ein desertierter Scharfschütze gibt Einblick in den Krieg, den Bashar al-Assad gegen die eigene Bevölkerung führt.

Daraa am 23. März 2011: Demonstranten tragen einen Mitstreiter weg, der von Regierungstruppen niedergeschossen wurde.
Daraa am 23. März 2011: Demonstranten tragen einen Mitstreiter weg, der von Regierungstruppen niedergeschossen wurde.
AFP

Ende Mai hatte er genug gesehen. Einen Monat nachdem er nach Daraa, der Protesthochburg im Süden, entsandt worden war, beschloss er mit 20 weiteren Angehörigen der 47. Division der syrischen Armee, seiner misslichen Lage ein Ende zu bereiten. «Wir waren nicht die Ersten, die aus Daraa desertierten», sagt der anonyme Ex-Scharfschütze dem Mediennetzwerk al-Jazeera. Vor ihnen seien schon 100 bis 150 Soldaten aus der Schlacht geflohen, die sie nie hatten schlagen wollen.

Mittlerweile ist er im türkischen Exil, Reporter von al-Jazeera haben zwei telefonische Interviews mit ihm geführt. Das Zeugnis, das der desertierte Scharfschütze abgegeben hat, haben die Journalisten zur Prüfung mit Informationen verschiedener NGOs abgeglichen.

«Zielt auf Herzen und Köpfe»

Die Mission an die Scharfschützen war eindeutig: Von ihren Stellungen auf den höchsten Dächern Daraas sollten sie von Beginn des Einsatzes an «auf Herzen und Köpfe zielen und so viele Demonstranten wie möglich töten». Dabei sei der Einsatz in Daraa Chefsache gewesen: Sämtliche Truppen hätten unter dem Oberbefehl von Maher al-Assad gestanden, dem Bruder des Präsidenten und Kommandanten der berüchtigten 4. Division.

«Zu desertieren war für mich eine Entscheidung über Leben und Tod», sagt er. «Ich konnte nicht mehr länger zuschauen, wie Menschen vor meinen Augen tot umfielen – auch wenn sie nicht durch meine Waffe starben.» Der Scharfschütze erzählt, er habe seine Ziele absichtlich verfehlt. Die Offiziere, die ihn und seine Kameraden überwachten, hätten in dem allgemeinen Tumult nichts bemerkt. «Es starben so viele Menschen, es war unmöglich zu sehen, ob ich getroffen hatte oder nicht.»

Indoktrinierte Soldaten

Der desertierte Soldat erzählt auch, wie das Regime seine eigenen Soldaten indoktriniert. In der Woche vor der Abreise nach Daraa hätten sie strikten Befehl gehabt, Abend für Abend das Programm von al-Dunya TV zu verfolgen.

Der einzige private syrische Fernsehsender gehört Rami Makhlouf, der al-Assads Cousin und gleichzeitig wohlhabendster und einflussreichster Geschäftsmann des Landes ist. Dort seien die Proteste gezeigt worden, und es habe geheissen, die Demonstranten müssten vor «Terroristen und ausländischen Elementen» beschützt werden. «Wir alle glaubten, was wir auf al-Dunya sahen», sagt der geflohene Scharfschütze. «Wir konnten es kaum erwarten, da runterzugehen und diese Leute zu töten.»

Agents Provocateurs als Legitimation

Vor Ort dann änderte sich die Informationspolitik der Vorgesetzten: «Unsere Basis war weit abgelegen von der Stadt. Wir durften auf keinen Fall mit Zivilisten sprechen. Es gab weder Zeitungen noch Fernsehen, Radio oder Internet. Unsere einzige Informationsquelle waren unsere Offiziere.»

Nach einigen Tagen im Einsatz dämmerte es den rund 100 Angehörigen seiner Einheit. «Wir realisierten, dass die Leute, auf die wir schossen, friedliche Zivilisten waren. Die Kriminellen, das waren unsere Vorgesetzten.» Die einzigen bewaffneten Zivilisten seien jene gewesen, die von der Armee ausgerüstet worden waren: «Ich sah, wie diese Leute Befehle entgegennahmen, bevor sie auf die Demonstranten schossen.» Und nicht nur das: Von seinem Posten auf einem Dach habe er auch gesehen, wie diese Agents Provocateurs die Waffen auf Soldaten richteten, um der Armee die Legitimation für ein hartes Vorgehen zu liefern.

«Am nächsten Morgen war er tot»

Der Entscheid zur Desertion fiel spätestens nach einem Vorfall, der allen im Camp der 47. Division Angst machte: Ein Soldat, der den Schiessbefehl verweigert hatte, sei von den Vorgesetzten zur Rede gestellt worden. «Er sagte, er werde seine Waffe nicht auf unbewaffnete Leute richten. Am nächsten Morgen war er tot», erzählt der Scharfschütze. Die Offiziere machten «Terroristen» dafür verantwortlich, die sich in der Nacht ins Lager geschlichen haben sollten.

Doch für den Scharfschützen und 20 seiner Kameraden wurde klar: Die Zeit zu gehen, war gekommen. Am 25. Mai gaben sie abends wie gewohnt ihre Waffen ab. Nach dem Lichterlöschen aber schlichen sie sich zu einem vereinbarten Treffpunkt und flohen zur Strasse. Sie hielten einen Lastwagen an, dessen Fahrer sie überzeugen konnten, sie nach Damaskus mitzunehmen.

Wenige Tage später kam der Scharfschütze in der Türkei an. Es gehe ihm im Exil jetzt besser. Nur um seine Familie mache er sich Sorgen: «Ich telefoniere jeden Tag mit ihnen. Bisher ist niemand vorbeigekommen, um mich zu suchen. Aber ich mache mir grosse Sorgen um meine Familie, sie könnten Probleme bekommen wegen dem, was ich getan habe. Aber es war meine einzige Möglichkeit.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch