Der Verrat an den Kurden

Die Kurden im Norden Syriens fürchten ethnische Vertreibungen durch die Türkei. Nach dem Rückzug der USA brauchen sie neue Verbündete.

Demonstrationszug in Al-Qahtaniyya, einer Stadt im Norden Syriens. Die Menschen dort protestieren gegen den geplanten Einmarsch türkischer Truppen in die Region. (Keystone/Baderkhan Ahmad)

Demonstrationszug in Al-Qahtaniyya, einer Stadt im Norden Syriens. Die Menschen dort protestieren gegen den geplanten Einmarsch türkischer Truppen in die Region. (Keystone/Baderkhan Ahmad)

Moritz Baumstieger@baumstieger

Die Liste der kurdischen Traumata ist lang; das Gefühl, von allen Mächten dieser Welt alleingelassen und verraten zu werden, dominiert weite Teile ihrer Geschichte. Speziell die syrischen Kurden müssen nicht tief in die Vergangenheit blicken: Im Januar 2018 marschierte die türkische Armee auf Befehl ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Afrin ein, dem bis dahin westlichsten Kanton des kurdischen Autonomieprojektes im Norden Syriens. Die im Kampf gegen die Terrormiliz IS gestählten Truppen der Kurden leisteten erbitterten Widerstand: Die türkische Armee war wegen der Massenentlassungen nach dem Putschversuch von 2016 geschwächt, brauchte fast zwei Monate, um das kleine Afrin zu erobern, und erlitt dabei teils peinliche Verluste. Doch gegen eine Nato-Armee, die mit deutschen Leopard-Panzern und syrischen Söldnern als Fusssoldaten in das hügelige Gebiet einrückte, waren die kurdischen Kämpfer letztlich machtlos.

Mit der von der Türkei «Operation Olivenzweig» genannten Offensive griff der Syrienkrieg auf eines der letzten Gebiete über, in denen bis dahin kein Schuss gefallen war – gleichzeitig zerplatzte mit dem türkischen Einmarsch die Vision der syrischen Kurden, ein zusammenhängendes Gebiet mehrerer Kantone von der irakischen Grenze im Osten bis fast ans Mittelmeer im Westen zu kontrollieren. Basierend auf den Ideen des in der Türkei als Terrorist zu lebenslanger Haft verurteilten Abdullah Öcalan wollte die syrische Kurdenpartei PYD eine «staatenlose Demokratie» aufbauen: Eine Art Rätesystem, in dem die einzelnen Viertel, Kommunen und Regionen möglichst viele Entscheidungen auf möglichst lokaler Ebene treffen.

Erdogans «Sicherheitszone» gefährdet die Ambitionen der Kurden

Mit diesen basisdemokratischen Elementen, ihrem strikten Säkularismus und der demonstrativ gelebten Gleichberechtigung der Geschlechter – alle politische Posten müssen paritätisch mit einem Mann und einer Frau besetzt sein, neben den Soldaten der Miliz YPG kämpften auch die Frauen der YPJ gegen den IS – fand die syrisch-kurdische Autonomiebewegung auch viele Bewunderer im Westen. Dass politische Gegner aber auch in dem «Rojava» genannten Pseudostaat schnell in Haft landeten und die Bewohner vieler arabischer Gebiete unter kurdischer Kontrolle nach der Vertreibung des IS über Diskriminierung klagten, wurde oft übersehen.

Die Einrichtung der von Erdogan angestrebten «Sicherheitszone» gefährdet nun nicht nur die politischen Ambitionen der Kurden auf noch fundamentalere Art. Das Beispiel Afrin ist für sie auch aus anderen Gründen abschreckend: Den fast 200'000 vor den Kämpfen geflohenen Bewohnern des Gebiets wurde nach kurdischen Angaben meist die Rückkehr in ihre Häuser und Wohnungen verweigert. Sie wurden vom türkischen Staat an Syrer vergeben, die zuletzt in der Rebellenenklave Idlib lebten – meist Familien islamistischer Milizionäre. Neben Berichten von Menschenrechtsverletzungen, Plünderungen, der Zerstörung kurdischer Kulturgüter und einer zunehmenden erzwungenen Islamisierung des öffentlichen Lebens, ist es vor allem diese Angst vor ethnisch motivierter Vertreibung, die kurdische Vertreter heute vorbringen. Zumal Erdogan ankündigt, in seiner «Sicherheitszone» Siedlungsraum für bis zu zwei Millionen Syrer aus anderen Landesteilen schaffen zu wollen.

Kurdenvertreter geben sich kämpferisch

Kurz nachdem in der Nacht zum Montag die dürre Mitteilung aus dem Weissen Haus publik wurde, mit der Trump Erdogan freie Hand bei der Umsetzung seiner Pläne lässt, waren die ersten Stützpunkte der US-Armee in Nordsyrien schon verwaist. Etwa in Tel Abjad, gegenüber der türkischen Stadt Akçakale an der Grenze gelegen, waren die US-Soldaten bereits abgezogen. Die Bewohner fühlen sich doppelt verraten: Nicht nur haben ihre Milizen unter enormen Opfern den Kampf gegen den IS für den Westen ausgefochten. Auf eine Versicherung der USA hin, durch gemeinsame Patrouillen mit der Türkei eine Offensive abzuwenden, haben sich die Kurden auf eine weitere Forderung Ankaras eingelassen: Sie haben in den vergangenen Wochen Befestigungsanlagen entlang der Grenze abgebaut und erst kürzlich fertiggestellte Bunker gesprengt. Die ersten Bewohner packten lokalen Medien zufolge bereits am Montag Pick-up-Trucks und Kleintransporter, um zu fliehen.

Dennoch geben sich Kurdenvertreter kämpferisch: «Wir verteidigen Nordostsyrien um jeden Preis», sagte Mustafa Bali, der Sprecher der von den Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte. Ein Preis, den manche wohl bereit wären zu zahlen, wäre ein Teilverlust der Autonomie. Schon während der Afrin-Offensive verhandelten Abgesandte der Kurden hektisch in Damaskus und Moskau, luden Truppen des syrischen Machthabers in ihre Gebiete ein, um ein Leben unter türkischer Hoheit zu verhindern. 2018 kam dieser Zug zu spät. 2019 könnte der wahre Gewinner von Erdogans Offensive Baschar al-Assad heissen.

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