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Ägypter machen Demonstranten für Wirtschaftskrise verantwortlich

Viele Ägypter haben kein Verständnis mehr für die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Sie schimpfen sie verwöhnte Kinder und Saboteure und behaupten, sie seien schuld an der schlechten Konjunktur.

Trübe Aussichten: Polizei und Aktivisten liefern sich Schlachten, die Wirtschaft lahmt. (26. November 2011)
Trübe Aussichten: Polizei und Aktivisten liefern sich Schlachten, die Wirtschaft lahmt. (26. November 2011)
Keystone

Das Wiederaufflammen der Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz und anderen Städten hat die Ägypter politisch gespalten. In Radiosendungen fragen so manche Anrufer, ob die jungen Aktivisten der jüngsten Protestwelle Nationalisten, verwöhnte Kinder oder Saboteure sind. Und die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz müssen Beschimpfungen vorbeifahrender Autofahrer über sich ergehen lassen.

Abseits der politischen Differenzen machen sich die Verhältnisse im Land jedoch an anderer Stelle negativ bemerkbar - und zwar in der Wirtschaft. Der ohnehin schwächelnden Konjunktur hat der jüngste Aufstand gegen den Militärrat arg zugesetzt. Für viele Ägypter kommt das zur Unzeit, hatten sie doch mit dem Start der Wintersaison auf einen neuen Schub für den Tourismus gehofft. Schon warnen Analysten vor einer drohenden Finanzkrise.

«Wir sind nicht weit davon entfernt», sagt Neil Shearing von Capital Economics. «Noch gibt es genügend Geld im Staatssäckel, um durch das Jahr zu kommen, viel mehr aber auch nicht. In zwei bis drei Monaten wird es kritisch.»

Wachstumsrate in den Keller gerutscht

Rund 30 Jahre dauerte es, bis eine Revolution den früheren Präsidenten Hosni Mubarak von der Macht verdrängte. Allerdings dauerte es nur Monate, bis die durchschnittliche Wachstumsrate der vergangenen Jahre in Höhe von sieben Prozent in den Keller rutschte. Für 2011 ist nur noch mit einem bescheidenen Wachstum von einem Prozent zu rechnen.

Den wirtschaftlichen Niedergang sehen Beobachter als Folge der anhaltenden Proteste seit dem Sturz Mubaraks. Ob auf dem als Epizentrum der Revolution bekannt gewordenen Tahrir-Platz oder in den Arbeiter- und Armenvierteln der ägyptischen Hauptstadt: Vielerorts hat die ernüchternde Erkenntnis eingesetzt, dass die Hoffnung auf einen demokratischen Wandel nicht zu besseren Lebensbedingungen geführt hat.

Die Frustration entlud sich in neuen Unruhen: Demonstranten zogen vergangene Woche auf den Tahrir-Platz, um den ägyptischen Militärrat zur unverzüglichen Machtübergabe an eine zivile Regierung aufzufordern. Die Aktivisten beklagen unter anderem, dass die herrschenden Generäle nicht besser als Mubarak seien und die Wirtschaft zugrunde gerichtet hätten.

Entlassungen im Tourismussektor

Die Bilder von den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, die sich in von Tränengas geschwängerter Luft mit Steinen bewerfen - all das schreckt Touristen nun von einem Besuch im Land der Pharaonen und Pyramiden ab. Dabei ist der Tourismus das Zugpferd der ägyptischen Wirtschaft: Der Sektor trägt rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. In vielen Branchen sind Ägypter etwa als Reiseführer oder Hotelangestellte tätig.

«Die meisten Geschäfte haben ihre Angestellten entweder entlassen oder deren Löhne um mindestens 50 Prozent gekürzt», sagt Chaled Osman, der unweit der Pyramiden von Gisa in seinem Laden 20 Angestellte beschäftigt. Seit der Revolution ist die Arbeitslosenrate im dritten Quartal um fast zwölf Prozent gestiegen.

Und auch mögliche Investoren verfolgen die Unruhen mit Unbehagen. Die Staatsverschuldung ist stark gestiegen. So musste die ägyptische Zentralbank am Freitag erstmals seit rund drei Jahren wieder die Zinsen anheben.

Nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's die ägyptischen Staatsanleihen am Donnerstag auf Ramschniveau herabstufte, dürften die Zinsen weiter in die Höhe schiessen. Als Grund für die Bewertung nannte Standard & Poor's das «anhaltend hohe und jüngst gestiegene Risiko mit Blick auf die Herausforderungen der politischen Institutionen.» Diese Herausforderungen könnten entstehen, wenn die Forderungen der Bevölkerung nach grösserer politischer Teilhabe und besseren Lebensbedingungen vereitelt würden - ganz unabhängig davon, wer Ägypten regiere.

dapd/miw

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