«Den Kolonialismus verantwortlich zu machen, zeugt von Hilflosigkeit»

Der Literaturwissenschafter Mohomodou Houssouba über die grassierende Korruption in Afrika, Alltagsrassismus und die Angst der Europäer.

«Entwicklungshilfe besteht nicht nur aus dem Transfer von Geld», sagt Mohomodou Houssouba. Bild: Fabienne Andreoli

«Entwicklungshilfe besteht nicht nur aus dem Transfer von Geld», sagt Mohomodou Houssouba. Bild: Fabienne Andreoli

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Herr Houssouba, Sie leben seit 17 Jahren in der Schweiz. Haben Sie in dieser Zeit jemals Alltagsrassismus erlebt, wie er gegenwärtig von vielen Personen mit ausländischen Wurzeln in den Medien geschildert wird?
Nein, diese Erfahrung habe ich nie gemacht. Ich achte aber auch nicht besonders darauf. Wenn es zu Auseinandersetzungen mit Einheimischen kommt und mich dabei jemand böse anschaut, zum Beispiel im Verkehr, dann gehe ich davon aus, der andere ärgere sich über meine Fahrweise. Nicht über meine Hautfarbe. Aber für mich ist ohnehin etwas anderes wichtiger als vereinzelte rassistische Sprüche im Alltag.

Nämlich?
Ob jemand aus Afrika in der Schweiz eine faire Chance bekommt, sich zu integrieren und eine berufliche Karriere zu verfolgen.

Und ist das der Fall?
Es ist selbst für gut qualifizierte Afrikaner nicht einfach.

Gibt es Dinge im Schweizer Alltag, die Ihnen auch nach 17 Jahren noch fremd sind?
In Mali, einem anderen französischsprachigen Land, oder den USA fühle ich mich sprachlich sicherer. Ich habe zwar versucht, Deutsch und Schweizerdeutsch zu lernen, aber wenn ich aus dem Ausland in die Schweiz zurückkomme, empfinde ich zumindest am Anfang eine akustische Befremdung. Es fehlt das Gefühl, in der Sprache zu Hause zu sein. Und dann gibt es natürlich die Stereotypen, die sich besonders abheben, wenn ich nach einem Aufenthalt in Mali zurückkehre: Ordnung, Verlässlichkeit, Planbarkeit.

In Mali planen die Leute nicht?
Eine Organisation in Mali, bei der ich mitarbeite, hat während fast zweier Jahre versucht, in Malis Hauptstadt Bamako eine internationale Konferenz durchzuführen. Die Zusagen der Teilnehmer kamen aber erst in den letzten beiden Wochen. Das ist für mich anspruchsvoll, weil ich mittlerweile auch bei der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen in Mali eine eher schweizerische Haltung einnehme.

Dann stimmt das Klischee, wonach Afrikaner nicht planen können?
Es ist nicht so, dass die Leute nicht planen können. Es sind die Umstände, die es verhindern. Es kann immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, das alle Pläne über den Haufen wirft. Die Konferenz, die ich organisiert habe, war für den 29. Juli angesetzt. Dann hat die Regierung für diesen Tag überraschend Präsidentschaftswahlen angekündigt. Oder es ereignet sich etwas im Alltag. Die Afrikaner müssen nicht so sehr im Planen gut sein als vielmehr im Um­planen.

Wie wird es in Mali wahrgenommen, wenn ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer kentert und die Insassen ertrinken?
Das Thema Auswanderung ist nicht neu für Mali. In den 1970er-Jahren sind viele Malier legal nach Frankreich ausgewandert, dann wurde die legale Migration in die ehemalige Kolonialmacht und andere europäische Länder weitgehend gestoppt. Später sind viele in die USA migriert. Europas heutige Migrationsdebatte wird in meinem Land dank Fernsehen und Radio sehr wohl zur Kenntnis genommen. Man hört, was europäische Politiker und Intellektuelle sagen. Man hört auch, was die Leute in Europa auf der Strasse sagen, wenn ihnen ein Reporter ein Mikrofon hinhält und sie um ihre Meinung zu afrikanischen Einwanderern bittet. Das ist für unsere Ohren teilweise sicher schockierend. Aber selbst bei einer Tragödie im Mittelmeer richtet sich die Wut der ­Leute in Mali stärker gegen die eigene Regierung als gegen Europa.

Weshalb?
Weil kein malischer Politiker jemals etwas Bedeutendes zu diesem Thema sagt und sich für die Würde unseres Landes einsetzt. Und weil das Bewusstsein vorhanden ist, dass die eigene politische Elite viele Missstände zu verantworten hat. Unsere Regierung hat kein migrationspolitisches Konzept. Ein Staat sollte seine Bürger schützen und verteidigen, ob sie nun zu Hause oder im Ausland leben. Hält man sich vor Augen, wie wenige malische Botschaften es in Europa gibt und wie schlecht sie teilweise funktionieren, muss ich leider sagen: Mein Land erfüllt diese Aufgabe nur ungenügend.

Ein häufig diskutierter europäischer Plan besteht darin, mit afrikanischen Ländern Rücknahmeabkommen auszuhandeln, um die illegal eingereisten Migranten zurück­schicken zu können. Halten Sie das für eine gute Lösung?
Prinzipiell schon. Aber wenn Mali zum Beispiel mit Frankreich über Migration und über ein Rücknahmeabkommen verhandelt, stimmt die Regierung vielleicht dem Deal zu, im Austausch von mehr Entwicklungshilfe mehr malische Auswanderer zurückzunehmen. Aber jeder weiss, dass das letztlich leere Versprechen sind.

Inwiefern?
Die Auswanderer haben eine grosse wirtschaftliche und politische Bedeutung, weil sie Rimessen ins Land schicken und viele Familien davon leben. Wenn unsere Regierung einem Rücknahmeabkommen mit einem europäischen Land zustimmt, gehen diese Einnahmen verloren, die Arbeitslosigkeit würde steigen, die sozialen Spannungen wachsen. Die einheimische Bevölkerung derart zu verärgern, wird sie nicht riskieren.

Können Sie nachvollziehen, wenn europäische Regierungen und ein Teil der europäischen Bevölkerung die Migration aus Afrika stoppen wollen?
Ja, ich kann verstehen, dass es kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Gründe gibt, dies zu tun. Aber ich glaube auch, dass die Vorstellung illusorisch ist, die Tür nach Europa hermetisch und definitiv zu schliessen. Die Leute kommen trotzdem, und wenn sie nicht in Europa ankommen, dann ertrinken sie im Meer. Es gibt keine kurzfristige oder endgültige Lösung dieses Problems. Weder in Europa noch vor Ort, wo die Bewegungen zur Verbesserung der Situation viel zu klein und zaghaft sind.

Das klingt sehr pessimistisch.
Gut, es gibt in Senegal eine Frauenbewegung, die junge Leute dazu auffordert, im Land zu bleiben und sich eine Zukunft aufzubauen. Diese Organisation hat auch einen beträchtlichen Einfluss in Mali. Es gibt in Mali auch Vereinigungen mit dem Ziel, Rückkehrern finanziell zu helfen. Und ich kenne viele Leute, die nicht ans Auswandern denken. Ich kenne Familien, von denen kein einziges Mitglied im Ausland lebt. Es ist nicht so, dass ganz Afrika nach Europa kommen will. Meine eigenen fünf Geschwister sind alle in Mali geblieben.

Sie befinden sich an einem Ort, an dem viele Afrikaner so verzweifelt hinwollen, dass sie dafür ihr Leben riskieren.
Ja, und das versetzt mich in eine innere Spannung. Ich denke oft daran, dass ich einer von ihnen sein könnte. Es macht mich ratlos, zu sehen, dass diese Personen so viel Geld und Energie aufwenden, um in einer erbärmlichen Lebenssituation zu enden. Aber viele denken wahrscheinlich, sie werden zu den ganz wenigen gehören, die Glück haben und es in Europa schaffen. Sie glauben an ihren Stern. In der Literatur nennt man das Hybris.

Liegt die Schuld für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme eher bei der sogenannten Ersten Welt oder bei den Afrikanern selbst?
Ein grosser Teil der Verantwortung fällt ganz sicher den afrikanischen Regierungen zu. Viele schaffen es wegen Korruption und Ineffizienz nicht, die Mittel so einzusetzen, um eine funktionstüchtige Infrastruktur zu schaffen: Büro­kratie, Spitäler, Schulen, öffentlicher Verkehr. Es gibt aber Ausnahmen, etwa Botswana. Trotz der kolonialen Vergangenheit kann ein afrikanisches Land Erfolg haben. Den Kolonialismus für alles verantwortlich zu machen, zeugt von totaler Hilflosigkeit.

Ist Entwicklungshilfe überflüssig oder schädlich?
Die Frage führt uns zum zweiten Aspekt, nämlich zur Mitverantwortung Europas. Nach Sklaverei, Kolonialismus und Ausbeutung ist diese Verantwortung sehr gross. Dasselbe gilt für europäische Konzerne, die mit korrupten afrikanischen Regierungen paktieren. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Entwicklungshilfe ist notwendig. Noch. Gelder, die zum Beispiel das Schulwesen oder die Forschung verbessern, sind sinnvoll eingesetzt. Entwicklungshilfe pauschal zur Lösung aller Probleme hochzujubeln oder sie pauschal abzulehnen, ist falsch. Ihre Wirksamkeit und Berechtigung hängt davon ab, an wen konkret sie fliesst, unter welchen Bedingungen und mit welchen Kontrollen über die wirksame Verwendung.

Welches sind Beispiele erfolgreicher Entwicklungshilfe?
Entwicklungshilfe besteht nicht nur aus dem Transfer von Geld, sondern auch von Know-how. Die Schweiz hat Mali beispielsweise dabei geholfen, seine Verwaltung zu dezentralisieren. Die Schweiz wäre auch ein ideales Land, um Mali dabei zu unterstützen, ein duales Bildungssystem einzuführen.

Laut einer Prognose der UNO wird sich die Bevölkerungszahl in Afrika bis 2050 verdoppeln. Das schürt in Europa die Angst, dass die Migration aus Afrika erst begonnen hat und noch viel mehr Leute hierherkommen wollen.
Ja, man hat in Europa vor vielem Angst. Besonders, wenn man ein Phänomen nicht kontrollieren kann, wie es beim Bevölkerungswachstum in Afrika der Fall ist. Europa verliert die Kontrolle über seine eigene Angst. Die demografische Entwicklung ist eine gewaltige Herausforderung, für Afrika mehr als für Europa. Und es ist nicht so, dass man sich dieser Herausforderung in Afrika nicht bewusst wäre. Es bleibt nichts anderes als der Versuch, die Situation schrittweise zu verbessern – durch bessere Schulen, Sexualaufklärung, die Emanzipation der Frau. Was nicht funktionieren wird, ist der aus Europa kommende Befehl: Ihr dürft keine Kinder mehr haben. Das führt zu einer Gegenreaktion und wäre kontraproduktiv.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2018, 15:54 Uhr

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Mohomodou Houssouba (* 1965) ist in der Stadt Gao im westafrikanischen Staat Mali aufgewachsen. Er hat in der malischen Hauptstadt Bamako Englisch studiert und sich später an der Illinois State University in den USA, wo er auch unterrichtete, auf afroamerikanische Literatur spezialisiert. Heute lebt Houssouba in Basel, wo er unter anderem Kurse am Zentrum für Afrikastudien erteilt hat. Er ist Autor mehrerer wissenschaftlicher Studien, ausserdem hat er Gedichtbände und Essays verfasst.  

Podiumsdiskussion mit Mohomodou Houssouba: Wer ist schuld am Elend Afrikas?

Mittwoch, 22. August, 20 Uhr. Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich. Mit Tina Goethe, Brot für alle, und David Signer, Afrikakorrespondent NZZ.

Moderation: Sandro Benini, Auslandredaktor «Tages-Anzeiger».  

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