«Wir hätten nie gedacht, dass wir uns so frei bewegen können»

Für Frauen bessert sich die Situation in Saudiarabien – aber nur langsam. Und gegen Kritiker geht der Kronprinz hart vor.

Zeichen der Öffnung: Junge Saudiarabier vergnügen sich in Diriyah, der vom Königreich prächtig restaurierten Oasenstadt. Foto: Amir Nabil (AP, Keystone)

Zeichen der Öffnung: Junge Saudiarabier vergnügen sich in Diriyah, der vom Königreich prächtig restaurierten Oasenstadt. Foto: Amir Nabil (AP, Keystone)

Grüne Lichtstrahlen wandern über die jahrhundertealten Lehmhäuser. Zwanzig Minuten Autofahrt von Riad entfernt liegt die Wadi-Oase Diriyah, umgeben von sandfarbenen Stadtmauern, meterhohen Palmenhainen und quakenden Fröschen. Im Garten des Palmencafés halten Paare in der Dunkelheit Händchen, Ausländer schlendern durch das alte, malerische Riad, begleitet von Touristenführern. Diriyah, der historische Geburtsort des saudischen Staates, wurde in den vergangenen Jahren unter der Aufsicht des saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman aufwendig restauriert: Museen, Restaurants, Wellnesscenter und Luxusgeschäfte eröffneten in der historischen Stadt. Nirgendwo sonst im Königreich treffen Vergangenheit und Gegenwart so aufeinander wie hier.

Vor fast 300 Jahren schlossen in Diriyah zwei Männer einen Pakt, der die Politik des Königreichs für Jahrhunderte bestimmen sollte: Einer war der Gründer des ersten saudischen Staates, Muhammad ibn Saud, ein Vorfahre des heutigen Königshauses.

Ibn Saud versprach, die ultrakonservative Islamauslegung von Muhammad ibn Abd al-Wahhab, Namensgeber des Wahhabismus, in seinem künftigen Staat durchzusetzen – im Gegenzug sollte der Kleriker die Herrschaft der Saud-Familie religiös legitimieren. Die Grundlage der saudischen Nation war geschaffen.

Pop im Wüstenstaat

Ausgerechnet hierher liess der junge Kronprinz Muhammad bin Salman Mitte Dezember westliche Superstars wie die Black Eyed Peas, Enrique Iglesias und One Republic zum grössten Musikfestival Saudiarabiens einfliegen. Während das Ausland zu dieser Zeit über seine Rolle bei der Ermordung des saudischen Publizisten Jamal Khashoggi debattierte, legte der Kronprinz den Arm um junge Saudis, die mit ihm für Selfies posieren wollten. Sie wussten, dass sie es ihm zu verdanken hatten: Zum ersten Mal in der Geschichte des Königreichs tanzten Frauen und Männer nebeneinander zu westlicher Musik.

Noch vor wenigen Jahren patrouillierten Sittenwächter auf den Strassen und achteten auf angemessenen Sicherheitsabstand zwischen den Geschlechtern. Zwar zogen Securitymänner einige Frauen aus dem Publikum, sie liessen ihre Hüften wohl doch zu sehr kreisen, doch ansonsten gab es keine Zwischenfälle – nur eine Überraschung, angekündigt vom französischen DJ David Guetta. Als dieser einen Remix von «Ash Salman» auflegte, einer populären Hymne auf König Salman, kreischte das Publikum und sang mit: «Lang lebe Salman, und das ganze Volk antwortet: Ash Salman, lang lebe Salman!» Hunderte Smartphones und rote Leuchtstäbe ragten in den Himmel.

Showbusiness für Arbeitsplätze

Innerhalb weniger Monate ist im Königreich ein öffentliches Leben entstanden. «Wir hätten nie gedacht, dass wir uns in Saudiarabien auf einmal so frei bewegen können wie anderswo auf der Welt», sagt eine junge Frau. Sie sitzt mit fünf Freundinnen in einem Restaurant in Riad, keine möchte ihren Namen in der Zeitung lesen.

Die Zeiten sind angespannt. Je mehr sich das Land öffnet, desto strikter geht es gegen seine Kritiker vor. Transparenz oder gar Mitsprache fordern die meisten Saudis allerdings nicht ein – dazu scheint sie das neue Königreich viel zu sehr abzulenken. Erst vergangenen Mittwoch verkündete Turki al-Sheikh, Chef der staatlichen Unterhaltungsbehörde GEA, den Aufbau einer milliardenschweren Unterhaltungsbranche – allein in diesem Jahr sind Autorennen, Spiele der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA und Zaubershows geplant. Das soll Arbeitsplätze schaffen, Investoren anlocken und das viele Geld der Saudis, das sie ansonsten im Ausland ausgeben, im Land halten.

Die Frauen im Restaurant erzählen vom neuen Hitgetränk in Riad: Rotwein. Alkoholfrei.

All das ist Teil der Vision 2030, für die niemand so steht wie der saudische Kronprinz. Muhammad bin Salman soll seine Heimat auf eine Zeit nach dem Öl vorbereiten, er ist das Gesicht des herbeigesehnten Wandels – auch nach der Khashoggi-Affäre.

In Riad blickt der Kronprinz lächelnd von Hauswänden, Krankenhäusern und Banken auf den Feierabendverkehr hinab, manchmal die Hand zum Gruss hebend, manchmal den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet.

Als der US-Geheimdienst CIA den Kronprinzen für den Mord an Khashoggi Mitte November verantwortlich machte, warnte der damalige Aussenminister Adel al-Jubeir davor, die «rote Linie» zu überschreiten. Das Königshaus versprach volle Aufklärung. Doch als Anfang Januar, drei Monate nach dem Mord an Khashoggi, der Prozess in Riad begann, veröffentlichte das Königshaus nicht einmal die Namen der elf Beschuldigten, die Anklage wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlesen.

In der Türkei traf am Montag die UNO-Berichterstatterin Agnes Callamard ein, die den Fall untersuchen soll, wie das UNO-Menschenrechtsbüro mitteilte. In Saudiarabien fordert die Staatsanwaltschaft derweil in fünf Fällen die Todesstrafe. Offizielle Anfragen, wo sich etwa Saud al-Qahtani, Medienberater und einer der mutmasslichen Drahtzieher, befindet und ob er weiter die Agentur für Cyberkriminalität leitet, blieben von saudischer Seite unbeantwortet.

Man munkelt allerdings, dass er nicht Teil des Prozesses ist. Dabei soll Qahtani nicht nur in der Khashoggi-Affäre seine Finger im Spiel gehabt haben. Wenige Wochen vor der Aufhebung des Fahrverbots wurden Frauenrechtlerinnen festgenommen, denen die gesellschaftliche Öffnung nicht weit genug ging. Nun berichten Menschenrechtsorganisationen von Folter und Missbrauch im Gefängnis, bei denen Saud al-Qahtani laut Berichten von Angehörigen dabei gewesen sein soll.

«Schwarzer Oktober»

In Riad möchte kaum jemand unter eigenem Namen über das sprechen, was im saudischen Generalkonsulat in Istanbul passiert ist. Zu gefährlich scheint das immer noch zu sein. Und wenn doch, nennen sie es «das Geschehnis», das Einzelpersonen zu verantworten hätten, nicht das Königshaus. Nur wenige sprechen vom «schwarzen Oktober», von Schockstarre, als das Königshaus verkündete, Khashoggi sei von einem saudischen Killerkommando zerstückelt worden. Von einer Traurigkeit, die sich über das Land gelegt habe. Und von der Angst, wie Saudiarabien ohne den Kronprinz wohl aussehen würde.

«Der Kampf Khashoggis oder der Frauenaktivistinnen ist nicht unser Kampf», sagen die Frauen im Restaurant. In Frankreich seien die Gelbwesten ja nur auf die Strasse gegangen, weil sie nichts zu verlieren hätten. Aber hier sei das anders. In den ölreichen Golfstaaten existiert seit Jahrzehnten ein ungeschriebener Gesellschaftsvertrag: Die Einheimischen erhalten Häuser ohne Grundsteuer, kostenlose Schulbildung und Gesundheitsversorgung, Studenten erhalten ein monatliches Gehalt sowie Stipendien für sich und ihre Familien, wenn sie im Ausland studieren wollen – im Gegenzug verlangen sie keine politische Mitsprache.

800 Franken Busse

Erst kurz vor Silvester startete der Kronprinz die Initiative Snad Marriage, frisch verheiratete Paare erhalten demnach mit ein paar Klicks finanzielle Unterstützung. Dabei kann sich bereits jeder Mittelschichtshaushalt Hausmädchen und Fahrer leisten. Als das Überfahren einer roten Ampel umgerechnet etwa 100 Franken kostete, interessierte das keinen, erzählt die junge Frau im Restaurant. Erst als die Strafe auf 800 Franken erhöht wurde, hielten sich die Verkehrssünder zurück.

Es ist nicht üblich in Saudiarabien, offen Transparenz einzufordern. Probleme sollten in der Familie besprochen werden, glauben viele Menschen. Die Frauen im Restaurant erzählen lieber vom neuen Hitgetränk in Riad – Rotwein. Alkoholfrei, aber geschmacksecht, versichert der Kellner. Die Frauen nippen am Glas, versuchen ihn hin- und herzuschwenken, so wie sie es aus Hollywoodfilmen kennen. Nur eine Dame mittleren Alters kritisiert das Rotwein-Gehabe. «Wir haben unsere Kultur und Traditionen, wir sollten niemanden nachahmen», sagt sie. Doch die jungen Frauen winken ab und diskutieren darüber, ob Weisswein oder Rosé besser zum Sushi passt.

Der Rotwein steht für eine einfache Rechnung, die viele Menschen in Saudiarabien nach dem Mord an Khashoggi aufmachen: Egal was passiert, es muss vorwärtsgehen, nicht rückwärts. Ein Saudiarabien ohne Muhammad bin Salman wäre die Rückkehr zum alten Saudiarabien, glauben viele – und das wollen nur die Ultrakonservativen, die sich nur noch in den sozialen Medien über den Verfall der Sitten im Land der heiligen islamischen Stätten beschweren können. Deren Zeit aber, so sagen viele in Riad, sei ein für alle Mal vorbei.

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