«Am schlimmsten ist die Lage im Irak»

Der IS und andere jihadistische Gruppen wollten alle Andersgläubigen eliminieren, sagt der frühere Nahostkorrespondent Daniel Williams.

Brennende Kirche in Kairo: 2011 kam es dort zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen.

Brennende Kirche in Kairo: 2011 kam es dort zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen.

(Bild: Keystone)

Herr Williams, in Ihrem Buch beschreiben Sie Gräueltaten, die von der Terrormiliz IS an Christen verübt wurden. Warum werden die Christen im Irak und in Syrien von den Jihadisten verfolgt?Daniel Williams: Radikale Islamisten glauben, dass der Islam gereinigt werden muss. Opfer von Verfolgung sind nicht nur Christen, sondern auch andere religiöse Minderheiten wie beispielsweise die Jesiden im Irak oder die Alawiten und andere schiitische Minderheiten in Syrien.

Das Ziel der Jihadisten ist die religiöse Säuberung? Ja. Sie wollen alle Andersgläubigen in ihrem Herrschaftsgebiet eliminieren. Als erstes trifft es die religiösen Minderheiten. Später gehen sie aber auch gegen liberale sunnitische Muslime oder Anhänger von Sufi-Orden vor. Für sie sind alle, die keine Salafisten sind, Ungläubige. Die Salafisten eifern den frommen Altvorderen der islamischen Frühzeit nach und legen den Koran buchstabengetreu aus.

Christen genossen unter islamischer Herrschaft aber üblicherweise Schutz, wenn sie sich an gewisse Regeln hielten. Die traditionelle islamische To­leranz gegenüber Gläubigen von Religionen, die im Koran erwähnt sind, wird von Jihadisten abgelehnt.

Wie steht es um die Sicherheit religiöser Minderheiten in jenen Gebieten in Syrien und im Irak, die nicht unter Kontrolle der Jihadisten sind? In den von Kurden kontrollierten Gebieten sind sie sicher. Das gilt auch für die Gebiete, die unter der Kontrolle des syrischen Regimes stehen. In Bagdad dagegen sind sie nicht sicher.

In Ägypten regiert die Armee. Wie ist die Situation der christlichen Kopten? Ihre Lage hat sich mit der Machtübernahme durch die Armee verbessert. Es gibt zwar immer noch Fälle, in denen es zu Ausschreitungen eines Mobs gegen Christen und Kirchen kommt, ohne dass die Polizei einschreitet. Unter Hosni Mubarak kam das aber viel öfter vor. Auch nach dem Sturz Mubaraks und während der Präsidentschaft von Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft gab es zahlreiche Vorfälle gegen Christen, ohne dass die Polizei eingegriffen hätte.

Was ist der Grund, dass die Polizei den Kopten nicht hilft? In Diktaturen sind vor dem Gesetz nicht alle gleich. Minder­heiten geniessen nur so lange Schutz, wie es dem Diktator passt. Sobald eine Minderheit nicht mehr loyal ist, erhält sie auch keinen Schutz mehr. Dennoch wehrten sich in Ägypten immer mehr junge Kopten gegen das Regime von Mubarak.

Was hat der Sturz Mubaraks den Kopten gebracht? Während des Arabischen Frühlings gab es einen Moment der Hoffnung auf ein Ägypten, in dem alle die gleichen Bürgerrechte haben. Der Vorschlag zur Schaffung eines neutralen Staates wurde aber still beerdigt, als die Muslimbruderschaft und die Salafisten mit Protesten drohten. Aus Angst vor Mursi stellten sich die Kopten dann hinter Armeechef Sisi, als dieser 2013 Mursi durch einen Militärputsch absetzte. Nun sind die Kopten wieder von einem starken Mann abhängig wie früher von Mubarak.

Sie befürchten, dass es im Nahen Osten bald keine Christen mehr geben wird. Ja. Am dramatischsten ist die Entwicklung im Irak. Seit der US-Invasion 2003 ist die Zahl der Christen von weit über einer Million auf unter 300 000 zurückgegangen. In Syrien sind mehrere Hunderttausend Christen vor dem Krieg geflohen. Zuvor lebten dort über 1,5 Millionen Christen. Ein Ende der Emigration ist nicht in Sicht. Die Auswanderung von Christen aus den Palästinensergebieten hat sich mit dem Aufstieg der Hamas und noch radi­kalerer Islamistengruppen beschleunigt. Und aus Ägypten sind in den letzten Jahren etwa 300 000 Kopten weggegangen.

Wie kann der Westen den religiösen Minderheiten im Nahen Osten helfen? Am schlimmsten ist die Lage für die Christen und Jesiden im Irak. Als Verfolgte aus religiösen Gründen sollte ihnen allen in einem Land ihrer Wahl Asyl gewährt werden. Die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien ist wohl zu gross, als dass alle Asyl erhalten könnten. Es sollte aber zumindest sichergestellt werden, dass sie in einem funktionierenden Flüchtlingslager in einem der Nachbarländer Syriens Zuflucht finden.

Was kann die islamische Welt tun? Die Verteidiger des Islam machen es sich zu einfach, wenn sie behaupten, dass der heutige Jihad nichts mit dem Islam zu tun habe. Denn die Jihadisten berufen sich für ihr Tun eben doch auf Koranverse und zahlreiche berühmte muslimische Gelehrte, selbst wenn sie diese falsch interpretieren. Einflussreiche sunnitische Persönlichkeiten müssen gegen die salafistische Auslegung des Islam Position beziehen und diese widerlegen. Nötig wäre eine breite öffentliche Debatte dar­über, die viele in der islamischen Welt scheuen. Im Weg steht allerdings auch die traditionelle is­lamische Vorstellung, wonach Christen und andere religiöse Minderheiten nur Bürger zweiter Klasse sein können.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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