«Das Leiden wird noch grösser»

Die Menschen in Ostghouta leben unter dem Boden, die vielen Kinder sehen keinen Sonnenstrahl mehr und hungern. Das berichtet der Schweizer Länderdirektor des UNO-Welternährungsprogramms in Syrien.

Ein UNO-Hilfskonvoi trifft am 5. März in Ostghouta ein. Er kann nicht ganz entladen werden, weil die Bombardierungen näher kommen. Foto: Mouneb Taim (Getty)

Ein UNO-Hilfskonvoi trifft am 5. März in Ostghouta ein. Er kann nicht ganz entladen werden, weil die Bombardierungen näher kommen. Foto: Mouneb Taim (Getty)

Das UN World Food Programme, kurz WFP, konnte in den vergangenen Tagen das belagerte Ostghouta mit Hilfsgütern erreichen. Wie ist die Situation vor Ort?
Sehr schlecht. Wir waren zweimal in Duma, dem Hauptort der Region Ostghouta. Die Leute haben kein Wasser und keine Medikamente mehr, die Lebensmittel sind sehr knapp, die Stadt ist praktisch zerstört. Nur wenige Läden haben offen, und die Preise sind viermal höher als hier in Damaskus. Das können sich die Leute nicht leisten. Die zwei übrig gebliebenen Bäckereien sind zerstört. Und dies bei 200'000 Einwohnern in Duma, wobei die Situation in den anderen Städten Ostghoutas gleich ist.

So viele Menschen kann man mit zwei Konvois kaum versorgen.
Wir lieferten Weizenmehl für 27'000 Personen, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), mit dem wir zusammenarbeiten, brachte weitere Lebensmittel. Die Menschen in Duma haben eine Mahlzeit am Tag, meistens Reis und allenfalls noch etwas Gemüse. Ostghouta war ja eine Landwirtschaftszone. Nun aber hat die Regierung praktisch alle fruchtbaren Gebiete erobert. Tagsüber wird aus der Luft bombardiert, nachts mit Artillerie, ich habe es in der vergangenen Nacht wieder gehört.

Allein in Ostghouta leben 125'000Kinder seit Jahren unter der Belagerung.
Ein siebenjähriges Kind dort kennt nichts anderes als den Krieg. Die Menschen leben unter dem ­Boden, oft unter katastrophalen Bedingungen, die Hygiene ist sehr schlecht, die Luft zirkuliert nicht. Es gibt Kinder, die wochenlang keine Sonne mehr gesehen haben, nur nachts kommen sie vielleicht rasch raus. Und weil es so eng ist, hat es oft nicht einmal genug Platz zum Schlafen für alle.

Wie haben die Bewohner auf die Ankunft Ihres Konvois reagiert?
Sie verzögerten die Entladung so lange wie möglich. Denn sie wussten, dass das Quartier nicht bombardiert wird, solange wir dort sind. Wir fordern seit Monaten eine Feuerpause von einem Monat und nicht nur ein paar Stunden. Das reicht nicht, um 40 Lastwagen zu entladen. Der erste Konvoi am 5. März bestand aus 46 Lastwagen. Wir waren gezwungen, vorzeitig zurückzukehren, weil die Bombardierungen immer näher kamen. 14 Lastwagen waren aber noch voll. So fuhren wir vier Tage später erneut hin, um den Rest zu liefern.

Das ist gefährlich, auch für Ihre Mitarbeiter.
Als der Konvoi ankam, wurde die Umgebung beschossen, die Einschläge waren 500 Meter entfernt. Wobei nicht klar war, wer schoss, die Regierungstruppen von aussen oder Rebellen innerhalb des Belagerungsrings. Es gibt mehrere Oppositionsgruppen, die sich auch gegenseitig bekämpfen.

Der Sicherheitsrat berät über eine Resolution, um eine 30-tägige Feuerpause durchzusetzen. Dabei drohen die USA mit einem Alleingang, falls das nicht gelingt. Was halten Sie davon?
Die aktuelle Eskalation ist die grösste seit zwei Jahren. Wenn es noch mehr eskaliert, gibt es noch mehr Leid. Das ist nicht die Lösung des Problems.

Was wäre denn die Lösung?
Dass es endlich einen Waffenstillstand gibt, der eingehalten wird. Seit Jahren verabschiedet der UNO-Sicherheitsrat Resolution um Resolution, und die Kämpfe gehen immer weiter. Die vereinbarten Deeskalationszonen sind zu Eskalationszonen geworden. Ein Waffenstillstand müsste jedoch fürs ganze Land gelten. Auch für Afrin, das die türkischen Streitkräfte umzingelt haben. 30'000 Menschen wurden vertrieben. Dasselbe gilt für Idlib, dort bekriegen sich zwei Oppositionsgruppen, die gleichzeitig von der Regierung bekämpft werden. Eine Viertelmillion wurde vertrieben. Auch im Süden flammen die Kämpfe wieder auf.

Die syrische Regierung lehnt immer wieder den Zugang von Hilfsorganisationen zu Ostghouta ab. Was machen Sie für Erfahrungen mit dem Assad-Regime?
Es läuft alles nach dem Plan der syrischen Regierung. Wenn sie will, dass wir Zugang zu Ostghouta haben, dann bekommen wir ihn, wenn nicht, eben nicht. Was die humanitäre Hilfe betrifft, scheint kaum jemand von aussen das Regime beeinflussen zu können, selbst die Russen nicht. Allerdings unterstützen wir in Syrien insgesamt 3 Millionen Menschen, sowohl in Gebieten der Regierung, der Opposition wie auch der Kurden. Das funktioniert gut. Die Lage ist im ganzen Land schlimm, die Hälfte der Bevölkerung ist aus ihren Häusern vertrieben worden. Wenn von 19 Millionen 13 Millionen humanitäre Hilfe brauchen, ist das eine Riesenkatastrophe. Probleme mit dem Zugang gibt es nur bei den belagerten Gebieten, weil wir eine aktive Frontlinie überschreiten müssen. Zum einen blockiert uns dann zuweilen die Regierung. Aber auch nicht alle Oppositionsgruppen sind damit einverstanden, dass wir kommen.

Russische Medien verbreiten, dass Rebellen Zivilisten als Schutzschilder benützen. Haben Sie das gesehen oder davon gehört?
Nein. Schon beim Kampf um Aleppo war davon die Rede. Die Leute, mit denen wir sprechen, sagen einfach, sie hätten genug von diesem Krieg, mit dem sie nichts zu tun haben. Am Dienstag sind gut 100 Personen evakuiert worden, wobei sie weder von der Regierung noch den Rebellen daran gehindert wurden. Aber eigentlich wollen die Leute in ihren Häusern bleiben, selbst wenn sie zerstört sind. Sie riskieren lieber, getötet zu werden, als in einem Lager zu leben. Und oft wissen die Evakuierten auch gar nicht, wo sie hinsollen.

Was kostet die Mission des WFP in Syrien?
2 Millionen Dollar pro Tag. Wir können das nur machen dank grosszügiger Unterstützung. Profitieren können aber nur die Allerbedürftigsten. Im ver­gangenen Jahr unterstützten wir noch 4 Millionen Syrer und Syrerinnen. Doch unsere Gelder wurden gekürzt.

Hat das World Food Programme Mühe, Geld aufzutreiben, weil der Krieg so lange dauert?
In den vergangenen zwei Jahren sind wir gut unterstützt worden, vor allem von Deutschland, das mehr als ein Drittel unserer Ausgaben von 600 Millionen Dollar pro Jahr zahlt. Dabei wären eigentlich 900 Millionen budgetiert. Dieses Jahr reicht das Geld bis August, wobei wir die Rationen bereits reduziert haben. Was dann passiert, ist noch unklar.

Und was ist mit der Schweiz?
Sie unterstützt grosszügig das IKRK. Ans World Food Programme gingen 2017 4 Millionen. Die Schweiz engagiert sich also stark in Syrien.

Ist ein Ende des Krieges absehbar?
Ich habe die Hoffnung auf eine politische Lösung aufgegeben. Das wird militärisch ausgetragen, wenn man sieht, was die Regierung und Russland planen. Und das kann sich hinziehen. Eine politische Lösung ginge relativ schnell, wenn alle einverstanden wären. Aber es bekriegen sich 28 Parteien, und hinter jeder Partei steht irgendeine auslän­dische Macht. Das ist ein Weltkonflikt. Das Leiden wird deshalb noch grösser, bevor es abnimmt.

Wie gehen Sie persönlich damit um, so viel Elend zu sehen?
Ich bin jeweils fünf bis sieben Wochen im Land, dann kann ich raus zu meiner Familie. Aber das Erlebte ist schwierig zu verarbeiten, denn der Krieg ist nicht irgendwo weit weg, sondern bei uns. Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich Bomben einschlagen. Oder wenn ich durch Aleppo fahre, dann sieht das aus wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Kein Stein ist mehr auf dem anderen, trotzdem leben die Menschen in den Ruinen. Es ist traurig, das zu sehen. Ich rede jeden Tag via Facetime mit meinen zwei Buben und meiner Frau. Sie ist WFP-Direktorin in Thailand. Das gibt mir Boden, weil ich sehe, dass es ein Leben ausserhalb von Bomben, Granaten und Sterben gibt.

Sie sind Appenzeller. Was vermissen Sie am meisten von zu Hause?
Ich bin vor 30 Jahren ausgewandert. Für mich ist die Schweiz ein Ferienland, das ich einmal im Jahr besuche. Aber ja, mir fehlen die grünen Hügel. Hier ist es nur zwei Wochen grün und nachher wieder braun, es ist flach und staubig, und es ist Krieg.

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