«Er machte ständig Witze über sein Alter»

Jean Ziegler erinnert sich an seine Treffen als UNO-Beobachter mit Nelson Mandela und erzählt, was ihn am Freiheitskämpfer am meisten beeindruckte.

«Er machte ständig Witze über sein Alter»: Jean Ziegler (rechts) schüttelt Nelson Mandela an einem Empfang der Schweizer Anti-Apartheid-Bewegung in Genf die Hand.

«Er machte ständig Witze über sein Alter»: Jean Ziegler (rechts) schüttelt Nelson Mandela an einem Empfang der Schweizer Anti-Apartheid-Bewegung in Genf die Hand.

Res Strehle@resstrehle
Franziska Kohler@tagesanzeiger

Herr Ziegler, Sie haben Nelson Mandela in den letzten zwanzig Jahren öfters getroffen. Wie kam es dazu? Zum ersten Mal begegnete ich Mandela im Frühling 1994, vor den ersten freien Wahlen in Südafrika. Die UNO begleitete den Wahlgang mit einer Beobachtermission unter Führung von Lakhdar Brahimi, zu der ich auch gehörte. In den darauffolgenden Arbeitssitzungen habe ich Mandela erlebt und war tief beeindruckt von seiner Intelligenz und seiner Offenheit für die Ängste seiner Gegner. Nachher sah ich ihn noch zweimal an Anlässen der Anti-Apartheid-Bewegung in London und in Genf.

Was ist Ihnen von diesen Treffen in stärkster Erinnerung? Einerseits seine physische Erscheinung. Mandela war ja ein Prinz, gehörte zum Königshaus der Thembu aus dem Volk der Xhosa, und hatte darum ein grosses Selbstvertrauen. Er war auch sehr humorvoll, machte ständig Witze über sein Alter. Andererseits trug er keine Spur von Hass in sich. Von 1948 bis 1994 herrschte in Südafrika ein fürchterliches Nazi-Regime, drei Millionen Weisse regierten gegen 22 Millionen Schwarze und fünf Millionen Asiaten. Kommen nach einem solch grausamen Regime die Opfer an die Macht, gibt es normalerweise Racheakte, Säuberungen und Vergeltungsschläge. Mandela hat dies praktisch in Eigenregie verhindert, obwohl er selber 28 Jahre im Gefängnis sass – dank seinem unglaublichen diplomatischen Können, seiner Charakterstärke und seiner Toleranz. Mandela hatte lange Zeit starke Verbindungen zur kommunistischen Partei SACP (South African Communist Party), die sich 1960 nach dem Sharpeville-Massaker aufgelöst hatte. Einzelne Mitglieder traten danach in den ANC ein und spielten dort wichtige Rollen, vor allem im Militärkomitee. Erst als Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde, kam es zum Bruch: Er selber und die moderaten Politiker aus dem ANC wollten verhandeln, die Radikalen weiterkämpfen.

Wie hat Mandela die Versöhnung geschafft? Er schuf die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die politische Verbrechen während der Apartheid untersuchte. Die Täter mussten sich dort vor den Opfern erklären und entschuldigen. Wurde ihnen von den Opfern vergeben, war die Sache erledigt. Zeigten sich die Täter arrogant und uneinsichtig, wurde ihr Fall an die Justiz überwiesen. Ausserdem hat es Mandela geschafft, die Machtkämpfe zwischen dem Volk der Xhosa und der Zulu beizulegen: Er versöhnte sich als Vertreter der Xhosa-dominierten ANC mit Gatsha Buthelezi, dem Führer der Zulu-Partei Inkatha. Dass es ihm gelang, diese beiden Völker auf einem vom Tribalismus verwüsteten Kontinent zueinander zu bringen, ist bemerkenswert. Denn bei unterdrückten Völkern steht oft die ethnische Identität im Vordergrund. Mandela schuf trotzdem eine Einheit im Land und verhinderte einen Bürgerkrieg.

Stand er für das historische Gegenprogramm zu Robert Mugabe, dem Präsidenten von Zimbabwe? Auf jeden Fall. Erstens haben die beiden einen ganz unterschiedlichen familiären Hintergrund: Mandela stammte aus einer angesehenen Familie, war Studentenführer und Anwalt, bevor er für 28 Jahre hinter Gittern verschwand. Mugabe hingegen kam aus ärmlichen Verhältnissen, war Dorfschullehrer und Militärführer in Zimbabwe. Er gehörte zum Stamm der Shona, der mit dem Stamm der Ndebele verfeindet war. Anstatt die beiden Völker zu versöhnen, hat er sie gegeneinander aufgebracht, Anführer der Ndebele töten lassen und Krieg geführt. Mugabe ist sicher kein banaler Mensch, aber er hatte nie dieselbe Ausstrahlung wie Mandela und hat sich auch nie für Versöhnung starkgemacht.

Mandela gilt als Lichtfigur des 20. Jahrhunderts. Hatte er auch seine Schattenseiten? Natürlich, ich bin kein Freund der Heldenverehrung. Mandela wurde sehr oft vorgeworfen, dass er, als er die neue Verfassung aushandelte, der weissen Minorität den Besitzstand an Land und Minen garantierte. Jacob Zuma, Chef des ANC-Geheimdienstes während des Befreiungskrieges, und Thabo Mbeko, ehemaliger Chef der ANC-Südarmee in Angola, machten Mandela deshalb verschiedene Male Vorwürfe. Die Besitzstandsgarantie ist sicher teilweise verantwortlich für das heute in Südafrika herrschende grosse soziale Elend, die horrenden Ungleichheiten und die hohe urbane Kriminalität. Meiner Ansicht nach aber hatte Mandela während der Verhandlungen um die Verfassung gar keine andere Wahl. Bis zu den Wahlen und seinem Amtsantritt am 9. Mai 1994 war der weisse Repressionsapparat vollständig intakt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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