«Sieben Millionen sind akut von Hunger bedroht»

Astrid Nissen vom Roten Kreuz spricht über Bombardements, zerstörte Krankenhäuser und die Choleraepidemie, welche Jemen in den Abgrund reissen.

Ruinen in einem belagerten Stadtteil von Taiz.

Ruinen in einem belagerten Stadtteil von Taiz.

(Bild: Khalid al-Saeed/IKRK/zvg)

Jemen treibt scheinbar unaufhaltsam auf eine humanitäre Katastrophe zu. Seit 2004 verfolgen schiitische Huthi-Milizen im sunnitisch geprägten Jemen separatistische Ziele. Als Mansur al-Hadi 2012 Langzeitherrscher Ali Abdullah Saleh ablöste, verlor er schnell die Kontrolle über das Land. Den Huthis gelang die Eroberung Sanaas und der Hafenstadt Hodeida. Hadi floh nach Saudiarabien.

In den Wirren eroberte auch die Terrororganisation al-Qaida Land im Jemen. 2015 griff eine auch von Frankreich, den USA und den Briten unterstützte arabische Militärallianz unter der Führung Saudi­arabiens in den Konflikt ein. Der Iran unterstützt dagegen die Huthi-Rebellen. Der Teufelskreis aus Krieg, Armut und Cholera ist derart schlimm, dass Vertreter der Weltgesundheitsorganisation WHO letzte Woche erklärten, im Jemen finde zurzeit die «grösste humanitäre Katastrophe der Welt» statt.

Astrid Nissen, Sie kommen gerade aus Sanaa. Wie ist die Lage?Astrid Nissen: Es war schockierend, als wir in Sanaa landeten. Zu beiden Seiten der Landebahn sieht man zerbombte Hangars, ausgebrannte Passagiermaschinen, verkohlte Hubschrauber, Wrackteile. Man passiert Checkpoints mit vielen Bewaffneten.

Sanaa wird noch immer von den Saudis bombardiert?Jeden Tag, meist in der Nacht.

Der Jemen erlebt zurzeit die schlimmste Choleraepidemie, die je dokumentiert worden ist?Cholera wäre normalerweise relativ leicht zu behandeln. Inzwischen haben wir aber 7000 Neuinfektionen jeden Tag. Und bis Ende des Jahres könnte die Zahl der Infizierten von 400 000 auf über 600 000 steigen. 45 Prozent der medizinischen Einrichtungen sind zerstört, weil sie gezielt bombardiert oder bei Kämpfen beschädigt worden sind.

Reichen die vorhandenen Medikamente aus?Nein. Und sie sind für grosse Teile der Bevölkerung unerschwinglich, was dazu geführt hat, dass die an Cholera erkrankten Menschen relativ lange warten, bis sie in ein Krankenhaus gehen. Das heisst, die Patienten, die dort ankommen, sind bereits in einem kritischem Stadium, und der medizinische Aufwand, der betrieben werden muss, um sie zu retten, ist vergleichsweise gross. Deshalb fokussieren wir, also das Deutsche Rote Kreuz, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und andere Partner, uns auf Aufklärungskampagnen.

Zum Beispiel?Wir gehen in die ländlichen Gebiete, auf die Märkte und erläutern einfache Hygienemassnahmen, erklären, wie Nahrungsmittel zubereitet werden müssen, um eine Choleraansteckung zu vermeiden. Auch unterstützen wir die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen sowie die des jemenitischen Roten Halbmondes, unsere Schwestergesellschaft, mit Medikamentenlieferungen. Wir stellen auch Chlor für die Wasserbehandlung und Choleratests zur Verfügung, sowie Diesel für Generatoren, da die Stromversorgung fast zusammengebrochen ist.

Der Krieg geht weiter. Kann das Rote Kreuz die Seuche überhaupt effektiv bekämpfen?Die Herausforderungen sind gewaltig. Viele Kläranlagen wurden gezielt zerstört. Auch die Müllabfuhr funktioniert nicht – und wir befinden uns in der Regenzeit, in der man nach starken Güssen ganze Müllberge durch die Strassen schwimmen sehen kann. Einzelne Organisationen können angesichts dieser Situation wenig ausrichten. Viele Akteure sind gefordert, und sie müssen ihre Arbeit mit dem jemenitischen Roten Halbmond abstimmen.

Die arabische Koalition erschwert die Bereitstellung von humanitärer Hilfe. Wie bringen Sie Hilfe in das Land?Nur unter sehr grossen Schwierigkeiten. Der grösste Hafen in Hodeida wurde durch Bombenangriffe praktisch zerstört. Hilfslieferungen auf dem Landwege werden durch die Checkpoints der Konfliktparteien erschwert. Das IKRK verhandelt ständig mit ihnen, um die Überlebenshilfe schnellstmöglich ans Ziel zu bringen.

Wie gehen die Jemeniten mit der Lage im Land um?Es ist ja nicht nur die Choleraepidemie, die Jemen bedroht. Sieben Millionen Menschen sind von einer massiven Hungersnot betroffen. Da ist auf der einer ­Seite eine gewisse Resignation zu spüren. Auf der anderen Seite ist der Überlebenswille gewaltig.

Wie haben Sie das erlebt?Nachdem in der Nacht die Bomben gefallen sind, stehen die Menschen am Morgen auf, schütteln sich mit dem Gebetsruf des Muezzins. Und das Leben geht weiter, weil es weitergehen muss. Auch im Krieg gibt es eine gewisse Normalität in Sanaa. Die Jemeniten sind freundlich, herzlich und glücklich, dass wir gekommen sind, um zu helfen.

Über Jemen wird in den westlichen Medien wenig berichtet. Weshalb das Desinteresse?Der Jemen hat ein gewisses Stigma in der öffentlichen Wahrnehmung. Schon vor dem Krieg stand das Land im Abseits. Die politische Lage ist sehr kompliziert. Deshalb schalten viele Leute einfach ab, wenn über Jemen berichtet wird. Dabei ist das Land dringed auf internationale Hilfe angewiesen, um überleben zu können.

Berner Zeitung

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