Algerier demonstrieren von Algier bis nach Genf gegen Bouteflika

Bei Zusammenstössen in Algerien wurden mehr als 200 Menschen verletzt. Auch in Genf gingen Algerier auf die Strasse.

Auch in Tunesien gingen Algerier gegen Bouteflika auf die Strasse: Ein Mann hält ein Papier auf dem steht: «Nein zu einer fünften Amtszeit». (9 März 2019)

Auch in Tunesien gingen Algerier gegen Bouteflika auf die Strasse: Ein Mann hält ein Papier auf dem steht: «Nein zu einer fünften Amtszeit». (9 März 2019)

(Bild: Reuters Zoubeir Souissi)

In Genf haben rund hundert Personen am Samstag vor dem Palais Wilson am Seeufer, dem Sitz des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte, demonstriert. Sie forderten freie Wahlen in Algerien. «Es lebe das freie und demokratische Algerien», «nieder mit der Militärdiktatur», skandierten die mehrheitlich algerischen Teilnehmenden auf Arabisch. «Stoppt die Wahlfälschungen» stand etwa auf Plakaten und Transparenten.

«Das algerisch Volk will einen friedlichen (politischen) Übergang», erklärte ein Redner auf Französisch. Er begrüsste die Demonstrationen gegen eine fünfte Amtszeit von Präsident Abdelaziz Bouteflika, die seit drei Wochen in Algerien stattfinden. Dieser ist seit 20 Jahren im Amt will am 18. April erneut kandidieren.

Nach einem Schlaganfall 2013 sitzt Bouteflika im Rollstuhl und hat Probleme beim Sprechen. Seit rund zwei Wochen hält er sich zur medizinischen Behandlung am Universitätsspital Genf auf, offiziell zu einem «regulären medizinischen Kontrollbesuch».

Mehr als 200 Verletzte bei Zusammenstössen in Algerien

In Algerien selbst fanden am Freitag die bislang grössten Proteste gegen Bouteflikas Kandidatur statt. Sie verliefen zunächst friedlich. Doch als alles schon vorbei sein sollte, kam es am Abend doch noch zu Gewalt und Randale. Dabei wurden mehr als 200 Personen verletzt.

Aus einem Spital in der Hauptstadt Algier hiess es am Samstag, es seien mehr als 100 Zivilisten eingeliefert worden. Einige hätten Tränengas eingeatmet, andere seien von Steinen oder Gummigeschossen getroffen worden. Die algerischen Sicherheitsbehörden hatten zuvor auch von mehr als 100 verletzten Polizisten berichtet.

In einem Versuch, weitere Proteste einzudämmen, ordnete Algeriens Bildungsministerium am Samstag überraschend an, die Frühlingsferien an den Universitäten vorzuziehen und auf fast vier Wochen auszudehnen. Sie sollen nun an diesem Sonntag beginnen. An Universitäten hatte es zuletzt immer wieder Proteste gegeben.

Friedliche Grossdemonstrationen

Am Freitag waren in vielen Städten des Landes Menschenmassen friedlich auf die Strasse gegangen. Es handelte sich um die grössten Demonstrationen seit Ausbruch der Protestwelle vor mehr als drei Wochen. Die Schätzungen reichten von einer halben bis zu einer Million Teilnehmenden allein in der Hauptstadt Algier. Im Zentrum von Algier waren Strassen und Plätze bis zum Bersten gefüllt.

Nach Ende der Demonstrationen kam es jedoch zu Zusammenstössen mit der Polizei. Offizielle Stellen sprachen von «Chaoten», die im Nationalmuseum für Altertümer und Islamische Kunst randaliert und geplündert hätten. Bilder zeigten ausgebrannte Räume und zerstörte Vitrinen. 195 Menschen wurden festgenommen.

Proteste gegen fünfte Amtszeit

Seit Ende Februar kommt es landesweit immer wieder zu Protesten gegen eine fünfte Amtszeit des 82 Jahre alten Bouteflika. Der Staatschef ist seit 20 Jahren an der Macht und will sich bei einer Abstimmung am 18. April erneut wählen lassen. In Genf forderten am Samstag rund hundert Demonstranten freie Wahlen in Algerien.

Seine Gegner halten ihn jedoch nicht mehr in der Lage, das Amt auszuüben. Nach einem Schlaganfall sitzt Bouteflika im Rollstuhl und hat grosse Probleme beim Sprechen. Der Präsident hält sich seit rund zwei Wochen zur medizinischen Behandlung am Universitätsspital Genf auf. Wann er nach Algerien zurückkehren kann, ist unklar. Seit Ausbruch der Proteste äusserte er sich nur durch Botschaften, die für ihn verlesen wurden.

Die Bilder erinnern an die arabischen Aufstände vor acht Jahren, wo Massenproteste in den benachbarten Ländern Langzeitherrscher zu Fall brachten. In Algerien blieb die Lage damals vergleichsweise ruhig. Bouteflika galt lange als Stabilitätsgarant, der das Land nach dem blutigen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren wieder vereint hat.

mac/sda

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