Lag Khashoggi in einer der Kisten?

Steckt Riad hinter dem Verschwinden des saudiarabischen Regierungskritikers? Nun gibt es Hinweise auf ein 15 Mann starkes Anschlagsteam.

Viele Rätsel: Was ist mit dem Journalisten Jamal Khashoggi passiert? Video: Tamedia/AFP

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Verschollen ist der saudische Journalist und Dissident Jamal Khashoggi in Istanbul schon seit einer Woche. Nie hat die türkische Regierung Riad offiziell beschuldigt, ihn im Konsulat des Königreichs ermordet zu haben. Aber jeden Tag lassen die türkischen Ermittler neue makabre Details durchsickern, die den Verdacht erhärten sollen.

Für den saudischen Kronprinzen steht mehr auf dem Spiel als die Beziehungen zur Türkei, sollte das Königreich eines Auftragsmords an einem seiner prominentesten Kritiker überführt werden. Das Image des Landes, das er zu polieren versucht, wäre ruiniert – negative Folgen für die Beziehungen zu westlichen Staaten wohl unvermeidlich.

Am Mittwoch veröffentlichten türkische Medien die Steckbriefe von 15 angeblichen saudischen Agenten – Namen, Passfotos, Geburtsdaten. Die regierungsnahe Zeitung «Sabah» bezeichnet sie als Anschlagsteam, das mit dem Verschwinden Khashoggis zu tun habe. Die türkische Polizei weiss dank zahlloser Überwachungskameras, wann einer der 15 Verdächtigen in Istanbul im Wyndham Grand Hotel eincheckte. Oder wann ein anderer das Mövenpick-Hotel betrat.

Zwei Charterjets aus Riad

Die Fotos der 15 Männer stammten von der Passkontrolle am Flughafen Atatürk und einer Hotelrezeption. Die Ermittler wissen auch, dass diese Herren, ohne zu übernachten, am Abend des 2. Oktober, dem Tag von Khashoggis Verschwinden, wieder ausreisten: mit zwei Chartermaschinen, die beide aus Riad kamen und mit Stopps in Kairo respektive Dubai dorthin zurückflogen. Die Jets gehören einer Firma, die regelmässig für die saudische Regierung fliegt.

Khashoggi hatte das in einer ruhigen Istanbuler Wohngegend gelegene Konsulat am 2. Oktober betreten, gemäss einer Sicherheitskamera um 13.14 Uhr. Aber es gibt keine Bilder davon, wie er das Gebäude wieder verlässt.

Unklar bleibt bislang: Lebt der Journalist noch, oder ist er tot? Wurde er entführt, oder wurde er im Konsulat ermordet?

Die Ermittler vermuten Letzteres und Befeuern die Verbreitung der These in der Öffentlichkeit mit neuen Videobildern. Ein schwarzer Van mit verdunkelten Fenstern ist darauf zu sehen. Der Van passiert die Ausfahrt des Konsulats um 15.08 Uhr. Zuvor sollen Kisten eingeladen worden sein. Wenig später fährt der Van in die Garage der Residenz des Generalkonsuls. Nach vier Stunden fährt er wieder weg.

Knochensäge im Gepäck?

Ein türkischer Beamter sagte der «New York Times» gar, das Kommando aus Riad habe eine Knochensäge dabeigehabt, um die Leiche zu zerteilen.

Eine gewisse Plausibilität gewinnt das Szenario eines Mordes dadurch, dass Saudiarabien in jüngerer Zeit mehrmals Dissidenten gegen ihren Willen aus dem Ausland hat zurückbringen lassen. Die Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul etwa wurde in den Vereinigten Arabischen Emiraten von Sicherheitsbeamten aus ihrem Auto gezerrt und in ein Flugzeug gesetzt. Ihr Mann, ein Schauspieler, wurde in Jordanien vom Set weg verhaftet.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen fordert nun eine unabhängige internationale Untersuchung. Sie beklagt, seit September vergangenen Jahres seien in Saudiarabien mehr als 15 Journalisten und Blogger auf undurchsichtige Art und Weise festgenommen worden. Khashoggi hatte mit einem Berater Erdogans über das Risiko von Operationen durch die saudischen Sicherheitsdienste gegen Dissidenten im Ausland gesprochen – sich selbst aber in der Türkei offenbar sicher gefühlt.

Türkische Doppelstrategie

Die türkische Doppelstrategie aus offizieller Zurückhaltung und Durchsickernlassen von Ermittlungsergebnissen hat den Vorteil, dass Saudiarabien die Möglichkeit bleibt, Khashoggi wieder auftauchen zu lassen, sollte er noch leben. Zugleich vermeidet Erdogan damit, die womöglich schwerste Krise im Verhältnis zum Königreich auf die Spitze zu treiben. Die Beziehungen der beiden Staaten, die in Anspruch nehmen, eine Führungsrolle für die sunnitischen Muslime zu spielen, sind ohnehin angespannt.

Zugleich wächst der internationale Druck: Der britische Aussenminister warnte Riad, wenn sich die Berichte über Khashoggis Schicksal bewahrheiteten, werde man das als «sehr ernsthaften Vorfall» behandeln. Die US-Regierung äussert sich noch zurückhaltend. Einflussreiche Senatoren fordern Aufklärung.

Saudiarabien beschränkt sich auf Dementis. Die Indizien, die in der Türkei präsentiert würden, seien kein Beleg für den Tod Khashoggis oder dafür, dass ihm etwas zugestossen sei.

Allerdings hat Riad auch keinen Beleg für seine Behauptung erbringen können, Khashoggi habe das Konsulat nach kurzer Zeit wieder verlassen: Angeblich waren die Überwachungskameras ausgerechnet zu dem Zeitpunkt defekt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 07:02 Uhr

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