Eine Stadt geht unter

Lange haben die Menschen gekämpft um Hasankeyf, die türkische Stadt am Tigris mit ihren mittelalterlichen Schätzen. Nun schluckt der Fluss die Ortschaft, ein Stausee soll entstehen.

Bald nur noch für Tauchtouristen zugänglich: Die rund 3000 Bewohner von Hasankeyf sind in die Retortenstadt (im Hintergrund) umgezogen. Foto: Burak Kara (Getty Images)

Bald nur noch für Tauchtouristen zugänglich: Die rund 3000 Bewohner von Hasankeyf sind in die Retortenstadt (im Hintergrund) umgezogen. Foto: Burak Kara (Getty Images)

Christiane Schlötzer@schloetzer

Satellitenbilder zeigen, wie das Wasser steigt. Erst ist da nur eine blaue Linie, der Tigris, ein mächtiger Fluss auf Erden, und aus dem All ein gewundenes Gekritzel. Das war am 19. Juli. Fünf Tage später ist die Linie schon breiter, mit Ausbuchtungen, wie eine geschwollene Ader. Das Wasser wird auf Hasankeyf zulaufen, auf die mittelalterliche Schatzkammer am Tigris, es wird sie verschlucken. Hasankeyf, das sind fast 12'000 Jahre Zivilisation, so lange seien die Ufer des Tigris hier ununterbrochen besiedelt, sagen Archäologen.

Kultur- und Naturschützer haben in den vergangenen 15 Jahren in der Türkei und weit darüber hinaus gegen den Bau des ­Ilisu-Damms protestiert, der den Tigris auf 130 Kilometer Länge in einen See verwandeln soll. Die Proteste haben das Projekt immer wieder verzögert, verhindert haben sie es nicht. Ihren grössten Erfolg feierten die Aktivisten für Hasankeyf und das Tigristal 2009, als die Schweiz, Deutschland und Österreich Exportgarantien zurückzogen. Danach verabschiedeten sich mehrere Banken. Ankara aber fand neue Financiers und Ingenieure, vornehmlich im eigenen Land.

In den letzten Wochen gab es dann noch ziemlich viel Untergangstourismus. Die Souvenirshops in Hasankeyf erlebten einen Besucherboom. Nun ist Schluss damit, die letzten der etwa 3000 Bewohner müssen gehen. In der weiteren Umgebung sollen mehrere Zehntausend Menschen ihre angestammten Dörfer verlieren. Für die Leute aus Hasankeyf hat der staatliche Baukonzern Toki auf der anderen Talseite, auf einer höher gelegenen, staubtrockenen Ebene, eine Retortenstadt gebaut. Die Schule in der alten Stadt hat schon geschlossen, deshalb sind viele Familien bereits vorher umgezogen, und einige klagten bereits über Baumängel in den neuen Häusern, und dass erst mal kein Wasser aus den Leitungen floss – für die Menschen, die vor dem Wasser fliehen. Viele haben auch ihre Toten umgebettet, auf den Friedhof in Neuhasankeyf.

«Barbarei des 21. Jahrhunderts»

Demonstrationen sind jetzt untersagt, die Zugangsstrassen würden gesperrt, liess der Gouverneur wissen. Zur Neustadt gehört ein «Archäologiepark», in den ein halbes Dutzend der eindrucksvollen mittelalterlichen Monumente auf Riesensattelschleppern transportiert wurden: ein Grabmal aus dem 15. Jahrhundert, ein Badehaus, ein Minarett. Andere Denkmäler werden versinken, Hunderte schützenswerte Artefakte, sagen Aktivisten.

In türkischen Medien wird bereits das Unterwasserparadies Hasankeyf für «Tauchtouristen» angepriesen und der See für Jetski-Fans. «Ja, das wird wie Hawaii hier», sagt Firat Argun. Er war der Letzte, der in Hasankeyf noch Zimmer an Touristen vermietete. Jahrelang hat er gegen den Damm gekämpft, einst zusammen mit Prominenten wie dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und dem türkischen Popstar Tarkan.

2013 hatten sie sogar Umweltschützer aus dem Amazonasgebiet und aus Afrika zu Gast. Sie wollten zeigen, dass das Riesenkraftwerk von Belo Monte in Brasilien, die Dämme am Turkanasee in Kenia und Ilisu alle für denselben «Staudamm-Wahn» stehen, wie es damals Ulrich Eichelmann ausdrückte. Der deutsche Umweltschützer führte für den WWF und später für seine Organisation Riverwatch lange die internationale Kampagne gegen den Damm an. Ulrich Eichelmann ist noch einmal, «zum Abschied», wie er sagt, an den Tigris gereist. Eine «Barbarei des 21. Jahrhunderts» nennt er die Flutung.

Die Regierung sieht das anders. Für sie ist der Damm Fortschritt, die Türkei ist ein energiearmes Land. Die ersten Projektpläne stammen aus den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, erst Ende der 90er-Jahre wurde es konkreter, im Rahmen des GAP-Projekts.

In der Höhle

GAP steht für «Güneydogu Anadolu Projesi», das Südostanatolienprojekt, ein Netzwerk von Dämmen entlang der Flüsse Euphrat und Tigris. Wasser ist auch ein Mittel der Macht. Fliesst weniger Wasser durch Tigris und Euphrat, weil es in der Türkei gestaut wird, spüren das die Nachbarn in Syrien und im Irak. Der Euphrat führt jetzt schon wegen der vielen Wehre in der Türkei und auch in Syrien viel weniger Wasser als früher. Mehrere Naturschützer fürchten, mit der Staumauer am Tigris könnten auch die Mesopotamischen Sümpfe im Südirak, der sagenhafte biblische Garten Eden, in Gefahr geraten.

Weil das Gebiet um Hasankeyf vor allem von Kurden bewohnt wird, hiess es einst, mit dem Damm sollte eine Barriere gegen die Kämpfer der kurdischen PKK entstehen. Man wollte auch nicht, dass sie sich in die vielen Höhlen in der Felsenstadt zurückziehen können. Die Höhlen wurden jetzt verschlossen, damit kein Wasser in den Berg dringt und ihn zerbröselt.

Bürgermeister Abdulvahap Kusen, in Hasankeyf geboren, war aus Protest eine Weile sogar in eine der Höhlen gezogen. Er sagt, ohne den öffentlichen Druck hätte man wohl nicht so viele Monumente gerettet. Kusen hat sich arrangiert. Er lobt nun, dass es in der Neustadt ein Spital gibt, und ist Mitglied der AKP, der Partei des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch der war einst ein Gegner des Projekts, das seine Vorgänger erfunden haben – aber das ist lange her.

Die türkischen Kritiker hatten sich auch an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gewandt. Der aber liess sie im Februar abblitzen. Aus der Europäischen Menschenrechtskonvention lasse sich kein Recht Einzelner auf Schutz bestimmter Kulturgüter ableiten, so die Argumentation der Richter. Für diese Entscheidung hatte dasGericht 13 Jahre gebraucht.

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