Wie das Inferno in Syrien enden könnte

Die Kriegsparteien missachten das Völkerrecht und zerstören Strukturen, die der Welt Halt gaben. Vielleicht gibt es einen Ausweg. Doch der ist schwierig und teuer.

In der Nacht auf Samstag haben die USA, Frankreich und Grossbritannien einzelne Militärschläge gegen Syrien ausgeführt. (Video: AFP/Storyful/Tamedia)

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Die Angst kehrt zurück. Sie kriecht aus den Falten der Geschichte, schreit aus Bildern zerstörter syrischer Städte, nährt sich von Tweets Donald Trumps und nistet sich in den Köpfen von Deutschen und anderen Europäern ein, für die «Nie wieder Krieg» zur tröstlichen Lebensbasis geworden ist.

Gewiss, es hatte den Krieg weiter gegeben in unglücklichen Ecken der Erde – Kongo, Myanmar, Libyen. Und manchmal flackerte er an den Rändern des vereinten Europa wieder auf, in Ex-Jugoslawien, der Ostukraine. Aber das waren oder sind begrenzte Konflikte, einfrierbar oder eindämmbar. Ein Flächenbrand wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg, der über ganz Europa hinwegfegt? Das schien seit Ende des Kalten Krieges unmöglich zu sein. Der totale Krieg der Nazis hatte den Krieg insbesondere in Deutschland total diskreditiert. Stattdessen entstand die Erwartung ewigen Friedens, wenigstens für die EU.

Die Wahrscheinlichkeit der Apokalypse bleibt gering

Nun häufen sich Konflikte, die diese Gewissheit zernagen: der Atomstreit mit Iran, Nordkoreas Raketen, das Verhältnis zwischen Russland und den USA, verkörpert durch Putin und Trump. Letzteres schwankt zwischen Kuscheln und Catchen. Gerade ist, wegen Syrien, Krawall angesagt. Viele sorgen sich, ein dummdreister Tweet des US-Präsidenten, eine fehlgeleitete Rakete, ein verletztes Ego im Weissen Haus oder im Kreml könnten zum Atomkrieg führen.

Gewiss: Die Wahrscheinlichkeit dieser Apokalypse bleibt gering. Noch zählt in Washington nicht nur Trump; und in Moskau erscheint Putin, bei aller Verschlagenheit, zu kaltem Kalkül fähig. Es gibt Hoffnung, dass sich die USA in kommenden Wahlen von ihrem schändlichen Präsidenten befreien. Und es gibt die Chance, dass Putin erkennt, wie seine Strategie der Spannung Russland auslaugt und am Ende ihn selbst verschleisst. Und dennoch: Die Welt als Ganzes ist wieder gefährlicher geworden, als sie es in den vergangenen Jahrzehnten war.

Nur noch Narren und Verbrecher jubeln über Kriege

Von Urzeiten an hatte Krieg zum menschlichen Leben gehört. Kriege waren so häufig, dass eine Friedenszeit wie unter Kaiser Augustus einsam aus der Historie leuchtet. Selbst die griechische Antike, klassisches Vorbild der Humanisten, wurde von ständigen Kriegen der Stadtstaaten untereinander oder gegen die Perser geprägt. Heraklit nannte den Krieg den «Vater aller Dinge», der den Menschen ihre Sterblichkeit zeigt. Clausewitz bezeichnete den Krieg als «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln». Und als der Erste Weltkrieg ausbrach, zogen viele Deutsche jubelnd durch die Städte.

Seitdem hat die Menschheit starke Fortschritte gemacht. Nur noch Narren und Verbrecher jubeln über Kriege. Allgemein wurde der Krieg geächtet, die Charta der Vereinten Nationen versuchte, ihn zu zügeln. Organisationen wie die UN oder die EU, das Völkerrecht und Weltstrafgerichte machten gegen den Krieg mobil.

Der UN-Sicherheitsrat versagt

Heute sind diese Ansätze in Gefahr. Das Völkerrecht wird ständig missachtet, gerade auch in Syrien. Russland und Iran leisten dem Staatsverbrecher Bashar al-Assad Beihilfe zum Massenmord an seinen Bürgern. Regierungstruppen und Rebellen setzten Chemiewaffen ein. Staaten wie die USA oder die Türkei intervenieren von aussen, wie es ihnen passt. Der UN-Sicherheitsrat versagt vor seiner Pflicht, Frieden zu schaffen. Und auch jenseits von Syrien gerät multinationale Zusammenarbeit unter Beschuss. Viele Europäer lehnen heute die EU ab oder wollen sie schwächen.

So werden Strukturen zerstört, die der Welt Halt gaben. Das schafft Unsicherheit, und verunsicherte Wähler tendieren dazu, in den Nationalismus zu flüchten. Wenn aber alle «Wir zuerst» brüllen, führt das zu mehr Konflikten, wodurch die Unsicherheit wächst und noch mehr Menschen für Identitäre und Autoritäre stimmen. «Nationalismus ist Krieg», dieser Satz François Mitterrands ist keine Phrase, sondern zur Prophezeiung verdichtete Erfahrung.

Wenn die Europäer die Kriegsgefahr vertreiben wollen, müssen sie langfristig die internationale Zusammenarbeit, das Völkerrecht und ihre EU stärken. Das erfordert eine hartnäckige Auseinandersetzung mit Nationalisten wie Trump, Putin oder Erdogan. Und es erfordert beständigen Einsatz für den Schutz von Zivilisten, gegen Chemiewaffen und gegen den Krieg.

Langfristig, hartnäckig, beständig – die Syrer, die jetzt vergiftet und zerstückelt werden, rettet das nicht. Viele Menschen argumentieren dennoch, der Westen solle sich heraushalten und warten, bis das Land ausgeblutet ist oder Assad alle unterworfen hat. Das klingt, wenn auch furchtbar zynisch, so doch realpolitisch. Aber erstens ist der Syrienkrieg keine innere Angelegenheit mehr. Er gefährdet Nachbarländer und stösst Millionen Flüchtlinge in die Welt. Zweitens schaffen ungesühnte Tabubrüche wie etwa Gasangriffe Präzedenzfälle für andere Konflikte. Drittens trägt die Weltgemeinschaft eine Schutzverantwortung für Menschen, die von ihren Regierungen terrorisiert werden. Und viertens hat Assad zu viel Hass gesät, um je wieder friedlich regieren zu können.

Der Westen steht vor einem Dilemma

Daraus folgt nicht, der Westen solle Assad jetzt wegbomben. Die Risiken, auch eines Krieges mit Russland, sind zu gross; und die Aussichten, dass sich so etwas in Syrien bessert, zu gering. Das Beispiel Irak mahnt zur Vorsicht. Ein erwiesener Chemiewaffeneinsatz kann zur Abschreckung gezielt geahndet werden – wie in der Nacht von Freitag auf Samstag geschehen. Ansonsten ist militärische Zurückhaltung nötig.

Ein Dilemma? Wenn der Westen nichts tut, geht das Morden weiter. Wenn er militärisch eingreift, wird womöglich alles schlimmer. Doch vielleicht gibt es einen Ausweg: Russland akzeptiert einen Waffenstillstand und eine Nachkriegsordnung ohne Assad. Dafür bekommt Moskau die Zusicherung, seinen Marinestützpunkt in Syrien zu behalten. Und die EU sagt zu, sich um den Aufbau des Landes zu kümmern. Sehr schwierig? So teuer? Gewiss. Aber einfach und billig kommt niemand aus dem syrischen Inferno heraus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 11:44 Uhr

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