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Mursis Sturz reisst Islamisten mit

Islamisten haben durch den Arabischen Frühling im Nahen Osten an Macht gewonnen. Nach dem Sturz Mursis und seiner Muslimbruderschaft müssen auch sie jetzt um den Einfluss bangen.

Fürchten um ihren Einfluss in Tunesien: Anhänger der islamistischen Ennahda-Partei versammeln sich in Tunis zum Gebet. (August 2012)
Fürchten um ihren Einfluss in Tunesien: Anhänger der islamistischen Ennahda-Partei versammeln sich in Tunis zum Gebet. (August 2012)
AFP

Der Arabische Frühling hat in den vergangenen zwei Jahren islamistische Parteien von Marokko bis Syrien erstarken lassen. Doch nirgends war ihr Machtgewinn so gross wie in Ägypten: Dort gewann die Muslimbruderschaft die Parlamentswahlen und stellte mit Mohammed Mursi den ersten frei gewählten Präsidenten der jungen Demokratie nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Hosni Mubarak.

Den Machtverlust, den die Absetzung Mursis durch die Armee jetzt bedeutet, wollen die Muslimbrüder allerdings nicht hinnehmen. Am Montag riefen sie zum Aufstand gegen das Militär auf. Bei ersten Zusammenstössen mit Soldaten und Polizisten kamen mindestens 51 Menschen ums Leben. Ableger der Muslimbruderschaft in Tunesien und Syrien bemühen sich derweil, sich von ihrer ägyptischen «Mutter» zu distanzieren. Zugleich fühlen sich die säkulären Gruppen in diesen Ländern nach den Ereignissen am Nil ermutigt.

Ennahda beeindruckte am meisten

«Was in Ägypten passiert, hat einen wichtigen Einfluss auf die ‹Kinder› der Muslimbruderschaft in anderen Ländern», sagt Fawas Gerges, Analyst für die Arabische Welt an der London School of Economics. «Ich spreche nicht nur über den Machtverlust, sondern über das jetzt widerlegte Argument, Islamisten seien kompetenter.» Vielmehr habe die Regierungszeit Mursis gezeigt: «Sie sind mindestens genauso inkompetent wie die alten autoritären Regime, vielleicht sogar noch unfähiger.»

Nach Ägypten war der Machtgewinn der Islamisten in Tunesien der beeindruckendste. Dort, wo der Arabische Frühling begonnen hatte, gewann die Ennahda-Partei – ein Ableger der Muslimbruderschaft – die Wahlen nach dem Sturz des damaligen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali. Er war im Januar 2011 noch vor Mubarak entmachtet worden.

Tunesier rufen nach einer neuen Regierung

Nach der Absetzung Mursis durch das Militär gab es in der darauffolgenden Nacht Freudenfeiern in der Hauptstadt Tunis. Menschen forderten sogar die Auflösung des tunesischen Parlaments, das seit den Wahlen im Oktober 2011 von den Islamisten dominiert wird. Die Ennahda-Partei, die 40 Jahre lang unterdrückt worden war, hatte bei den Wahlen 40 Prozent der Sitze gewonnen und regiert mit zwei Koalitionspartnern aus dem linken säkulären Lager.

Nicht ohne Grund verurteilte Ennahda-Führer Rachid Ghannouchi den Sturz Mursis als «ungeheuerlichen Putsch». Kurz darauf versuchte er aber auf Distanz zu Mursis Muslimbruderschaft zu gehen und betonte in einem Zeitungsinterview: «Wir folgen einer Strategie, die auf Konsens basiert, vor allem zwischen Islamisten und modernen Strömungen», sagte er.

Doch unter der uneinheitlichen Opposition rufen vor allem linke Parteien und frühere Anhänger von Ben Ali nach einer neuen, einigenden Regierung. Ennahda wird sogar derselben Fehler bezichtigt, die die ägyptische Bruderschaft zu Fall brachte, darunter Unfähigkeit und arroganter Führungsstil.

Mursis Sturz kommt zu einem delikaten Zeitpunkt

Der Nordafrika-Experte Issandr Al-Amrani meint, dass die Bedeutung des Sturzes in Ägypten für die Region nicht so sehr im Triumph der säkulären Kräfte über die Islamisten liegt. Vielmehr gebe es eine neue Anordnung der politischen Verbündeten: «Mitglieder der revolutionären Linken und Liberale, die sich einst mit den Islamisten gegen die alten Regime verbündet hatten, verbünden sich jetzt mit den alten Regimes gegen die Islamisten», meint er.

Der Sturz von Mursi und seiner Muslimbruderschaft kommt dabei zu einem delikaten Zeitpunkt für Tunesien. Ähnlich wie in Ägypten steckt die Wirtschaft in einer Krise. Zudem steht die Abstimmung über die endgültige Form der Verfassung bevor. Analysten weisen ungeachtet der jetzt aufgekeimten Kritik darauf hin, dass der Übergang zur Demokratie in Tunesien in jedem Fall ruhiger und sanfter verlaufe als in Ägypten.

In dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien hat die Muslimbruderschaft immer eine grosse Rolle gespielt bei dem Versuch, eine Führerschaft im Exil aufzubauen. Doch mit dem Umsturz in Ägypten erscheint sie nun in einer untergeordneten Position. Bei der kürzlich erfolgten Wahl eines neuen Vorsitzenden für Syriens grösste Oppositionsgruppe, die Syrische Nationale Koalition, unterlag der Kandidat der Muslimbrüder knapp.

Hamas verliert wichtigsten Verbündeten

Die syrischen Muslimbrüder hätten der einjährigen Regierungszeit ihres ägyptischen Pendants allerdings kritisch gegenüber gestanden, meint Salman Schaikh, Direktor des Brookings Doha Centers, das eigener Darstellung zufolge ein unabhängiges Forschungszentrum für den Mittleren Osten ist: «Es gab Kritik daran, dass die ägyptischen Muslimbrüder es nicht geschafft hätten, das Vertrauen zu gewinnen und zu sehr auf Konfrontationskurs gewesen sind.»

Die islamistische Gruppe, die am härtesten vom Umsturz in Ägypten betroffen sein dürfte, ist die Hamas im Gaza-Streifen. Sie verlor mit Mursi ihren wichtigsten Verbündeten in der Region.

Der Nordafrika-Ableger des islamistischen Terrornetzwerkes al-Qaida kritisierte indes westliche Regierungen dafür, den Umsturz nicht zu verurteilen. Dies zeige, dass der einzige Weg im bewaffneten Kampf liege, hiess es am vergangenen Donnerstag in einer Erklärung.

AP/fko

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