«Für den Nachweis von Chemiewaffen ist es nicht zu spät»

Hintergrund

Chemiewaffeninspektoren der UNO sind in Syrien auf heikler Mission. Worauf es bei der Untersuchung der Giftgasvorwürfe ankommt, erklären zwei frühere Schweizer Chemiewaffeninspektoren.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Aufgrund von Bildern und Videos, Berichten von Zeugen und Ärzten bestehen kaum Zweifel, dass letzte Woche in al-Ghuta nahe Damaskus chemische Waffen eingesetzt worden sind. Die UNO-Inspektoren, die nach internationalem Druck endlich nach al-Ghuta reisen dürfen, sollen nun allerletzte Gewissheit über den Einsatz von Nervenkampfstoffen schaffen. Die Zeit drängt, denn Spuren könnten sich verflüchtigt haben oder Beweise vernichtet worden sein. «Für einen Nachweis ist es nicht zu spät», sagt der Chemiewaffenexperte Stefan Mogl vom Labor Spiez, der für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag als Inspektor tätig gewesen war.

Sehr anspruchsvolle Analyse klinischer Proben

Der Nachweis von Nervenkampfstoffen muss über Proben erbracht werden. Das können klinische Proben sein, also Urin- oder Blutproben von Personen, die den chemischen Waffen ausgesetzt waren, oder auch sogenannte Umweltproben. Dabei handelt es sich beispielsweise um Munitionsfragmente, Bodenproben oder Kleidungsstücke von Personen, die mit chemischen Kampfstoffen angegriffen wurden.

Laut Mogl müssen Urinproben innerhalb einer Woche genommen werden, um Nervengas nachweisen zu können. Bei Blutproben ist die Nachweisbarkeit unter Umständen auch zwei, drei Wochen nach der Exposition mit Nervenkampfstoffen möglich. Die Analyse von klinischen Proben ist aber sehr anspruchsvoll, wie Mogl betont. Generell müsse man nicht unbedingt den Kampfstoff an sich nachweisen. Es genüge, wenn man Abbauprodukte des Kampfstoffs finden könne.

«Giftgasgranate tönt anders als Explosivgranate»

Nach Ansicht von Heiner Staub, dem früheren Chef der Gruppe Abrüstung im Labor Spiez, wäre der Nachweis eines Einsatzes von Chemiewaffen am einfachsten, wenn die Inspektoren in Syrien einen Granattrichter oder Reste von Granaten finden würden. Aufgrund der Medienberichte wurden bei den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region al-Ghuta Giftgasgranaten eingesetzt. «Wenn die Inspektoren einen Blindgänger finden würden, wäre dies ein Glücksfall.»

Staub betont, dass auch die Befragung von Opfern, Kriegsbeteiligten und Zeugen zu den Aufgaben der Chemiewaffeninspektoren gehört. «Wenn man herausfinden kann, was passiert ist, kann man bereits einige Aussagen machen.» Man frage zum Beispiel nach dem Lärm der Detonationen. «Eine Giftgasgranate tönt anders als eine Explosivgranate», sagt Staub, der in den 1990er-Jahren bei UNO-Untersuchungen im Irak sowie in Aserbeidschan und in Moçambique als Chemiewaffeninspektor dabei gewesen war.

Labor Spiez gehört zu den Fachlabors der OPCW

Eine Gruppe von 20 Chemiewaffenexperten der Vereinten Nationen ist gestern Sonntag von Damaskus aus aufgebrochen, um in den angeblich mit Giftgas bombardierten Gebieten Beweise zu finden. Ihr gehören Spezialisten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen an, die die Einhaltung und Umsetzung der Chemiewaffenkonvention überwacht. Mit dabei sind auch drei Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Genf. Die Gruppe ist direkt UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon unterstellt.

Die Schweiz bietet inzwischen Hilfe bei der Giftgasuntersuchung in Syrien an. Aussenminister Didier Burkhalter habe in Den Haag mit dem Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), Ahmed Üzümcü, die aktuelle Lage in Syrien erörtert, teilt das Eidg. Aussendepartement (EDA) mit. Burkhalter habe erklärt, dass die Schweiz der UNO Unterstützung leisten könnte, wenn dies gewünscht werde. Mit dem Labor Spiez verfüge die Schweiz grundsätzlich über die nötige Kompetenz für eine Teilnahme an einer solchen Untersuchungsmission. Das Labor könnte zum Beispiel von Spiez aus seine analytischen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Das Labor Spiez ist eines von weltweit 21 designierten Fachlabors der OPCW.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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