Kurdischer Knoten

Ankaras militärische Offensive gegen syrische Kurden zeigt, dass die Türkei bei der Neuordnung Syriens mitbestimmen will. Das wird für die Nato zu einem grossen Problem.

Türkische Kampfeinheiten machen auf dem Weg zur syrischen Grenze Pause. Foto: Sedat Suna (Keystone)

Türkische Kampfeinheiten machen auf dem Weg zur syrischen Grenze Pause. Foto: Sedat Suna (Keystone)

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Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu brauchte jüngst eine Formulierung, die man aus dem Jugoslawienkrieg in Erinnerung hat: «ethnische Säuberungen». Cavusoglu warf den sogenannten kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) in Syrien vor, sie würden Araber und auch Kurden, die ihre marxistische Ideologie nicht teilten, vertreiben und deren Rück­kehr aus türkischen Flüchtlingslagern nach Nordsyrien verhindern. Beweise dafür führte er nicht an.

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Die Beschwörung eines historischen Verbrechens aber sollte wohl den Rahmen abstecken für das, was wenige Tage später folgte: Türkische Truppen marschierten in Syrien ein. Sie haben dort den Auftrag, die YPG zu vertreiben, den Distrikt Afrin «zu säubern», wie Cavusoglu nun sagt. Der Krieg und seine Sprache – in der Türkei ist man geübt darin, nationale Interessen, aber auch nationale Traumata in äusserst drastische Worte zu kleiden. Die türkische Opposition, Kemalisten wie Ultranationalisten, unterstützt den Kriegseinsatz in Syrien. Sie übernehmen auch die Rechtfertigung der Regierung, in Afrin gehe es lediglich darum, kurdische «Terroristen» zu stoppen, die später auch das türkische Staats­gebiet teilen könnten.

Unrühmliche Rolle der Kurden

Selbst das Armenische Patriarchat in Istanbul wünscht der türkischen Armee «Erfolg». Wer darüber staunt, der kann sogar hundert Jahre in die türkische Geschichte zurückblenden, bis zur unrühmlichen Rolle kur­discher Clans bei den Massakern an den Armeniern. All die historischen Vergleiche und Beschwörungsformeln sind gefährlich, weil sie aktuelle Konfliktlösungen erschweren.

Denn eigentlich müsste sich die Türkei vor den syrischen Kurden nicht fürchten, wenn sie es endlich schaffen würde, mit den Kurden im eigenen Land Frieden zu schliessen. Sie war – ausgerechnet angetrieben vom heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der nun den Syrien-Einsatz befiehlt – vor ein paar Jahren auf gutem Weg. Dann wurde die Partei der Kurden im türkischen Parlament so mächtig, dass sie Erdogans absolute Mehrheit gefährdete.

Video: Operation Olivenzweig

Türkei startet Kampfeinsatz gegen Kurdenmiliz in Syrien. Video: Reuters

Heute sitzt die Spitze der Kurden-Partei im Gefängnis. Die kurdisch-türkische PKK, das ideologische Leitbild der syrischen YPG, hat die Eskalation mit Anschlägen mitbefeuert. Die PKK setzt ihren kurdischen Nationalismus gegen den türkischen. Das ist das Drama der Türkei seit 40 Jahren. Der Zerfall Syriens hat den Kurden nun ein quasi autonomes Gebiet beschert, das sie Rojava nennen und als eine Art Verheissung betrachten, sie werden es mit aller Macht verteidigen. Der türkische Militäreinsatz könnte sehr blutig werden und lange dauern – auch wenn es Ankara gelingen sollte, eine 30 Kilometer breite «Sicherheitszone» an der Grenze zu schaffen. Dort müsste die Türkei dann wohl als Besatzungsmacht in Syrien bleiben.

Gefahr für die Türkei

Womöglich will die türkische Regierung aber genau das: bei der Neu­ordnung der Machtverhältnisse in Syrien mitspielen – wie es Russland, der Iran und die USA auch tun. Die Türkei wäre gern die regionale Grossmacht, die an allen Verhandlungs­tischen sitzt. Ankara ist das umso wichtiger, je grösser die Distanz zum Westen wird. Damit wird das Verhalten der Türkei ein immer grösseres Problem für ihre bisherigen Bündnispartner. Die Türkei ist seit 65 Jahren Nato-Mitglied, alle Militärputsche seit 1960 haben daran nichts geändert, weil es die USA und Europa so wollten. Die Militäraktion ist nicht nur brandgefährlich, weil sie zu neuen Vertreibungen und Toten in Syrien führen wird, sie ist auch eine Gefahr für die Türkei selbst – weil sie den alten Konflikt mit den Kurden am Leben halten wird. Damit ist niemandem gedient. Das müssen die Verbündeten der Türkei sagen, immer wieder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 23:17 Uhr

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