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Der Sündenfall von al-Jazeera

«Die Meinung und die Meinung der anderen»: Unter diesem Motto wurde der Sender als das unabhängige Medium der arabischen Welt bekannt. Laut Ex-Mitarbeitern gibt es diese Unabhängigkeit längst nicht mehr.

Während der arabischen Revolution wurde der Sender zum wichtigen Medium: Al-Jazeera-Graffiti in der libyschen Stadt Tobruk. (Februar 2011)
Während der arabischen Revolution wurde der Sender zum wichtigen Medium: Al-Jazeera-Graffiti in der libyschen Stadt Tobruk. (Februar 2011)
AFP
Zentrum des Senders: Das Nachrichten-Studio von Al-Jazeera in Doha, Katar.
Zentrum des Senders: Das Nachrichten-Studio von Al-Jazeera in Doha, Katar.
Keystone
Gründete den Sender 1996: Hamad bin Khalifa al Thani.
Gründete den Sender 1996: Hamad bin Khalifa al Thani.
AFP
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Übersetzt bedeutet al-Jazeera «die Insel». Als solche wurde der Sender in den letzten zehn Jahren bekannt: Als Insel der unabhängigen Berichterstattung aus der arabischen Welt hat sich al-Jazeera einen Namen gemacht. Während viele TV-Stationen in den umliegenden Ländern die Linie ihrer Herrscher vertraten, schrieb sich der Sender aus Katar den Leitspruch «die Meinung und die Meinung der anderen» auf die Fahne. Auch die westliche Berichterstattung bezog sich vor allem während der arabischen Revolution gerne auf die Fernsehstation.

Al-Jazeeras Motto ist mittlerweile jedoch zur leeren Floskel geworden. Scheich Hamad bin Khalifa al Thani, der den Nachrichtensender 1996 gründete, soll seinen politischen Einfluss in den letzten Monaten massiv verstärkt haben, berichtet «Der Tagesspiegel». Die ausgewogene Berichterstattung blieb dabei auf der Strecke.

Al-Jazeera, das Ersatzparlament

Die Zeitung sprach mit Aktham Suliman. Der 42-jährige Journalist war elf Jahre lang für al-Jazeera in Berlin tätig. Im August kündigte er seine Stelle. «Professionelle journalistische Grundsätze wurden bei al-Jazeera nicht mehr geachtet», sagt Suliman. Der Nachrichtensender habe in der Zeit vor der arabischen Revolution gut funktioniert, so der Journalist. «Wir waren die Einzigen, die kritische Stimmen und Oppositionelle zu Wort haben kommen lassen. Quasi ein Ersatzparlament, in dem Diskussionen möglich waren.» Seither habe der al-Jazeera seine ausgewogene Haltung aufgegeben.

Al Thani übe seinen Einfluss auf sehr subtile Art aus, berichtet Suliman weiter. So setzt er den Journalisten beispielsweise Talkgäste vor, die die gewünschte Meinung verträten. Überdies wähle der Sender die Nachrichten nicht mehr nach neutralen Kriterien aus, sondern bestimme, welche Meldungen zur gewünschten Berichterstattung passten und welche nicht.

Die 180-Grad-Wende

Die Vorwürfe an al-Jazeera mögen heftig sein, um Einzelfälle handelt es sich aber bei Weitem nicht. Bereits im April schrieb der libanesische Journalist Ali Hashem in einem Artikel für den «Guardian» über die selektive Berichterstattung aus Syrien. Der Beirut-Korrespondent hatte Al-Jazeera im März 2012 verlassen, nachdem der Nachrichtensender seinen Bericht über bewaffnete syrische Revolutionäre an der Grenze zum Libanon nicht senden wollte. Er passte nicht in das gewünschte Bild eines sauberen und friedlichen Aufstandes. «Meine Vorgesetzten sagten mir, dass ich die bewaffneten Männer vergessen soll», schrieb Hashem.

Die Aussagen des libanesischen Journalisten erscheinen gerade zu ironisch, bedenkt man, dass al-Jazeera in seiner Berichterstattung über den Syrien-Aufstand im Sommer 2012 plötzlich eine 180-Grad-Wende vollzog. Laut dem ehemaligen al-Jazeera-Journalisten Sulim, sieht sich der Sender seither nur noch als «Stimme der Revolutionäre». Zu Beginn des Jahres noch verschmäht, wurde das Interesse an den syrischen Rebellen plötzlich zum Fokus. Wie die «Berliner Zeitung» schreibt, vollzog sich die Veränderung in der Berichterstattung zeitgleich mit dem Kurswechsel in der katarischen Aussenpolitik. Hatte der Emir von Katar mit Bashar Assad bis dahin noch ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt, wandte sich Doha von Damaskus ab und stellte sich auf die Seite der Aufständischen.

Den Emir ins Zentrum gerückt

Das jüngste Kapitel in der Diskussion um Al-Jazeeras Unabhängigkeit wurde erst Ende September geschrieben. Kurz bevor das Team von al-Jazeera English einen Beitrag über die UN-Debatte zum Syrien-Konflikt ausstrahlen wollte, erhielten sie laut «Guardian» die Anweisung, das Video neu zu schneiden. Anstelle von Barack Obamas Rede sollten die Anmerkungen von Scheich al Thani am Anfang des Beitrags eingespielt werden. Die Redakteure protestierten erfolglos gegen das Hervorheben einer ihrer Ansicht nach unwichtigen Rede.

Spurlos gehen die Vorkommnisse nicht am Nachrichtensender vorbei. Mit Aktham Suliman und Ali Hashem haben mittlerweile mehr als ein Dutzend Korrespondenten gekündigt. Ibrahim Helal, al-Jazeera-Sprecher und Chefredaktor, schweigt bezüglich der Problematik. Den Vorwurf der Parteilichkeit wirft er im Gespräch mit der «Berliner Zeitung» als «völlig absurd» von der Hand.

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