«Man befürchtete, Islamisten wären noch schlimmer als Ghadhafi»

In Libyen wurde, anders als in Ägypten und Tunesien, der Siegeszug der Islamisten gestoppt. Die Bloggerin Nafissa Assed, die während der Revolution anonym aus Tripolis berichtete, sagt warum.

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Monica Fahmy@fahmy07

Frau Assed, laut Hochrechnungen hat die liberale Allianz von Mahmoud Jibril einen deutlichen Vorsprung zu verzeichnen. Was sagen Sie dazu?
Vor den Wahlen befürchteten wir, dass die Islamisten gewinnen werden, denn Libyen ist ein sehr konservatives Land. Die Woche vor den Wahlen wurde klar, dass die Islamisten verlieren. Sie schufen kein positives Image, die Menschen hatten Angst vor ihnen. Vor allem Frauen wählten Mahmoud Jibril. Er ist sehr erfahren, hat einen Leistungsausweis in der Regierung. Sein CV hat die Libyer beeindruckt.

War die Allianz des ehemaligen Ministerpräsidenten der Übergangsregierung besser organisiert als die säkularen Kräfte in Ägypten und Tunesien?
Sicher. Das ist auch der Hauptgrund, weshalb sie gewonnen hat. Anders als die islamischen Parteien, die aufgeregt waren, alle ihre Karten vor den Wahlen aufdeckten und damit ihre Wähler vertrieben. Man befürchtete, dass es unter den Islamisten noch schlimmer würde als unter Ghadhafi. Jibrils Allianz war dagegen gut organisiert und machte auf die Wähler einen vertrauenserweckenden Eindruck. Jibril gewann die meisten libyschen Städte, aber er verlor in Misrata.

Warum?
Die Menschen in Misrata litten am meisten unter der Revolution. Sie haben viele Opfer zu beklagen. Sie betrachten Jibril als Teil des alten Regimes, sie akzeptieren ihn nicht.

In Ägypten gewann Mohammed Mursi gegen Ahmed Shafik, weil viele das alte Regime nicht wollten.
Auch in Libyen war es eine Wahl zwischen Islamisten und jemandem, der mit dem alten Regime gearbeitet hatte. Aber, wie gesagt, Jibril hat an seinem CV gearbeitet, den Wählern vermittelt, dass er eine gute Lösung sei, auf nationaler wie internationaler Ebene. Nichtsdestotrotz gibt es noch Stimmen, die sagen, Jibril ist wie Ghadhafi, er hat einfach ein beeindruckendes CV und ist sehr gebildet. Das ist der einzige Unterschied.

Was sagen Sie?
Ich kann nicht verneinen, dass er zum alten System gehört. Aber man kann keinen Staat gründen auf der Basis von Menschen, die wenig Ahnung haben. Libyen beginnt bei null. Und Jibril kennt Libyen, er weiss, wie man das Land führt, er weiss alles über Libyen. Für ihn spricht, dass er während der Revolution alles getan hat, um sie zu einem guten Gelingen zu führen. Gestern hatte ich ein Treffen mit einem Regierungsmitglied. Nun, da die Wahlen vorbei sind, beginnt die eigentliche Arbeit. Die Mitglieder von Jibrils Allianz müssen sich erst kennen lernen und herausfinden, wie sie am besten zusammenarbeiten können.

Wie ist eigentlich die aktuelle Lage in Libyen?
Es kommt sicher darauf an, wo. Es gibt Städte, in denen es noch sehr gefährlich ist, wie etwa in Kufra, wo noch Menschen umgebracht werden. Hier in Tripolis ist es sicher, man sollte einfach gewisse Orte meiden. Benghazi ist zurzeit etwas chaotisch, oder war es zumindest, vor allem während der Wahlen.

Welche Prioritäten muss nun die neue Regierung Ihrer Ansicht nach setzen?
In Sachen Recht sind wir noch nirgends. Jederzeit kann alles passieren. Es gibt keine Regeln, kein Recht, und die Menschen haben Waffen. Die neue Regierung muss sicherstellen, dass alle Städte, das ganze Land sicher wird. Sie muss Lösungen finden, wie man die Menschen entwaffnen kann. Und Verbrechen müssen bestraft werden. Es wird nicht einfach sein.

Ihre Erwartungen in ein bis zwei Jahren?
Ich hoffe, dass Libyen ein sicheres Land wird und eine starke Regierung hat. Libyer brauchen strikte Regeln, sie brauchen Konsequenzen, wenn sie etwas anstellen. Zurzeit macht jeder, was er will. Ungestraft. Die Menschen sind arbeitslos, sie suchen Probleme. Man fühlt sich zwar sicherer als während des Aufstandes, gleichzeitig weiss man, dass man immer noch sehr vorsichtig sein muss.

Während des Aufstandes haben Sie anonym aus Libyen berichtet. Wie kamen Sie dazu?
Per Zufall. Freunde riefen mich ständig an, ich sagte ihnen, ich hätte kein Internet. Diese Freunde gaben mir dann eine Software, mit der ich Skype downloaden konnte. Das wurde zu meinem Werkzeug, mit dem ich mit CNN und anderen Medien kommunizieren konnte. So konnte ich aus Libyen berichten. Es war riskant, denn es gab nur wenig Menschen, die damals Internetzugang hatten.

Hatten Sie keine Angst?
Nein. Ich hatte aber Angst um meine Mutter. Sie war bei mir. Sie rettete mich auch oft, hielt mich von wirklich riskanten Unterfangen ab. Kürzlich sagte mir ein Kollege, dass ich auf der Liste der Menschen stand, die am 1. September hätten exekutiert werden sollen. Sie warteten auf einen Anruf, um festzustellen, wo ich mich genau befinde. Ich hatte Glück.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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