Revolutionärin in Weiss

Die 22-jährige Architekturstudentin Alaa Salah ist die Ikone des Aufstands im Sudan.

Entkam mehrmals nur knapp ihrer Verhaftung: Alaa Salah. (Video: Tamedia)

Schon bevor die Proteste zum Sturz des autoritären Herrschers Omar al-Bashir führten, hatte die Revolution ihre Ikone: Zum Symbol für den Aufstand des Volkes gegen seinen Autokraten wurde eine 22 Jahre alte Architekturstudentin aus Khartum. Auf dem Bild, das um die Welt ging, trägt Alaa Salah ein langes weisses Gewand und goldene Ohrringe. Sie steht inmitten Tausender Demonstranten auf einem Autodach und hebt die Hand. Um sie herum skandieren die Massen auf Arabisch: «Revolution!» Das Foto von Salah, wie sie zu den Demonstranten spricht, wurde knapp 7000-mal in sozialen Netzwerken geteilt.

Die Frau, die buchstäblich an der Spitze des Aufstands im Sudan steht, wird in den sozialen Medien «Kandaka» genannt, nach den nubischen Königinnen des Reichs Kusch, das vor mehr als 3000 Jahren einen Grossteil des heutigen Sudan beherrschte. Salah, deren Mutter Modedesignerin ist, sagte dem «Guardian», dass das traditionelle Kleidungsstück in Weiss auch politisch aufgeladen sei. So sei sie bereits bei früheren Demonstrationen gegen den Präsidenten nur knapp einer Verhaftung entkommen, weil sie es trug.

Zum dritten Mal hat das sudanesische Volk im Alleingang einen Diktator gestürzt.

Vier Monate lang hatten Tausende Sudanesen immer wieder gegen das repressive Regime protestiert. Die meisten von ihnen waren Frauen. Bashir hatte das Land drei Jahrzehnte autoritär regiert. Am vergangenen Wochenende erreichte der Aufstand seinen Höhepunkt, als die Demonstranten bis zum Hauptquartier der Armee in Khartum vorgedrungen waren. Bei Zusammenstössen mit den Sicherheitskräften waren seit dem 6. April mehr als 20 Menschen getötet worden. In seiner langen Zeit als Präsident schaffte es Bashir nicht, der Nation zum Frieden zu verhelfen. Der Internationale Strafgerichtshof klagte ihn 2010 wegen Völkermordes an, weil die ihm treuen Milizen einen Aufstand in der Region Darfur brutal niedergeschlagen hatten.

Am Donnerstag war schliesslich zu hören, dass das Militär die Macht übernommen hatte. Doch egal, wer auf Bashir folgen wird: Zum dritten Mal, nach 1964 und 1985, hat das sudanesische Volk im Alleingang einen Diktator gestürzt. Ein Videomitschnitt von den Sprechchören der Demonstrantinnen machte Salah bekannt und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Proteste im Sudan. Dort ist sie zu sehen, wie sie ein Gedicht vorträgt und die Menge mit dem Ruf nach Revolution einstimmt: «Am Anfang fand ich eine Gruppe von etwa sechs Frauen, und ich fing an zu singen, und sie sangen mit mir», sagte sie. Daraus seien immer mehr geworden. Seit Beginn des Aufstands habe sie jeden Tag demonstriert.

Zwar waren Frauen bereits an früheren Aufständen im Sudan massgeblich beteiligt. Seit 1989 war es jedoch Bashir, dessen Regime versuchte, Frauen aus dem öffentlichen Leben auszuschliessen. Die Unterdrückung war systematisch: Im Jahr 2016 waren Berichten zufolge rund 15'000 Frauen zu Prügelstrafen verurteilt worden. Die Polizei durfte Frauen festnehmen, wenn sie Hosen trugen oder ihre Haare nicht bedeckten, wenn die Polizisten ihr Verhalten also für religiös unangemessen hielten. Salah gehöre keiner politischen Partei an, sagt sie über sich. Sie sei einfach auf die Strasse gegangen, um für einen besseren Sudan zu kämpfen.

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