Iraks Minderheiten fühlen sich verlassen

Der irakische Christ William Warda befürchtet, dass die Zivilisten in Mosul vom IS als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. Für die religiösen Minderheiten im Irakfordert der Menschenrechtsaktivist Sicherheitsgarantien.

Auf diesem Friedhof hat der IS die Grabsteine zerstört: Eine Frau betet am Grab eines Familienmitglieds in einem Dorf südlich von Mosul.

Auf diesem Friedhof hat der IS die Grabsteine zerstört: Eine Frau betet am Grab eines Familienmitglieds in einem Dorf südlich von Mosul.

(Bild: Keystone)

Herr Warda, die Militäroperation zur Befreiung der IS-Hochburg Mosul ist im Gang. Fürchten Sie um die eingeschlossenen Zivilisten?William Warda: Ja. Die Gefahr ist gross, dass die Zivilisten vom IS als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. Es ist deshalb nicht möglich, den IS richtig unter Artilleriebeschuss zu nehmen. Der Kampf gegen den IS in Mosul wird einige Zeit dauern, nicht zuletzt wegen der Bedrohung durch Scharfschützen und Selbstmordattentäter. Die Rückeroberung des Umlands nördlich von Mosul war im Vergleich dazu problemlos. Weil die lokale Bevölkerung geflohen war, konnte der Feind einfach identifiziert werden.

Im Jahr 2003 kommandierten Sie die assyrischen Einheiten, die unter dem Kommando von US-General David Petraeus nach Mosul vorstiessen. Wie haben Sie das erlebt? Ich hatte damals das Kommando über 1200 christliche Kämpfer. In jedem befreiten christlichen Dorf liessen wir zur Bewachung ein paar Männer zurück. Beim Einmarsch in Mosul hatte ich schliesslich nur noch 100 Kämpfer dabei. Die Bevölkerung war sehr glücklich über unseren Einmarsch und hat uns mit Süssigkeiten willkommen geheissen. Anschliessend ging es darum, Plünderungen und Racheakte zu verhindern sowie rasch einen Stadtrat einzusetzen.

Was wird die grösste Herausforderung nach der bevorstehenden Befreiung der Millionenmetropole Mosul sein? Es besteht die Gefahr, dass es zu Machtkämpfen zwischen den diversen Milizen kommt. Neben jener des früheren Gouverneurs von Mosul sind auch mehrere schiitische und kurdische Milizen an der Befreiung beteiligt. Dazu kommen noch die Einheiten der Minderheiten: Christen, Jesiden, Shabak. Hinter allen Milizen stehen Parteien oder Gruppen, die eigene Ziele verfolgen.

Viele Christen und Jesiden sind vor dem IS geflohen. Werden diese zurückkehren? Bisher sind nur fünf Prozent der geflohenen Jesiden in die Region Sinjar zurückgekehrt, obwohl der IS schon vor einem Jahr von dort vertrieben wurde. Viele befürchten, dass es zu Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen kommen könnte. Das Problem ist, dass es keine Rechtsstaatlichkeit gibt. Solange diese nicht durchgesetzt wird, werden die Vertriebenen kaum in grosser Zahl zurückkehren. Die internationale Gemeinschaft sollte die Sicherheit der Rückkehrer garantieren und dafür sorgen, dass alle, die Häuser von Jesiden und Christen geplündert und zerstört haben, vor Gericht gestellt und die Opfer entschädigt werden.

Wie sieht die Zukunft für die religiösen Minderheiten aus? Ihre Situation ist katastrophal. Zur menschlichen und materiellen Not kommt das Gefühl, dass es für sie keinen Platz gibt im Irak. Wenn es um die Zukunft des Landes geht, ist immer nur von Schiiten, Sunniten und Kurden die Rede, aber nie von den religiösen Minderheiten. Diese fühlen sich von der Staatengemeinschaft verlassen und erhalten auch kaum Unterstützung.

Gibt es keine Hoffnung? Wenn sich die Lage nicht verbessert, werden die Minderheiten verschwinden. Vor einigen Tagen hat das Parlament für die Schliessung der Alkoholläden gestimmt. Das ist nur das jüngste Beispiel für die Ausbreitung des religiösen Fanatismus im Irak, der die Vielfalt und den Pluralismus bedroht. Sind die Minderheiten erst einmal verschwunden, ist die Zukunft des Irak in Gefahr.

Was wäre politisch die beste politische Lösung für die Christen und Jesiden? Ihnen sollte lokal Autonomie gewährt sowie ein Vetorecht eingeräumt werden gegen Entscheide, die ihre Identität bedrohen. Die Regierung in Bagdad verteilt zum Beispiel in christlichen Gebieten Land an Muslime, um so die demografischen Verhältnisse zu verändern. Das muss aufhören. Nach der Rückkehr der Vertriebenen könnte in ein paar Jahren ein Referendum über die Schaffung einer eigenen Provinz für Christen und Jesiden folgen.

Was kann der Westen für die Minderheiten tun? Gut wäre zum Beispiel die Schaffung eines internationalen Entwicklungsfonds, damit der Wiederaufbau in den vom IS verwüsteten Gebieten unterstützt werden könnte. So könnte auch die Ausbildung von Polizei und Verwaltung finanziert werden.

William Warda ist Mitgründer der Menschenrechtsorganisation Hammurabi und Vorsitzender der Allianz irakischer Minderheiten. Der 56-jährige irakische Christ weilte kürzlich auf Einladung der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International in Zürich.

Berner Zeitung

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