Nachrichten aus dem Zentrum des Terrors

Ein Insider stellt mit seinen Tweets die Führung der Extremistentruppe bloss, die im Irak wütet.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Der Mann, ein militärischer Islamist, stellt ein Rätsel dar. Terrorismus-Analytiker weltweit spekulieren, wer er ist und wo er ist. Nur seinen Twitternamen kennt man: @wikibaghdady. Auf seiner Twitterseite ist statt eines Personenfotos eine Lupe abgebildet, darunter steht das Wort «Wikileaks».

Wikileaks will Transparenz schaffen, indem Geheimes öffentlich gemacht wird. @wikibaghdady beeindruckte das offenbar, sodass er sich nach der Organisation benannte. Auch er will Klarheit schaffen – über die Extremistengruppe «Islamischer Staat im Irak und in Syrien» (Isis), der er nahesteht oder in der er Mitglied ist.

Vergangenen Dezember wurde @wikibaghdady aktiv. In einem ersten Tweet versprach er, «die Geheimnisse» der Gruppe Isis «zu lüften».

@wikibaghdady ist freilich Partei. Nicht möglichst objektive Information vermitteln will er, sondern die Isis-Führung diskreditieren. Zum Beispiel enthüllte er sehr früh, wie Isis im Irak eine Allianz mit den Leuten des früheren Diktators Saddam Hussein einging. Die Penetranz, mit der er die Einzelheiten belegte, zeigte an:

@wikibaghdady ist ein enttäuschter Purist. Ein Islamist der reinen Lehre, der das Zweckbündnis mit weltlich gesinnten Saddam-Offizieren nicht goutiert.

Noch empörter ist @wikibaghdady darüber, dass Isis – so twitterte er – der Saddam-Garde gar die Führung im Irak überlassen will, wenn dieser erst einmal erobert ist. Hier allerdings merken die Analytiker auf. Sie zweifeln am Wert und am Wahrheitsgehalt der Meldung. Ist die Absprache glaubwürdig? Handelt es sich um nicht ernst gemeinte, taktische Rhetorik von Isis? Oder hat @wikibaghdady die Sache erfunden, damit Isis schlecht dasteht? Schwach und kompromisslerisch?

Gegen 1000 Kurzstatements hat @wikibaghdady bisher abgesondert. Wer Arabisch kann und sie liest, erfährt etwa, dass der zwielichtige Isis-Führer Abu Bakr al-Baghdadi eigentlich Ibrahim Awwad Ibrahim Bou Badri bin Armoush heisst. Und dass er nicht, wie sein Beiname es andeutet, in Bagdad geboren ist. Sondern in Samarra, ebenfalls Irak.

Für den Normalmenschen hierzulande ist das alles kryptisch: zu viele nicht enden wollende arabische Namen aus dem Führungszirkel von Isis, zu viele Aperçus aus dem Inneren der unbegreiflichen Truppe, zu viele tägliche Nachrichten über Dörfer und Provinzstädte, die er nicht kennt. Aber sicher lesen westliche Geheimdienstler das – bei aller gebotenen Vorsicht – äusserst aufmerksam.

Und garantiert fahnden sie nach dem Mann. Die amerikanische Online-Zeitung «Daily Beast» zitierte Isis-Analytiker, die spekulieren, wer @wikibaghdady ist. «Ein Mit-Jihadist, der schmutzige Spielchen gegen seine eigenen Leute spielt», sagt ein Forscher. Andere vermuten, dass sich @wikibaghdady in einer von Isis kontrollierten Stadt in Syrien aufhält. Möglich auch, dass er zur Isis-Rivalin übergelaufen ist, zur Nusra-Front.

Jedenfalls aber hat der arabische Anonymus, dem auf Twitter 38'000 Menschen folgen, Insiderwissen. Eine Ironie der ganzen Geschichte liegt darin, dass er Twitter nutzt. Dank der Online-Plattform konnte Isis viele Kämpfer rekrutieren und auch Spendengelder auftreiben. Und nun ist Twitter zum Medium geworden, das gegen Isis zurückschlägt. Wegen eines gewissen @wikibaghdady.

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