«Es ist wie eine Apokalypse»

Hintergrund

Am Freitag explodierte eine Bombe im Herzen Beiruts. Zu den Toten gehört auch der libanesische Geheimdienstchef. Hinter dem Terrorakt wird der syrische Machthaber Bashar al-Assad vermutet.

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«Die Strassen sind menschenleer, alle haben Angst. Es ist wie eine Apokalypse», sagt ein Bewohner von Beirut gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz fünf Stunden nach der Bombenexplosion im Herzen Beiruts.

Der schwerste Bombenanschlag im Libanon seit vier Jahren kostete acht Menschen das Leben, 86 Personen wurden verwundet. Unter den Verletzten sind laut Augenzeugen auch Kinder. Das Attentat auf dem Platz Sassine galt offenbar dem Chef des Polizeigeheimdienstes, Wissam al-Hassan, dessen Tod die libanesische Nachrichtenagentur ANI vier Stunden nach der Explosion bestätigte.

«Das zeigt die Macht der Drahtzieher dieses Anschlags»

Erschütternd sei, dass es den Attentätern gelungen ist, einen solch hochrangigen General mitten in Beirut zu ermorden, sagt Pressefotograf Paul Assaker, der die Explosion miterlebte: «Hassan hat sich nur unter massivsten Sicherheitsvorkehrungen fortbewegt. Er wurde nicht in einem Quartier der Schiiten getötet, sondern in einem belebten Shoppingviertel. Das zeigt die Macht der Drahtzieher dieses Anschlags.»

Libanesische Politiker vermuten das syrische Regime als Drahtzieher hinter dem Anschlag. «Wissam al-Hassan wurde getötet, weil er Michel Samaha verhaften liess», sagte der Chef der rechtsgerichteten Miliz Forces Libanaises, Samir Geagea, gegenüber der libanesischen Tageszeitung «L'Orient le Jour».

General Hassan war ein Kritiker des Assad-Regimes und liess Anfang August den ehemaligen libanesischen Informationsminister Michel Samaha verhaften. Diesem wird vorgeworfen, Anschläge gegen Unterstützer syrischer Rebellen im Norden des Libanons geplant zu haben. Neben Samaha sind auch der oberste syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk und ein weiterer syrischer Brigadegeneral angeklagt.

«Uneinigkeit provozieren»

Dass Hassan nun in der Nähe der Wohnung von Samaha getötet wurde, werten viele Libanesen als symbolischen Akt. Der General war wegen seiner Ermittlungsarbeit der Hizbollah und der syrischen Regierung schon länger ein Dorn im Auge. Seine Frau und Kinder soll er bereits seit einiger Zeit ins sichere Pariser Exil geschickt haben.

Der zur oppositionellen Zukunftsbewegung gehörende Abgeordnete Nihad al-Mashnuk sagte: «Die Explosion von Ashrafijeh ist eine Botschaft des syrischen Regimes, das dabei ist, sich aufzulösen. Es ist eine Botschaft, mit dem Ziel, die Libanesen in Angst und Schrecken zu versetzen.»

Auch der Chef der Oppositionspartei Bloc National, Carlos Eddé, zeigt mit dem Finger auf Syrien: «Nach der Verhaftung von Samaha und den darauffolgenden Äusserungen des Regimes in Damaskus ist dieses Attentat nicht verwunderlich», nur Syrien könne ein Interesse daran haben, im Libanon Uneinigkeit zu provozieren.

In Beiruts Vierteln brennt es

Der Bombenanschlag reisst alte Wunden und schwelende Konflikte zwischen Schiiten, die dem syrischen Regime nahestehen, und Sunniten auf; In Tarik al-Jadide, Corniche al-Mazraa und Kola, sunnitischen Vierteln in Beirut, setzten sie wenige Stunden nach dem Attentat Autoreifen in Brand und blockierten die Strassen. «Sie fühlen sich von den Schiiten angegriffen und klagen sie des Mordes an dem sunnitischen General an», sagt ein Anwohner gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz am Telefon. Aber auch in den von der Hizbollah dominierten Quartieren ist die Stimmung aufgeladen. Schiiten feuern mit Waffen in die Luft und verteidigen ihre Quartiere entlang der Strasse zum Flughafen.

Gemäss der Nachrichtenagentur DAPD haben die syrische Regierung und die radikalislamische Hizbollah-Miliz den tödlichen Anschlag in Beirut am Freitag öffentlich verurteilt. Das Bombenattentat in der libanesischen Hauptstadt sei ein «feiger terroristischer Anschlag» gewesen, sagte der syrische Informationsminister Omran al-Zoubi. Die Hizbollah, der engste Verbündete des syrischen Regimes im Libanon, erklärte, sie sei schockiert über das «furchtbare terroristische Verbrechen» und rief die Behörden auf, die Täter zu fassen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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