Riad verspricht im Fall Khashoggi volle Aufklärung

Die türkische Polizei hat das saudische Konsulat in Istanbul untersucht. Präsident Erdogan sprach nachher von «giftigen Substanzen».

«Wir meistern die Herausforderungen gemeinsam»: US-Aussenminister Pompeo trifft Kronprinz Muhammad bin Salman in Riad. (16. Oktober 2018) Video: SDA/AP

Die türkischen Polizisten kamen um kurz nach sieben Uhr am Montagabend in das Generalkonsulat Saudiarabiens in Istanbul. Neun Stunden und zehn Minuten später, um 4.25 Uhr, waren sie wieder draussen. Die Durchsuchung war zuvor auf höchster Ebene mit der saudischen Regierung in Riad vereinbart worden. Die Spezialisten suchten nach DNA-Spuren, Blutresten, was immer ein Beweis dafür sein könnte, dass der saudische Journalist und Regime­kritiker Jamal Khashoggi am 2. Oktober in der diplomatischen Vertretung des Königreichs verhört, gefoltert und dann ermordet wurde, wovon die türkische Polizei seit Tagen ausgeht.

Präsident Recep Tayyip Erdogan berichtete am Dienstag von ersten Hinweisen, man schaue sich mögliche Spuren «giftiger Substanzen» genauer an. Diese seien überstrichen worden, sagte Erdogan. Er hoffe auf Ergebnisse, die helfen könnten herauszufinden, was genau im Konsulat passiert sei.

Etwa zur selben Zeit traf US-Aussenminister Mike Pompeo in Riad König Salman, dann seinen Kollegen, Aussenminister Adel al-Jubeir und zuletzt Kronprinz Muhammad bin Salman, den starken Mann in Riad, der politisch im Zentrum der türkischen Anschuldigungen steht.

Pompeo will vermitteln

Bislang hat sich Erdogan mit einer Bewertung von Khashoggis Verschwinden zurückgehalten. Der Fall ist längst zur schweren Belastung für das auch zuvor schon schwierige saudisch-türkische Verhältnis geworden, aber er hat sich damit alle Optionen offen gehalten. Nun soll offenkundig Pompeo zwischen den beiden Staaten vermitteln und so auch noch seinem Präsidenten dessen Nahostpolitik und lukrative Waffengeschäfte mit Riad retten.

US-Präsident Donald Trump hatte ihn am Montag überraschend nach einem Telefonat mit König Salman losgeschickt – und zugleich eine neue Version der Geschichte in Umlauf gebracht: «Wild gewordene Killer» könnten Khashoggi auf eigene Faust umgebracht haben, orakelte er – und wenig später berichteten führende US-Medien, Saudiarabien erwäge, eine Erklärung abzugeben, Khashoggi sei bei einem aus dem Ruder gelaufenen Verhör im Konsulat getötet worden, jedoch ohne Billigung der saudischen Regierung oder des Kronprinzen.

Bilder – Der Fall des verschwundenen Journalisten Khashoggi

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In Riad habe Pompeo dem König für seine Entschlossenheit gedankt, «eine gründliche, transparente und zügige Untersuchung» zu unterstützen. In Istanbul werteten die Ermittler derweil Spuren aus. Ein Polizeihund war während der Durchsuchung im Garten des Generalkonsulats zu sehen, auch Erde wurde abgetragen, berichteten türkische Medien. Ob es so viel war, dass man dafür zwei Müllwagen brauchte, die irgendwann in der Nacht vorfuhren, ist nicht bekannt.

Die Polizei hatte vor der Durchsuchung die Journalisten weggeschickt, die seit Tagen vor den Absperrungen um das Konsulat ausharren. Vorher hatten die TV-Kameras aber noch aufgenommen, wie am Montagnachmittag zwei Putzfrauen in weissen Kitteln und ein Mann einer Reinigungsfirma mit Eimer und Wischmopp das Konsulat betraten. Wie ein Team von Tatortreinigern sah der Putztrupp nicht aus, aber zur Spurenbeseitigung hätten die Saudis ja auch vorher schon genug Zeit gehabt.

Konsul reist ab

Am Dienstagnachmittag wurde auch noch die Residenz des saudischen Konsuls durchsucht, der Diplomat wurde zuvor gebeten, sein Haus zu verlassen. Der Konsul selbst hat am Dienstag Istanbul verlassen und ist laut Medienberichten nach Riad abgeflogen. Die türkische Zeitung «Habertürk» meldete, Mohammed al-Otaibi sei um 17 Uhr mit einer Linienmaschine in die saudische Hauptstadt geflogen.

Am Mittwoch sollte Pompeo in die Türkei kommen. Riad werde kein Erklärung abgeben, ohne dass vorher mit Ankara eine Einigung erzielt sei über das weitere Vorgehen bei den Ermittlungen, berichtete die «New York Times». Allerdings haben bislang sowohl der König als auch der Kronprinz jede Beteiligung Saudiarabiens an Khashoggis Verschwinden bestritten.

Offen ist damit, wie eine einigermassen glaubhafte Version der Geschichte aussehen könnte, die es ja allen Beteiligten ermöglichen müsste, das Gesicht zu wahren. Die türkischen Behörden hatten Ermittlungsergebnisse an die Medien weitergereicht. Sie hatten gar den USA offiziell mitgeteilt, Ton- und Video-Aufnahmen zu besitzen, die belegen sollen, dass Khashoggi im Konsulat umgebracht wurde. Laut «New York Times» soll der Kronprinz das Verhör genehmigt haben und auch, Khashoggi unter Anwendung von Zwang nach Saudiarabien zu entführen – was sich mit Erkenntnissen der US-Geheimdienst aus abgehörten Gesprächen deckt.

Mit Interesse registriertenDiplomaten deshalb, dass der saudische Botschafter in den USA, Prinz Khaled bin Salman, vergangene Woche nach Riad zurückbeordert wurde – und dass der jüngere Bruder des Kronprinzen laut US-Regierungsmitarbeitern wohl nicht nach Washington zurückkehren wird. Das befeuert Spekulationen über ein grösseres Revirement im Palast. Allerdings waren zuvor bereits Umbesetzungen wichtiger Botschafterposten geplant.

Zwar steht vor allem für Riad viel auf dem Spiel, aber auch die Türkei könnte ein Interesse haben, die Krise beizulegen. Zum einen halten Sicherheitsexperten die in türkischen Zeitungen verbreitete Geschichte für unglaubwürdig, die Aufnahmen aus dem Konsulat stammten von einer Apple Watch, die Khashoggi getragen habe, selbst regierungskritische Medien in der Türkei halten das für eine Legende, um zu kaschieren, dass das Konsulat im Widerspruch zum Wiener Übereinkommen überwacht wurde. Zum anderen könnte Erdogan saudische Investitionen ebenso gut gebrauchen wie eine Verbesserung des gestörten Verhältnisses mit den USA.

Khashoggis Familie verlässt sich offenkundig nicht auf die angelaufenen Ermittlungen und diplomatischen Bemühungen. Seine Kinder forderten in ihrer ersten öffentlichen Erklärung eine «unabhängige und unparteiische internationale Kommission, um die Umstände seines Todes zu untersuchen».

(Redaktion Tamedia)

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