«Mit Sarin, Senfgas und VX spielt man nicht auf dem Küchentisch»

Interview

Dass das syrische Regime Chemiewaffen einsetzen könnte, hält der Sicherheitspolitik-Experte Markus Kaim für unwahrscheinlich. Drohungen an die Adresse des Auslands seien ein Zeichen wachsender Nervosität.

Hat derzeit noch die syrischen C-Waffen unter Kontrolle: Präsident Bashar al-Assad.

Hat derzeit noch die syrischen C-Waffen unter Kontrolle: Präsident Bashar al-Assad.

(Bild: Reuters)

Monica Fahmy@fahmy07

Herr Kaim, ein syrischer Sprecher sagte am Montag, Syrien würde Chemiewaffen nicht gegen die Aufständischen, aber gegen eine Aggression von aussen einsetzen. Wie muss man das werten?
Die Aussage deckt sich mit der syrischen Doktrin für den Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Chemiewaffen, die Syrien erworben hat, für den Einsatz in einem zwischenstaatlichen Konflikt gedacht sind. Für den Einsatz gegen einen Aggressor von aussen, in syrischer Lesart Israel. Die syrischen Chemiewaffen sind ja eine Reaktion auf das israelische Nuklearwaffenprogramm.

In den Medien wurden Befürchtungen laut, Syrien könnte wirklich Chemiewaffen einsetzen. Was sagen Sie dazu?
Ich lese die Ankündigung als Zeichen von zunehmender Nervosität im syrischen System. Das Signal, das damit ausgesendet werden soll, ist eindeutig. Erstens, wir haben jetzt die Gewissheit, dass Syrien chemische Waffen hat. Zweitens, aus syrischer Perspektive sehen wir angesichts der humanitären Situation im Land in der internationalen Gemeinschaft eine grössere Bereitschaft über ein Handeln nachzudenken.

Also eine Drohung, um die Nationen an den Verhandlungstisch zu zwingen?
Ich würde das Bild umgekehrt verwenden: Um sie vom Verhandlungstisch fernzuhalten, und zwar vom Verhandlungstisch der Vereinten Nationen. Aufgrund der humanitären Notlage und der Sorge vor dem Chaos in Syrien gibt es in der internationalen Gemeinschaft eine grosse Unruhe. Die Stimmen werden lauter, die fordern, man müsse etwas tun. Russland blockiert nach wie vor die Verhandlungen im Sicherheitsrat, die über die laufende Beobachtermission hinausgehen. Angeblich wird die chinesische Position flexibler, so dass die Syrer damit rechnen müssen, dass in absehbarer Zeit vielleicht doch eine Resolution zustande kommt, die mindestens Sanktionen umfasst. In einem zweiten Schritt könnten Zwangsmassnahmen erwogen werden, gegebenenfalls auch unter Umgehung des Sicherheitsrats, konkret: eine Militäroperation.

Das Einzige, was Assad fürchten würde.
Absolut. Die Sanktionen wirken mittel- und langfristig, wenn überhaupt. Und das, was der Westen jetzt sehen will, ist eine kurzfristige Verhaltensänderung, das heisst einen Waffenstillstand.

Bevor Syrien mit Chemiewaffen drohte, war die Befürchtung tagelang ein Thema in den Medien. Wurde das syrische Regime nicht geradezu zu Aussagen zu chemischen Waffen provoziert?
Experten wissen seit Jahren recht sicher, dass Syrien seit den 1980er Jahren Chemiewaffen besitzt. Ich finde es auch auffällig, dass dieses Thema gerade in den letzten Tagen hochkocht; dass die israelische Regierung Pläne öffentlich macht, unter welchen Umständen sie syrische Produktionsanlagen angreifen würde; dass die Regierung Obama Planungen bekannt macht für eine Situation, wenn die syrischen Chemiewaffen nicht mehr unter Kontrolle der staatlichen Behörden wären. In den letzten Wochen ist das Thema zwar vereinzelt aufgetaucht, aber nicht mit einer solchen Woge. Ich bin jedoch zurückhaltend zu glauben damit würde ein militärisches Handeln legitimatorisch vorbereitet.

Es wird also nicht darauf hingearbeitet?
Ich würde sagen, es ist bemerkenswert, wie dieses Thema in den letzten Tagen hochkocht. Wir spekulieren über den Einsatz von chemischen Waffen, obgleich dieser Einsatz zurzeit eher unwahrscheinlich ist, und neigen gleichzeitig dazu, aus dem Blick zu verlieren, dass wir hier einen Bürgerkrieg mit mindestens 15'000 Toten in der Peripherie Europas haben.

Weiss man denn, wie das Arsenal aussieht?
Quantitativ wie qualitativ sind Konturen bekannt. Es soll sich um mehrere Hundert Tonnen handeln. Es sind drei Hauptgruppen: VX, Sarin und Senfgas. Wir können einzelne Produktionsstätten identifizieren, es gibt Satellitenbilder. Gegenwärtig sind sie noch alle vom Militär gesichert, mit zwei- bis dreifachem Sperrring. Die Sorge, dass das Regime die Kontrolle über diese Waffen verliert, ist gegenwärtig noch unbegründet. Was man nicht weiss, ist, wie viel davon in Komponenten vorliegt, also in Vorprodukten, und wie viele davon auf Artilleriegranaten montiert sind – die einzige Art, die für die Aufstandsbekämpfung eingesetzt werden könnte. Und wir wissen nicht, wie viele davon sich auf ballistischen Trägerraketen befinden, die gegen Israel eingesetzt werden könnten.

Wenn das Regime fällt, wie wahrscheinlich ist es, dass Chemiewaffen in die Hände der Hizbollah oder ähnlicher Gruppierungen fallen?
Das ist schwer zu beurteilen. Um Chemiewaffen zu produzieren und einzusetzen, braucht es hoch entwickelte Technologien und Labore, die entsprechend gesichert sind. Mit Sarin, Senfgas und VX spielt man nicht auf dem Küchentisch herum. Und da habe ich erhebliche Zweifel, ob al-Qaida und Hizbollah technisch in der Lage sind, mit Chemiewaffen umzugehen, beziehungsweise mit den Vorkomponenten. Seit 2001 hören wir immer wieder Meldungen, al-Qaida habe Komponenten für Massenvernichtungswaffen erworben, doch das hat sich nie bewahrheitet. Ich glaube, die Schwelle sind die technischen Schwierigkeiten. Es ist nicht so einfach, B-Waffen und C-Waffen, und nukleare Waffen erst recht nicht, in den Händen von nichtstaatlichen Organisationen als Waffen nutzbar zu machen. Deshalb bin ich diesbezüglich vergleichsweise entspannt.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass man sich mehr Sorgen um das Schicksal der syrischen Zivilisten machen muss, gegen die das Regime mit konventionellen Waffen kämpft als um den möglichen Einsatz von Chemiewaffen.
Das ist genau der richtige Akzent. Ich finde es durchaus angemessen, dass sich die internationale Gemeinschaft Sorgen über den Verbleib der syrischen C-Waffen nach einem möglichen Ende des Regimes macht und entsprechende Vorkehrungen betreibt. Aber ich warne vor Alarmismus.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt