«Einer der Soldaten war aussergewöhnlich brutal»

Rami Elhanan ist einer der neun jüdischen Gaza-Aktivisten. Der Grafiker aus Jerusalem erklärt, warum er Waren nach Gaza bringen wollte, obwohl seine Tochter bei einem Selbstmordanschlag der Hamas getötet wurde.

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Monica Fahmy@fahmy07

Herr Elhanan, Sie waren an Bord des Segelschiffs «Irene», das versuchte die Gaza-Blockade zu durchbrechen. Wie geht es Ihnen?
Ich bin zuhause, es geht mir gut. Ich komme gerade von einem Interview mit einer israelischen Radiostation.

Wie erlebten Sie den Einsatz der israelischen Marine am Dienstag?
Die mächtige israelische Marine hat eine kleine Jacht mit neun Aktivisten aufgebracht. Da waren zwei Kriegsschiffe, dutzende Schnellboote. Die Soldaten waren bewaffnet. Sie haben uns geentert, wir haben keinen Widerstand geleistet.

Sie haben gewusst, dass Sie mit Ihrer Aktion provozieren.
Es war auch von Anfang an klar, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Auf dem Schiff befanden sich fünf Israeli und vier ausländische Juden. Um neun Aktivisten abzufangen, braucht es keinen Militärapparat. Eigentlich ist es schade, dass die israelische Armee die Chance verpasst hat, ihr Image zu verbessern. Sie hätten uns zum Beispiel mit Blumen empfangen können.

Stattdessen soll es angeblich Schläge gegeben haben. Was haben Sie erlebt?
Einer der Soldaten war tatsächlich aussergewöhnlich brutal und gemein. Er ging vor allem gegen Yonatan Shapira mit unverhältnismässiger Gewalt vor. Wir erfuhren später, dass er einer der Soldaten war, die im Mai auf der «Mavi Marmara» im Einsatz standen. Die anderen Soldaten jedoch waren relativ höflich. Der Ausbruch ihres Kollegen hat sie peinlich berührt, das konnte man sehen.

Wie ging es weiter?
Unser Segelboot wurde in den Hafen von Ashdod geschleppt, wir wurden auf ein Militärboot gebracht und gründlich durchsucht. Kaum wurden wir an Land der Polizei übergeben, waren plötzlich alle sehr nett und höflich. Bis auf den Soldaten, der gewalttätig war. Ich wollte wissen, wie er heisst. Er wollte es nicht sagen. Ich sagte ihm, ich würde ihn vor Gericht bringen. Daraufhin zeigte er mich wegen Nötigung an.

Was war überhaupt Ihre Motivation, an der Gaza-Aktion mitzumachen?
Der Schmerz. Ich verlor meine Tochter am 4. September 1997. Ich war auf dem Weg zum Flughafen, als meine Frau mich anrief und sagte, dass Samar vermisst wird. Sie war im Zentrum Jerusalems unterwegs, als ein Selbstmordattentäter sie in den Tod riss. Irgendwann standen wir in der Leichenhalle und sahen einen Anblick, den wir nie mehr vergessen werden. Ich denke immer an Samar, jeden Tag, jede Stunde. Zeit kann diese Wunde nicht heilen. Niemand soll diesen Schmerz erfahren müssen. Dafür setze ich mich ein, zusammen mit anderen Israelis und Palästinensern.

Waren Sie jemals in Gaza oder Ramallah?
Ich habe viele palästinensische Freunde, bin oft in Ramallah, war vor der Blockade oft in Gaza. Wir haben «Parents Circle» gegründet, eine Organisation von Israelis und Palästinensern, die ihre Kinder im Konflikt verloren haben. Es ist schmerzhaft, sich das einzugestehen, aber es gibt keinen moralischen Unterschied zwischen dem Soldaten, der an einem Checkpoint einer schwangeren Frau den Durchgang verwehrt und so bewirkt, dass sie ihr Kind verliert und dem Mann, der meine Tochter getötet hat.

Aktivisten wie Sie sind dem Vorwurf ausgesetzt, Sie würden gegen Israels Interessen handeln und die Hamas mit Gütern beliefern. Was sagen Sie dazu?
Ich gehe nicht nach Gaza, um die Hamas zu treffen. Ich habe keinen Grund, sie zu mögen. Gar keinen. Sie sind die Mörder meiner Tochter. Aber in Gaza gibt es über eine Million Menschen, die nicht hinter der Hamas stehen und unter der Blockade leiden. Das muss aufhören. Je frustrierter die Menschen werden, desto eher werden sie irgendwann die Hamas unterstützen. Das müssen wir verhindern.

Zurzeit laufen erneut Bemühungen um einen Friedensprozess. Hoffen Sie?
Wie könnte ich? Benjamin Netanyahu führt die Amerikaner an der Nase herum und Mahmud Abbas ist schwach. Da kann nichts Gutes daraus entstehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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