Sicherheitskräfte verletzen Unbeteiligten bei Attentat tödlich

Bei einem Attentat in Israel haben Sicherheitskräfte auch einen unbeteiligten Eritreer erschossen. Nach mehreren Messer-Angriffen beantragen nun Tausende Israelis einen Waffenschein.

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Ein eritreischer Migrant ist in Israel gelyncht geworden, weil Sicherheitsbeamte und Passanten ihn fälschlich für einen Angreifer hielten. Auf dem Busbahnhof der südisraelischen Stadt Beerscheba hatte am Sonntag ein mit Messer und Schusswaffe bewaffneter Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft einen 19-jährigen Soldaten getötet und neun Passanten verletzt. Doch Verdacht und Wut der Menge richtete sich auch gegen den Eritreer, wie israelische Regierungs- und Behördensprecher sagten.

Der eigentliche Angreifer, ein arabischer Israeli aus dem südisraelischen Beduinenort Hura, wurde von Sicherheitskräften erschossen. Ein Sicherheitsmann schoss aber auch den Eritreer an. Aufgebrachte Passanten gingen, wie Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, auf ihn los und schlugen und traten auch dann noch auf ihn ein, als er blutüberströmt und wehrlos am Boden lag. Er erlag am Abend seinen Verletzungen, wie ein Krankenhausarzt am Montag im israelischen Rundfunk mitteilte.

«Es ist schrecklich», sagte Aussenamtssprecher Emmanuel Nahschon. «Es zeigt Ihnen, in welch schrecklicher Lage wir uns befinden.»

Wahlloses Zuschlagen «einsamer Wölfe»

Seit einem Monat gibt es auf öffentlichen Plätzen in Israel Messerangriffe von Palästinensern oder arabischen Israelis auf Passanten. Die Täter waren bis dahin meist unauffällig und gehörten keiner militanten Gruppe an. Das wahllose und unberechenbare Zuschlagen dieser «einsamen Wölfe» hat unter vielen Israelis für Panik gesorgt.

Aber das ist nach Einschätzung von Menschenrechtlern wohl nicht der einzige Grund, der zum Lynchtod des Erirtreers führte. Die Zeitung «Jediot Ahronot» erschien in der Schlagzeile: «Nur wegen seine Hautfarbe.» Viele afrikanische Migranten - Israel hat allein 34'000 Eritreer aufgenommen - beklagen sich über Rassismus und Diskriminierung. Ein rechtsgerichteter Parlamentsabgeordneter hat sie als ein Krebsgeschwür bezeichnet.

«Der Tod eines Asylbewerbers durch die Hände von Sicherheitskräften und einem wütenden Mob ist eine tragische, aber absehbare Folge eines Klimas, in dem israelische Politiker Bürger ermutigen, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen», sagt die Human-Rights-Watch-Aktivistin Sari Bashi.

«Ich hörte von anderen, dass er ein Terrorist sei»

Die israelische Polizei ermittle gegen die Israelis, die sich an der Gewalt gegen den Eritreer beteiligten und ihn «aggressiv schlugen»und traten, «als er am Boden lag und keine Gefahr darstellte», teilte Polizeisprecherin Luba Samri mit.

Einer der israelischen Passanten, die auf den Eritreer einschlug, bedauerte im Militärsender seine Tat. «Ich hörte von anderen, dass er ein Terrorist sei», sagte der Mann. «Wenn ich gewusst hätte, dass er kein Terrorist ist, glauben Sie mir, ich hätte ihn beschützt wie mich selbst. Ich habe die Nacht nicht gut geschlafen. Ich bin angewidert.»

Den Angriffen der sogenannten einsamen Wölfe sind seit September neun Israelis zum Opfer gefallen. 41 Araber - 20 von den Behörden als Angreifer identifiziert - wurden getötet.

US-Aussenminister John Kerry forderte ein Ende dieser, wie er sagte, sinnlosen Gewalt. Er werde mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zusammenarbeiten, um Schritte für einen Abbau der Spannungen zu finden, sagte Kerry vor geplanten Treffen mit beiden Politikern. Kerry rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf.

Tausende Israelis beantragen Waffenschein

Angesichts der Serie mehrerer palästinensischer Messerattacken wollen sich Tausende von Israelis bewaffnen. Der israelische Armeesender berichtete von einem deutlichen Anstieg der Anträge für einen Waffenschein. Polizeiminister Gilad Erdan hatte wegen der vielen Anschläge angekündigt, er wolle den Prozess zum Erwerb eines Waffenscheins erleichtern und beschleunigen.

Das zuständige Ministerium für Innere Sicherheit sei allerdings nicht in der Lage, den vielen Anträgen nachzukommen, berichtete der Sender. Das Telefonzentrum der Behörde sei zusammengebrochen, daher könnten derzeit auch keine neuen Waffenscheine ausgestellt werden.

kko/sda

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