Keine Helfer mehr weit und breit

Zwei Schiffbrüche rücken das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer wieder in den europäischen Fokus. Die Rekonstruktion der Hilfsoperation gibt zu reden.

Flüchtlinge und Migranten warten darauf, von Hilfsorganisationen an der libyschen Küste gerettet zu werden. (Archivbild vom 18. Februar 2018)

Flüchtlinge und Migranten warten darauf, von Hilfsorganisationen an der libyschen Küste gerettet zu werden. (Archivbild vom 18. Februar 2018)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Zwei Schiffbrüche mit insgesamt wohl 170 Todesopfern rücken das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer wieder in den europäischen Fokus. Ein Boot mit 53 Menschen ging zwischen Marokko und Spanien unter. Ein weiteres mit 120 Migranten aus Afrika sank fünfzig Seemeilen entfernt von der libyschen Küste, auf der zentralen Mittelmeerroute. Nur drei Passagiere konnten lebend geborgen werden, ein Helikopter der italienischen Marine brachte sie nach Lampedusa.

Die stark unterkühlten Überlebenden erzählten unabhängig voneinander alle dieselbe Geschichte des Unglücks. Sie nannten auch dieselbe Passagierzahl, dieselben Herkunftsländer: Gambia, Nigeria, Elfenbeinküste, Sudan, Kamerun. Das Gummiboot, auf dem sie unterwegs waren, hatte in Garabulli abgelegt und geriet nach elf Stunden Fahrt in Not, füllte sich mit Wasser und ging langsam unter. Zehn Frauen waren an Bord, eine war schwanger. Und zwei Kinder, eines war erst zehn Monate alt, als es starb.

Frachtschiff kam zu spät

Die Rekonstruktion der missglückten Hilfsoperation gibt nun viel zu reden. Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch, die mit ihrem Schiff Sea-Watch 3 nunmehr die einzige NGO vor Ort ist, erfuhr über einen Funkaustausch zwischen der italienischen Marine und der Koordinationsstelle in Rom von der Tragödie des Schlauchboots.

Rom richtete aus, die libysche Küstenwache sei zuständig und kümmere sich um die Rettung. Die Libyer schickten ein Schnellboot, das aber nie am Unfallort ankam: Der Motor ging offenbar kaputt auf dem Weg. Darauf wurde die Crew eines libanesischen Frachtschiffes angewiesen, den Schiffbrüchigen zu helfen. Es kam zu spät.

Allein in den ersten drei Wochen dieses Jahres sind im Mittelmeer schon über 200 Menschen umgekommen bei ihrem Versuch, nach Europa zu fliehen. Die traurige Bilanz der vergangenen fünf Jahre weist nun 17644 Todesopfer aus. Die Dunkelziffer, so nimmt man an, ist noch viel höher.

Die Route von Libyen nach Italien, auf der 2018 viel weniger Überfahrten registriert wurden als in den Jahren davor, wird seit einigen Tagen wieder stark genutzt. In Italien erklärt man sich das mit den politischen Wirren in Libyen und mit der Ineffizienz der Küstenwache des nordafrikanischen Landes, die mit europäischer Hilfe aufgerüstet wurde, den Standards aber nicht genügt. Offenbar antworten die libyschen Küstenwächter oft gar nicht auf Notrufe.

«Und ich soll der Böse sein?»

Italiens Innenminister lastet dennoch alle Verantwortung den Helfern an. «Die NGOs kehren zurück, die Schlepper haben wieder ihr tödliches Business», sagte Matteo Salvini von der rechten Lega in einer Liveschaltung auf Facebook. «Und der Böse soll ich sein?»

Der Hohe Flüchtlingskommissar der UNO deutet die Situation anders: «Wir können die Augen nicht verschliessen vor der hohen Zahl von Menschen, die ihr Leben lassen vor den Toren Europas», sagte der Italiener Filippo Grandi. Das UNHCR sei besorgt darüber, dass die europäischen Staaten die NGOs immer stärker daran hinderten, Flüchtlinge in Not zu retten.

«Lieber sterben, als zurück nach Libyen»

Unterdessen nahm die Sea-Watch 3 am Wochenende bei einer Rettungsoperation 47 Migranten an Bord und kontaktierte darauf mehrere Länder für einen sicheren Hafen, natürlich war auch Italien dabei. Salvini richtete aus, die italienischen Häfen seien geschlossen und würden auch fortan geschlossen bleiben. Das Schiff könne ja die grosse Runde machen und in Rotterdam oder Hamburg an­legen stattdessen. Schliesslich sei die Crew deutsch, und das Schiff fahre unter niederländischer Flagge.

Die drei Überlebenden der jüngsten Tragödie erzählten nach ihrer Rettung auch von den Übergriffen, die sie in den berüchtigten Auffanglagern in Libyen erduldet hatten. Sie seien geschlagen und wie Sklaven behandelt worden. Ihre Angehörigen in der Heimat seien erpresst worden: Die Milizen hätten damit gedroht, sie zu töten, wenn die Familien daheim kein Geld überwiesen. «Lieber sterben, als nach Libyen zurückzukehren», sagten sie.

Redaktion Tamedia

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