«Uns Ägyptern kann man nicht alles antun»

Interview

Unternehmer Samih Sawiris mag das Wort «Militärputsch» nicht. Er sagt, die ägyptische Armee gehe zu Recht gegen die Muslimbrüder vor.

«Die Muslimbrüder sehen Demokratie bloss als Leiter zur Macht»: Investor Samih Sawiris.

«Die Muslimbrüder sehen Demokratie bloss als Leiter zur Macht»: Investor Samih Sawiris.

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Sie sind eben in Kairo angekommen; was ist der Zweck der Reise? Ich habe Termine; es geht um bestimmte Projekte unserer Unternehmensgruppe. Die jetzige Regierung will, dass wieder gearbeitet wird. Dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Da stehen auch wir Unternehmer in der Verantwortung.

Hat man Sie persönlich heimgebeten? Ich kenne viele Minister der Übergangsregierung. Man kam auf mich zu und bat mich, aktiv zu werden, damit neue Investitionen nach Ägypten fliessen. Sonst gibt es noch mehr Probleme.

Wenn man auf Ägypten blickt, fragt man sich derzeit: War das Land in der Ära Mubarak von 1981 bis 2011 eventuell besser dran? Das ist, wie wenn man sagt, eine Grippe sei besser als eine Blasenentzündung. Es muss ja nicht das eine oder das andere sein. Die Mubarak-Ära wäre nicht schlecht gewesen, hätte sie 10 oder 15 Jahre früher geendet. Mubarak war grundsätzlich ein guter Mann. Er machte aus Ägypten ein Wachstumsland; es gab zunächst auch nicht so viele Menschenrechtsübertretungen und Einschränkungen der Freiheit.

Was lief schief? Wer zu lange an der Macht bleibt, sieht nicht mehr, was das Volk will. Hosni Mubarak, 1928 geboren, war mit der Zeit einfach zu alt; andere mischten sich ein. Vor allem tat man gegen Ende seiner Zeit zu wenig für die Armen. Die Profilierung der Wirtschaft kam nicht der Mehrheit zugute, sondern der Wirtschaftselite.

Was halten Sie davon, dass Mubarak nun aus der Haft freigekommen ist? Unglücklicherweise musste man ihn von Gesetzes wegen genau jetzt – nach zwei Jahren – aus der Untersuchungshaft entlassen. Er ist aber nicht frei, sondern steht unter Hausarrest. Wird er verurteilt, muss er wieder ins Gefängnis. Weglaufen kann er nicht – er ist alt und krank. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Bringt die Militärregierung die Lage bald endgültig unter Kontrolle? Das klingt, als ob die Protestierer noch viel Unterstützung hätten. Praktisch das ganze Volk, die Armee, die Polizei, das Rechtssystem sind gegen die Muslimbrüder und die andern Protestierer. Die Sache ist gelaufen. Wir reden heute von Hunderten oder ein paar Tausend Menschen auf der einen Seite gegen viele Millionen auf der anderen Seite.

Die Muslimbrüder hatten lange viele Anhänger. Was ist passiert? Das Volk wurde getäuscht. Das hat Zorn erzeugt, Rachewillen auch. Nichts hasst der Ägypter mehr, als wenn man ihn für einen Dummkopf hält. Bei den letzten paar Demonstrationen musste die Polizei sogar die Muslimbrüder vor der wütenden Bevölkerung in Schutz nehmen.

Was haben die Muslimbrüder samt Präsident Mursi falsch gemacht? Sie wollten niemanden neben sich an der Macht. Und sie wollten verhindern, dass sie jemals wieder abgewählt werden können. Sie besetzten den Mubarak-Machtapparat mit ihren Leuten. Um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes scherten sie sich keinen Deut. Das sind keine Leute, die für Gott oder das Volk arbeiten. Sie sind machtgierig.

Schwer machten sie es den Christen. Die Christen und Muslime haben immer gut miteinander gelebt, trotz einzelner Fanatiker. Mit den Muslimbrüdern gab es eine Vergiftung des Klimas. Bei einem Anlass im Beisein Präsident Mursis hielt ein Gleichgesinnter eine Rede. Er sagte, die Schiiten seien Hunde, die man umbringen sollte. Mursi hörte zu und widersprach nicht. Vier Tage später wurden einige Schiiten in Ägypten gelyncht.

Kürzlich wurden auch viele Kirchen der Kopten, der ägyptischen Christen, angezündet. Gegen 70 Kirchen brannten. Die Muslimbrüder wussten, dass die Christen auf der Seite der Armen und der Regierung stehen.

Das tat Ihnen als Kopte sicher weh? Sehr weh. Und die europäischen und amerikanischen Medien ignorierten tagelang, dass die Muslimbrüder nicht friedlich demonstrierten. Sie waren bewaffnet und voller Zerstörungswut.

Das Vorgehen des Militärs ist trotzdem ein Putsch, oder? Nein. Ein Putsch wird doch nicht lange im Voraus angekündigt, wie das in Ägypten der Fall war. Die Botschaft des Militärs war klar und deutlich: Wenn ihr euch nicht zusammenreisst, werden wir einschreiten müssen, um das Chaos zu beenden.

Das war ein Machtspiel. Nein. Gegen 30 Millionen Leute gingen im ganzen Land auf die Strasse und signalisierten der Armee: Ja, wir wollen, dass ihr das Chaos beseitigt! Jagt diese Leute aus dem Amt! Erst danach ist die Armee aktiv geworden. Hätte sie nicht gehandelt, wäre es zu einem Bürgerkrieg gekommen. Dann wären vielleicht 20'000 oder 30'000 Muslimbrüder und Protestierer gelyncht worden. Sie müssen auch sehen: Die Generäle haben einen Zeitplan vorgelegt, der zu Wahlen führt. Die momentan geltende Verfassung, die quasi über Nacht von den Fanatikern geschrieben wurde, soll durch eine bessere Verfassung ersetzt werden. Eine, die alle Gruppen der Gesellschaft einbezieht. Auch uns Christen.

Glauben Sie an den Zeitplan? Wir haben in einem Jahr einen neuen Präsidenten. Er wird etwas wissen, das Mubarak vergessen hatte: Dem ägyptischen Volk kann man nicht alles antun. Ich bin zuversichtlich, dass die Armee sich bald in die Kasernen zurückzieht. Die Militärs haben selber teilweise versagt. Nach Mubaraks Absetzung brachten sie nicht allzu viel zustande. Sie haben gelernt, dass es ihre Rolle ist, zu stabilisieren. Nicht, zu regieren.

Das Militär besitzt Fabriken, Spitäler, Hotels, viel Land. Setzte es Mursi nicht ab, um das abzusichern? Mursi hätte es nicht geschafft, den Besitz der Armee an sich zu reissen, dafür ist sie zu mächtig. Schauen Sie die Türkei an. Premier Erdogan hat es erst nach vielen Jahren und auch nur aufgrund des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs geschafft, die Armee einigermassen unter Kontrolle zu bringen. Ägyptens Armee handelte nicht aus Angst um ihre Besitztümer. Sie stand unter dem Druck der Bevölkerung.

In Ihrem Baderesort El Gouna ist der Tourismus derzeit sicher tot? Wir haben 60 Prozent Auslastung. Am Roten Meer ist alles ruhig. Aber wir bekommen jetzt weniger Reservierungen, weil das Chaos der letzten zwei Wochen von der Presse verallgemeinert wurde.

Hasst man in der Tourismusbranche die Muslimbrüder speziell? Keineswegs. Hätten sie ihre Ideologie durchgesetzt, hätten wir die Badehotels schliessen müssen, in denen die Leute Alkohol trinken und halb nackt am Strand sitzen. Die Muslimbrüder hätten sich das nicht leisten können.

Was erwarten Sie von der Schweiz? Von der offiziellen Schweiz erwarten wir Ägypter Neutralität. Sachlichkeit bei der Erörterung der Lage.

Man kann nun einmal nicht leugnen, dass der abgesetzte Mursi demokratisch gewählt wurde. Was ist das für eine Art Demokratie, in der einer sofort nach Amtsantritt dem Volk alles nimmt und an sich reisst? Für die Muslimbrüder ist Demokratie offenbar bloss eine Leiter, auf der man zur Macht emporklettert. Sobald man oben ist, entfernt man die Leiter, damit keiner nachkommt.

Der Westen fürchtet algerische Zustände in Ägypten: Hass, Gemetzel, Todesschwadronen. Die beiden Länder sind nicht miteinander vergleichbar. Die Ägypter hatten 100 Jahre die Engländer als Kolonialherren, die Algerier die Franzosen. Beide wollten die fremden Herren loswerden. Wir Ägypter mussten dafür 30, 40 Leute opfern. Die Algerier jedoch verloren eine Million Menschen. Ihr Lebensgefühl ist beduinisch. Beduinen in ihrer harten Umgebung, praktisch ohne Wasser und Nahrung, sind gewohnt, täglich ums Überleben zu kämpfen. Beduinen sind Krieger.

Und die Ägypter? Seit je kommt einmal im Jahr die Nilflut und macht das Land sauber. Man streut ein paar Samen, vier Monate später ist Ernte, dann hat man acht Monate Pause und baut Pyramiden. Scherz beiseite: Wir Ägypter sind ein Volk der Kultur und des Friedens. Schauen Sie sich Syrien an. Es sterben dort an einem oder an wenigen Tagen so viele Menschen wie bei uns in der ganzen Umbruchphase der letzten drei Jahre.

Wie helfen Sie Ägypten? Ich treibe ein Projekt voran. Es geht darum, rund 2000 Schulhäuser zu bauen und der Regierung zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu stellen. Das wären 2000 Aufträge an 2000 kleine Bauunternehmer, die mit ägyptischem Baumaterial arbeiten. Das ergäbe eine halbe Million Arbeitsplätze für längere Zeit.

Wieso gehen Sie nicht in die Politik? Macht und Geld in Kombination verderben den besten Menschen. Man sollte sich entscheiden: Bin ich Geschäftsmann, oder bin ich Politiker? Ein Mix à la Berlusconi bringt nichts.

Tages-Anzeiger

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