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«Es geht darum, die Misshandlung der Kinder zu stoppen»

Koran-Schulen spielen im Bildungssystem Senegals eine wichtige Rolle, doch es herrschen Missstände. Kinder werden regelmässig Opfer von Gewalt und zum Betteln gezwungen.

Die Regierung scheint machtlos: Ein Lehrer kopiert für seine Schüler ein paar Verse. In dieser Schule in Dakar starben 2013 neun Schüler bei einem Brand. (13. November 2013)
Die Regierung scheint machtlos: Ein Lehrer kopiert für seine Schüler ein paar Verse. In dieser Schule in Dakar starben 2013 neun Schüler bei einem Brand. (13. November 2013)
AP Photo/Rebecca Blackwell,File, Keystone
Die Verse müssen sie auswendig lernen. Hier sprechen die Kinder im Viertel Medina Gounass in Dakar die Verse gemeinsam – und immer wieder. (19. August 2013)
Die Verse müssen sie auswendig lernen. Hier sprechen die Kinder im Viertel Medina Gounass in Dakar die Verse gemeinsam – und immer wieder. (19. August 2013)
AP Photo/Rebecca Blackwell,File, Keystone
Die Infrastrukturen der Koran-Schule lassen zu wünschen übrig. Anstatt dass auf die Kinder Acht gegeben wird, leben sie in Armut. (24. September 2013)
Die Infrastrukturen der Koran-Schule lassen zu wünschen übrig. Anstatt dass auf die Kinder Acht gegeben wird, leben sie in Armut. (24. September 2013)
AP Photo/Rebecca Blackwell,File, Keystone
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Der zwölfjährige Boubacar wurde im Senegal beim Betteln erwischt. Seitdem wird er in einem Zentrum der Behörden für Strassenkinder betreut. Um den Jungen aus Guinea sollte sich eigentlich eine Koran-Schule kümmern. Doch die hat ihn ausgenutzt und missbraucht. Boubacar ist kein Einzelfall: Seit Juni hat die Polizei in der Hauptstadt Dakar mehr als 500 Kinder von den Strassen geholt. Hintergrund ist eine Initiative von Präsident Macky Sall, der härter gegen Missstände in den sogenannten Daaras vorgehen will.

«Ich will zurück zu meiner Familie», sagt Boubacar. Gemeinsam mit Dutzenden weiteren Kindern ist er bis auf Weiteres im «Centre Ginddi» untergebracht. Hier wurde er zunächst registriert und mit Kleidung und Nahrung versorgt. «Die Strasse ist kein Ort für Kinder», sagt Maimouna Balde, die das Zentrum leitet. «Die Kinder haben ein Recht, etwas zu lernen und gesundheitlich versorgt zu sein.» Ihre Mitarbeiter prüfen nun die Umstände des Falls Boubacar – und die der vielen anderen.

Unzureichende Versorgung

Etwa 1600 Daaras befinden sich in Dakar. Nicht überall gibt es Probleme. Aber insgesamt werden viele tausend Schüler – in den muslimischen Einrichtungen auch Talibés genannt – von ihren Lehrern zum Betteln nach Geld und Essen auf die Strassen geschickt. Mehreren Koran-Schulen wird ausserdem vorgeworfen, durch unzureichende Versorgung die Gesundheit der Kinder aufs Spiel zu setzen, oder sie gar direkt zu missbrauchen. Die Regierung hat in den vergangenen Jahren schon mehrfach versucht, gegen diese Zustände vorzugehen. Bisher aber mit wenig Erfolg.

Nach Angaben der Organisation Human Rights Watch sind im Senegal allein in der ersten Hälfe dieses Jahres mindestens fünf in Daaras lebende Kinder ums Leben gekommen - entweder durch Prügel oder bei Verkehrsunfällen während des Bettelns. Dutzende weitere seien in den vergangenen zwei Jahren beim Betteln geschlagen, angekettet, angegriffen und sexuell missbraucht worden.

Koran-Schulen regulieren

«Die neue Initiative der Regierung ist zwar lobenswert», sagt Corinne Dufka, die für die Aktivitäten der Menschenrechtsorganisation in Westafrika zuständig ist. «Aber die Talibés von den Strassen zu holen, wird langfristig nichts ändern, solange die Koran-Schulen nicht reguliert und verantwortliche Lehrer nicht zur Rechenschaft gezogen werden.»

Eigentlich ist das Betteln im Senegal gesetzlich verboten. Schätzungen zufolge sind aber trotzdem mehr als 30 000 Kinder bettelnd unterwegs – und 90 Prozent von ihnen sollen Talibés sein. Auch international steht das Land deswegen in der Kritik. Im Jahr 2010 hatten die USA gedroht, ihre Entwicklungshilfe zu kürzen, wenn die geltenden Regeln nicht umgesetzt würden. Schon damals sorgte die Regierung aber lediglich dafür, dass die Kinder von den Strassen verschwanden – und das auch nur vorübergehend.

Kinder zu Tode missbraucht

Nachdem 2013 neun Kinder bei einem Brand in einer Koran-Schule in Dakar ums Leben gekommen waren, kündigte der Präsident an, alle Schulen zu schliessen, in denen grundlegende Sicherheitsstandards nicht gewährleistet seien. Aber nichts dergleichen geschah. Die Zahl der Festnahmen von Lehrern ist in den vergangenen Jahren zwar leicht gestiegen. Rechtliche Schritte folgten nach Angaben von Menschenrechtlern aber nur in einer Handvoll von besonders extremen Fällen.

«Der Tod von Talibé-Kindern als Folge von Prügelstrafen und Missbrauch durch einige der Koran-Lehrer darf nicht länger ungestraft bleiben», fordert Mamadou Wane, Präsident der «Platform for the Promotion and Protection of Human Rights», einem Zusammenschluss von 40 senegalesischen Organisationen. Die Menschenrechtler warnen zugleich, dass die unzulängliche Umsetzung der geltenden Gesetze die misshandelnden Lehrer geradezu ermutige.

Mehr Geld als Lösung

Von Seiten der Koran-Schulen wird die aktuelle Initiative des Präsidenten sogar offen kritisiert. «Das Aufsammeln der Kinder von den Strassen muss sofort aufhören», sagte der Lehrer Hady Diakhate kürzlich bei einer Versammlung in der Stadt Kaolack, die im Fernsehen übertragen wurde. «Die Talibés sind Muslime, also müssen sie in den Daaras bleiben. Das ist ihr Platz.»

Andere betonen, dass das eigentliche Problem eine unzureichende Finanzierung sei. «Wir begrüssen die Entscheidung, denn sie wird mehr Ordnung in die Koran-Schulen bringen», sagt der aus einem Vorort von Dakar kommende Lehrer Imam Bousso. «Aber die Regierung muss die Koran-Schulen mit mehr Geld unterstützen und ihnen dabei helfen, qualifizierte Lehrer einzustellen.»

Die Regierung stimme sich eng mit den Lehrern ab, um die Lage in den Schulen zu verbessern, sagt Niokhobaye Diouf vom zuständigen Ministerium für Frauen, Familien und Kinder. In einem ersten Schritt werde sie bedürftige Daaras und Familien in begrenztem Umfang mit zusätzlichem Geld sowie mit Nahrungsmitteln versorgen. Ziel sei es, eines Tages zumindest einige Daaras mit einem Internetanschluss auszustatten. In diesen sollten dann auch andere Themen und Kompetenzen vermittelt würden als nur das Koran-Wissen. «Dem Staat ist nicht daran gelegen, diesen Prozess zu unterbrechen», sagt Diouf. «Es geht darum, die Misshandlung der Kinder zu stoppen.»

SDA/foa

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