Staffelläufer des Heiligen Kriegs

Tschetschenien, Afghanistan, Bosnien, jetzt Syrien: Immer mehr junge Männer reisen von Land zu Land, um für den Aufbau islamistischer Systeme zu streiten. Die Europäer gehören dabei oft zu den Radikalsten.

Streiten für den Aufbau islamistischer Systeme: Mitglieder der islamistischen Al-Nusra-Front posieren an einem Checkpoint in der syrischen Stadt Aleppo.<p class='credit'>(Bild: Reuters Molhem Barakat)</p>

Streiten für den Aufbau islamistischer Systeme: Mitglieder der islamistischen Al-Nusra-Front posieren an einem Checkpoint in der syrischen Stadt Aleppo.

(Bild: Reuters Molhem Barakat)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Er selbst ist jetzt zu alt für den Heiligen Krieg, aber sein Lebensweg bleibt beispielhaft: Nasr al-Bahri hat in Bosnien gekämpft, in Afghanistan, Tschetschenien, Somalia – ein Staffelläufer im weltweiten Jihad. Er war Leibwächter von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden, von dessen Lehre er sich zwar nach aussen hin inzwischen abgewandt hat. In seinem Herzen wird er das, was er getan hat, aber weiter für richtig halten: Der Heilige Krieg ist, so sagen die Orthodoxen und Radikalen unter den Muslimen, die Pflicht eines Gläubigen. Und auch wenn Bin Laden inzwischen tot ist, sind Tausende junge Männer weiterhin bereit, für die «Befreiung» eines islamischen Landes zu sterben – diesmal in Syrien.

Und die Ausländer kommen in immer grösserer Zahl. Auch aus Europa. In der Levante sollen inzwischen mehr muslimische Internationalisten kämpfen als in den Achtzigerjahren in Afghanistan, dem ersten grossen Jihad der jüngeren Zeit. Experten vom International Centre fo the Study of Radicalisation (ICSR) gehen in einer aktuellen Studie von bis zu 11'000 ausländischen Kämpfern in Syrien aus. Die ICSR-Studie analysiert, dass mittlerweile ein Zehntel der circa 100'000 Aufständischen, die gegen das Assad-Regime kämpfen, keine Syrer sind. Es sind Männer aus mehr als 70 verschiedenen Ländern: aus der islamischen Welt, aus Saudiarabien, Jordanien, Jemen, Ägypten, Nordafrika, der Türkei, aus dem Kaukasus. An ihrer Seite stehen Muslime aus Südostasien, aber eben immer häufiger auch aus den USA, England, Frankreich, Belgien.

Folge des Irakkriegs

Der Anstieg europäischer Gotteskrieger ist besonders auffällig: Die Zahl der Westeuropäer hat sich gegenüber früheren Untersuchungen verdreifacht. Unter den bis zu 1800 Europäern sollen etwa aus Deutschland 240 Jihadisten sein, die in den vergangenen drei Jahren in der Levante gekämpft haben oder dort gestorben sind. Bei Muslimen aus den arabischen Staaten hingegen kann die Attraktivität des syrischen Jihad wenig verwundern. Wie Osama Bin Ladens früherer Leibwächter sind sie der Meinung, dass den Palästinensern und den Muslimen historisches Unrecht geschehen ist durch die Gründung des Staates Israel, durch den amerikanischen Einmarsch im Irak, durch die internationale Koalition in Afghanistan, durch den Krieg der Russen im Kaukasus. In der gesamten muslimischen Welt ist diese Sicht der Dinge mehrheitsfähig.

Nicht umsonst kommt die grösste Gruppe der Jihadisten in Syrien aus dem Nachbarland Jordanien. In den Flüchtlingslagern an der Grenze sehen und hören sie, was Assads Krieg mit den Menschen macht. Die, die das Gemetzel nicht aus der Nähe verfolgen, finden ihr ideologisches Futter im Internet, auf Arabisch, Englisch, Deutsch, Französisch. Auf Jihadisten-Websites und in Chaträumen radikalisieren Anwerber gezielt junge Männer und Frauen mit einer Mischung aus Religion, Moral und Politik. Auch die Kontakte für die Reise ins Kriegsgebiet sind dort zu finden. Der Jemenit Bahri hatte seinerzeit Politologie studiert. Doch die Worte Bin Ladens hatten höheres Gewicht bei der Formung seines Weltbilds: «In drei Tagen erklärte der Scheich mir die Welt.»

Warum Syrien? Der Bürgerkrieg wird zunehmend religiös geprägt: Auf der Seite des Regimes kämpfen Schiiten, seien es die Alawiten der Assad-Familie oder die von ihm angeheuerten Kämpfer der libanesischen Hizbollah, der iranischen Revolutionsgarden oder der Schiiten-Miliz aus dem Irak.

Die Rebellen hingegen sind Sunniten, sie geraten ins Hintertreffen: «Das könnte der Auslöser dafür sein, dass Sunniten den Konflikt zunehmend als einen Krieg der Religionsgruppen betrachten, in dem die Sunniten zusammenstehen müssen, um den Vormarsch der Schiiten aufzuhalten», heisst es in der aktuellen ICSR-Studie.

Solidarität mit den bedrohten Glaubensbrüdern im jahrhundertealten Streit der beiden islamischen Glaubensgruppen, das ist nach Meinung der ICSR-Experten der Grund dafür, dass der Kampf in Syrien für Sunniten aus aller Welt attraktiv ist. Das passt zur Ideologie der radikalen Sunniten-Prediger im Internet, für die Schiiten Ketzer sind, die den Tod verdienen.

Terrorgefahr steigt

Dabei stärken die Internationalisten die Radikalsten unter den Radikalen in Syrien selbst: ICSR-Direktor Peter Neumann sagt, dass die ausländischen Militanten sich fast automatisch den ultraorthodoxen Gruppen unter den Rebellen anschliessen, der al-Qaida nahestehenden Al-Nusra-Front oder dem «Islamischen Staat im Irak und in al-Sham» (ISIS). Diese kämpfen nicht nur gegen Assad, sie schiessen auch für die Gründung eines Kalifatstaats in Syrien.

Grosssyrien war in der frühen Phase des Islam Sitz der Omaijaden. Die frühmittelalterliche Dynastie hat eine der erfolgreichsten Phasen des islamischen Weltreichs geprägt. Damals war die Religion des Propheten Mohammed auf dem Vormarsch, eroberte den Nahen Osten und Nordafrika. Für die heutigen Islamisten hat dies Vorbildcharakter.

Neben der Ideologie gibt es einen weiteren, praktischen Grund für die Anziehungskraft der radikalen Gruppen: «Sie haben die beste Reputation und die grösste Kampfkraft. Und sie behandeln ihre Rekruten am besten», so das ICSR. Wenn die ausländischen Militanten ihren Jihad überleben, bringen sie neben ihrer Ideologie jede Menge Erfahrung im Schiessen und Bombenlegen sowie Kontakte zu anderen Militanten mit nach Hause. So werden die Netzwerke in den Heimatstaaten zwangsläufig enger, es steigt also die Gefahr von Terrorangriffen in anderen Teilen der Welt.

Tages-Anzeiger

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