«Für Syrien gibt es nur eine militärische Lösung»

Interview

Der Menschenrechtsaktivist Moayad Iskafe sagt, Kinder seien die Hauptopfer des Kriegs in Syrien. Die Genfer Friedenskonferenzen hält er für Zeitverschwendung.

Die Unicef hat das Bild zum Foto des Jahres gekürt: Die verletzte 11-jährige Syrerin Dania Kilsi.

Die Unicef hat das Bild zum Foto des Jahres gekürt: Die verletzte 11-jährige Syrerin Dania Kilsi.

(Bild: Keystone Niclas Hammarström)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Wann waren Sie zuletzt in Syrien?
Das war vor eineinhalb Monaten. Ich besuchte das Dorf, aus dem ich stamme, vier Kilometer von der türkischen Grenze entfernt.

Warum gingen Sie dieses Risiko ein?
Über die Grenze komme ich problemlos. Ich habe Freunde, die mir jeweils helfen, ins Land zu kommen. Der Grund für die letzte Reise war, dass Leute von der Jihadisten-Miliz Isis (Islamischer Staat im Irak und in Syrien, Anm. d. Red.) unser Familienquartier unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Kennen Sie diese Milizen?
Ja natürlich. Ich wurde vor einem Jahr von ihnen festgehalten, aber glücklicherweise von der syrischen Befreiungsarmee wieder befreit. Ich war auf einem Platz und zeigte jungen Journalisten, wie sie Fotos machen und kurze Berichte schreiben sollten, um Verbrechen zu dokumentieren. Dann griffen die Isis-Leute ein. Der Syrer, der mich befreit hat, wird jetzt von Isis verfolgt.

Isis kämpfte einst an der Seite der Befreiungsarmee gegen Assad. Warum gehen die Milizen nun gegen Oppositionelle vor?
Isis ist nichts anderes als ein trojanisches Pferd. Bashar al-Assad hat diese Leute mit dem Ziel nach Syrien geholt, die Opposition zu zerstören. Zunächst kämpften die Isis-Milizen an der Seite der syrischen Befreiungsarmee. In Tat und Wahrheit ist Isis aber Assads Geheimarmee. Diese Leute sind als eine Art Polizisten für das Regime tätig.

Das heisst?
Sie tragen die Symbole der Terrororganisation al-Qaida, holen Regimegegner zu Hause ab und töten sie. Geld und logistische Hilfe stammen aus dem Iran. Es ist verrückt, aber die internationale Gemeinschaft sieht das alles nicht. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Assad-Regime und Isis. Ich habe das Gefühl, die Amerikaner haben das begriffen, aber die Europäer kapieren das nach wie vor nicht.

Die internationale Gemeinschaft vertraut darauf, dass die derzeit unterbrochenen Syriengespräche in Genf den Friedensprozess einleiten.
Und was hat Assad während der Gespräche in Genf gemacht? Er folterte und tötete weiter und liess Bomben abwerfen. Eine politische Lösung ist nicht realistisch, es gibt nur eine militärische. Konferenzen sind für Assad nur ein Zeitgewinn.

Dann sollte man die Genfer Gespräche aus Ihrer Sicht abrechen?
Ja, die Sache ist einfach: Die syrische Bevölkerung weist Assad zurück, und Assad weist die Bevölkerung zurück. Das wirkliche Problem heisst Assad. Er und seine Familie müssen weg, aber das ist nicht so einfach, schliesslich kontrollieren sie alles: von den Banken bis zu den Apotheken. Er zerstört das Land und sorgt dafür, dass es keine Zeugen gibt, indem er beispielsweise Anschläge verüben und dann gleich die Helfer töten lässt.

Sie sind Teil des Widerstands. Zu welcher Gruppierung gehören Sie?
Zu keiner. Ich war auch nie als Kämpfer im Einsatz. Ich arbeite für die Fernsehstation TV Orient in Katar. Da träume ich von einem laizistischen Staat und einem Syrien ohne Assad. Ich bin ein Syrer, der helfen will.

Womit konkret?
Ich engagiere mich wie gesagt bei der Ausbildung junger Journalisten. Diese sollen Verbrechen dokumentieren, egal von welcher Seite sie begangen werden. Dann kämpfe ich gegen Zwangsehen. Im syrischen Bürgerkrieg passiert es leider immer öfter, dass Mädchen in Nachbarländer verkauft werden, weil Familien Geld brauchen.

Was sind Ihre Mittel dagegen?
Wir versuchen seit 2011, insbesondere in Gegenden, wo Menschen mit wenig Bildung leben, über Zwangsehen aufzuklären. Dann haben wir an den Grenzen zur Türkei und zu Jordanien kleine Stationen, wo wir zusammen mit Hilfswerken Familien mit Geld und Nahrungsmitteln unterstützen, um zu verhindern, dass diese aus materiellen Gründen ein Mädchen verkaufen. Kinder sind die Hauptopfer des Syrienkriegs. Sie erleben den blutigen Krieg Tat für Tag. Ihre Schulen sind geschlossen, psychologische Hilfe erhalten sie nicht. Aber auch Frauen sind zunehmend schutzlos. Es gibt Frauen, die sind einfach verschwunden.

Tages-Anzeiger

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