«Ich bin auf alles gefasst»

Interview

Sylvia Mollet-Sangaré lebt seit 13 Jahren in Bamako. Die Schweizerin erklärt, wie sie die Intervention der Franzosen in Mali wahrnimmt, wovor die Ausländer Angst haben und wo sie in der Stadt nicht mehr hingeht.

  • loading indicator
Christian Lüscher@luschair
Lea Koch@lea_koch91

Frau Mollet-Sangaré, Frankreich baut die Militärpräsenz in Mali zügig aus und fliegt Angriffe gegen islamistische Einheiten. Wie nehmen Sie die Stimmung in Bamako wahr?
Sie ist besser als während des Militärputsches im März. Damals war die Situation, ich kann es nicht anders sagen, katastrophal. Die Bevölkerung war im letzten Jahr wegen nicht eingehaltener Versprechungen der Regierungen auch frustriert. Das Leben verschlechterte sich in den letzten Monaten zusehends. Nun ist die französische Hilfe da und ich spüre eine grosse Erleichterung bei den Menschen. Endlich gehts vorwärts. In etwa so lässt sich die Stimmung im Moment zusammenfassen.

Die Menschen sind also zuversichtlich, dass sich was ändert?
Ja, aber natürlich spürt man die Angst und die Menschen fürchten um ihre Verwandten im Norden. Der Telefon- und Internetkonsum hat deutlich zugenommen. Der Konflikt ist ein Dauerthema.

Was fürchten Sie derzeit am meisten?
Was mir Sorgen bereitet, sind die islamistischen Strömungen hier in Bamako. Religiöse und politische Bewegungen auf den Strassen haben deutlich zugenommen. Man weiss von Moscheen hier in Bamako, die für die Islamisten predigen, die auch versuchen, junge Menschen für den Kampf zu rekrutieren. Wir müssen davon ausgehen, dass in Bamako bereits Islamisten sind.

Sind diese sichtbar?
Nein, aber es ist hier ein grosses Gesprächsthema und wurde auch von der Presse thematisiert im Zusammenhang mit Verhaftungen.

Fürchten Sie sich als Europäerin auf der Strasse?
Irgendwie schon, da wir davon ausgehen müssen, dass Islamisten in Bamako ihren Kampf organisieren. Es wird befürchtet, dass demnächst Bomben hochgehen könnten. Des Weiteren kann ich sagen, dass wir uns vorsichtiger auf den Strassen bewegen. Bei den Ausländern ist die Angst spürbar, dass man entführt wird. Auch ich meide seit längerem bestimmte Orte in der Stadt, weil es mir zu unsicher ist. Zum Beispiel gehe ich nicht an Plätze, wo die französische Armee präsent ist, oder an die Botschaft.

Aber von Panik würden Sie nicht sprechen?
Die französischen Staatsbürger sind aufgefordert worden, das Land zu verlassen. Die Aufforderung hat mich schon an die Situation im März während des Militärputsches erinnert, als danach alle in Richtung Flughafen flüchteten. Die Panik blieb diesmal aus, und die Leute strömten nicht an den Flugplatz. Bei den Schweizern und Amerikanern beobachte ich eine gewisse Ruhe. Man ist vorsichtig, aber gelassen.

Mit anderen Schweizern sind Sie in Kontakt?
Nein. Es hat auch nicht viele. Ich habe vor allem mit deutschen Staatsbürgern zu tun.

Verlässliche Fakten sind rar. Wie informieren Sie sich?
Was die Medien angeht, weiss man tatsächlich nicht, welche Informationen verlässlich sind. Es gibt eher zu viele Medien, die über die derzeitige Lage berichten. In der Presse schreiben viele Nichtjournalisten und Interessenvertreter. Das macht es zusätzlich schwierig, abzuschätzen, wie die Nachrichten einzuordnen sind. Am Samstag wurde der Notstand hier ausgerufen. Damit will die Regierung auch die Presse verstärkt kontrollieren. Lange hat man dem malischen Staat vorgeworfen, dass er schlecht informiere. Jetzt habe ich das Gefühl, dass im Fernsehen umfangreich und gut berichtet wird.

Spüren Sie die Präsenz der französischen Soldaten?
Malische Soldaten sieht man (Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version war von Truppen der Westafrikanischen Union die Rede. Das war ein Missverständnis). Die Franzosen operieren sehr diskret.

Würden Sie das Land verlassen, sollte sich die Situation verschlechtern?
Ja. Die Islamisten haben mit Repressalien gedroht und wollen angeblich Attentate verüben. Ich überlege mir schon, das Land provisorisch zu verlassen für ein paar Wochen. Ich bin auf alles gefasst.

Was denken Ihre afrikanischen Kollegen?
Man ist von Romano Prodi, dem Sonderbeauftragten der UNO, sehr enttäuscht. Die Menschen werfen ihm vor, dass er sich zu wenig für Mali eingesetzt habe. Gerade deshalb, weil die jüngsten Konflikte so absehbar waren. Auch stellt man sich die Frage, welche Interessen und Finanzierungen hinter der jetzigen Intervention und vor allem hinter der Aggression der Islamisten stecken.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...