Die Spuren eines Sieges

Seit die islamistischen Extremisten den Irak mit Krieg überziehen, droht das Land zu zerbrechen. Den Kurden im Norden stünde mit dem Staatskollaps eine strahlende Zukunft offen.

Was von der irakischen Armee in Kirkuk übrig blieb: Uniformen – und Waffen – sind in die Hände der kurdischen Peschmerga-Kämpfer gefallen. Foto: TT News Agency, Keystone

Was von der irakischen Armee in Kirkuk übrig blieb: Uniformen – und Waffen – sind in die Hände der kurdischen Peschmerga-Kämpfer gefallen. Foto: TT News Agency, Keystone

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Was für ein Land. Die Stoppelfelder leuchten honiggelb, dazwischen liegen satte, grüne Brachen. Am Kanal hängen ein paar junge Männer die Füsse ins Wasser. Einer springt, schwimmt ein paar Züge. Weiter hinten lodern orange Feuerbälle, sie strahlen greller als die Mittagssonne. Die Fackeln über den Ölquellen, der Abbrand des ausströmenden Gases, sie sind der sichtbare Beweis für den Reichtum dieses Landes.

Friedliches Landleben in Tal al-Ward, dem «Hügel der Blumen», eine bäuerliche Idylle auf einer gigantischen Ölblase. Ein Ort zum Träumen. Reich, begehrenswert, friedlich. Wären da nicht die Soldaten an der Strasse, die sandbraunen Lastwagen, die Pick-up-Trucks mit den Maschinenkanonen, die Zelte, der ausgerollte Stacheldraht. Und die achtlos in den Staub getretenen Uniformen: Jacken, Hosen, Mützen, Rangabzeichen. Ein Peshmerga-Kämpfer schiebt mit dem Fuss eine beige-braun gefleckte Jacke zur Seite, lacht: «Raus aus der Uniform und gerannt wie die Hasen. Die irakischen Soldaten haben alle ihre Waffen zurückgelassen. Panzer, Geschütze, LKW. Alles. Wir haben jetzt mehr, als wir brauchen. Und das umsonst!»

Einschnitt in der Geschichte

Die Uniformen, die Laster und Humvees der irakischen Armee, der Spott der kurdischen Peshmerga-Kämpfer: Es sind die Spuren eines Sieges, bei dem kein Schuss gefallen ist. Was in Tal al-Ward zu sehen ist, könnte ein Einschnitt in der Geschichte des Nahen Ostens sein. Seit die radikal-islamischen Isis-Militanten, die Kämpfer des Islamischen Staats im Irak und in Syrien, den Norden des Landes mit Krieg überziehen und die in Panik verfallene irakische Armee vor sich her in Richtung Süden treiben, droht der Irak zu zerbrechen. Den Kurden im Norden stünde mit dem Staatskollaps eine strahlende Zukunft offen: Die Isis-Militanten und die hilflos agierende irakische Regierung haben der ewig aufsässigen Minderheit die Tür zum eigenen Staat aufgestossen. Kampflos und ungewollt.

Nicht weit von Tal al-Ward verläuft nun die Frontlinie zwischen dem Kurdengebiet und dem Land, das die sunnitischen Militanten kontrollieren. Die Kurden und die Isis-Kämpfer, sie schiessen zwar ein wenig hin und her. Doch die Masse der sunnitischen Kämpfer zieht weiter nach Süden, in Richtung der irakischen Hauptstadt. Nach Bagdad, gegen die Schiiten. Weit weg von den Kurden. So könnte sich schnell erfüllen, wofür die Kurden seit Jahrzehnten kämpfen: ein unabhängiger Kurdenstaat. Denn Bagdads schiitische Regierung ist in einem desolaten Zustand. Die Armee wurde von den Isis-Eiferern in die Flucht geschlagen. Premierminister Nuri al-Maliki lässt nun verzweifelt Freiwillige anwerben für den Kampf gegen die Sunniten. Möglicherweise muss er die Iraner zu Hilfe rufen. Vielleicht sogar die Amerikaner, die früheren Besatzer. All das kann den Kurden fast egal sein. Im Irak herrscht ein Vakuum, militärisch und politisch: Die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten werden Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre dauern.

Die Kurden, so scheint es, sind die ganz grossen Gewinner. Das weiss auch einer wie Peshmerga-Oberst Ibrahim. Er hat seinen Kampfanzug selten ausgezogen in den letzten zwei Jahrzehnten: «Ich bin seit 22 Jahren Peshmerga, ich habe immer gekämpft. Jetzt sind wir fast am Ziel.» Ibrahim stiefelt zum Kanal, schaut auf das Land rund um Tal al-Ward, sagt: «Kirkuk und das hier, das geben wir nie wieder auf.»

«Das kurdische Jerusalem»

Kirkuk. Die Kurden nennen die Stadt gern «das kurdische Jerusalem». Aber das ist Folklore. Kirkuk ist eine Ölstadt. In der Provinz rundherum lagern riesige Erdölvorkommen, der Irak ist der zweitgrösste Ölexporteur weltweit. Bagdads Armee hat die seit Jahren umstrittene Stadt nach dem Fall von Mosul Hals über Kopf verlassen, bevor die Terror­bataillone überhaupt zu sehen waren an den Ausläufern Kirkuks. Die demoralisierten Soldaten übergaben ihre Waffen den Kurden, damit sie den Militanten nicht in die Hand fallen, und flohen. Kirkuk wurde den Kurden 2003 nach dem Einmarsch der Amerikaner verweigert. Das Sagen hatte hier die Zentralregierung in Bagdad.

Mit gutem Grund waren die USA, waren die UNO und die internationale Gemeinschaft sehr zurückhaltend gegenüber den Ansprüchen einer Minderheit auf eine multiethnisch besiedelte Stadt. Mehrheitlich kurdisch zwar, aber eben auch Heimat von Arabern, Turkmenen, Christen. Die UNO bestand auf einer gütlichen – und damit überaus unwahrscheinlichen – Einigung zwischen Kurden und arabischen Irakern: Ohne Kirkuk und sein Öl ist ein unabhängiges Kurdistan wirtschaftlich nicht lebensfähig. Jetzt aber ist plötzlich alles anders. Jetzt ist das «kurdische Jerusalem» nicht mehr nur in den kurdischen Geschichtsbüchern eine kurdische Stadt, begründet mit vergilbten Landkarten, an denen nicht nur Bagdad zweifelt.

Ergraut im Kampf

Jetzt ist Kirkuk wirklich kurdisch. Denn die Kurdenführer haben die Gelegenheit sofort erkannt: Sie haben das herrenlose Kirkuk mit dem Abzug der irakischen Armee besetzt. Peshmerga kontrollieren die Stadt und alle anderen umstrittenen Gebiete, die Bagdad seit 2003 beharrlich verweigert. Es sind riesige Landstriche, sie erstrecken sich tief in den Zentralirak, laufen am östlichen Rand hinunter entlang der iranischen Grenze. So zeichnet sich zu den Füssen von Oberst Ibrahim zwischen den verstreuten Uniformteilen im Staub von Tal al-Ward deutlich ein unabhängiger Staat ab: Kurdistan.

Salah Delo ist nicht mehr jung. Ergraut im Kampf um seine Heimat, was man nur deshalb nicht so deutlich sieht, weil er gegen die voranschreitende Zeit kämpft, die Haare färbt. Der Politiker sitzt in Kirkuk im Parteigebäude. «Unsere Peshmerga sind doch nach Kirkuk gekommen, um die Stadt zu sichern und zu verteidigen», sagt er. «Von dort wieder abzuziehen, ist völlig undenkbar.» Delo ist zu lange in der Politik, um offen zu sagen, dass der Kurdenstaat nun greifbar ist. Er kennt die Einwände, die Vorbehalte der Nachbarn, der Iraner, der Türken. Er weiss um die Skepsis der Amerikaner und Europäer. Teheran und Ankara fürchten, dass ihre eigenen kurdischen Minderheiten auf den Geschmack kommen, ebenso ihren Staat fordern, sich den irakischen Brüdern anschliessen wollen. Er fragt dennoch: «Würde die Welt akzeptieren, dass unser Volk sich seinen Staat schafft?»

Das Land ist dreigeteilt

Die Gesichter der Kurdenpolitiker, die Gesichter der Peshmerga-Kämpfer – geprägt vom Kampf um Kurdistan. Jahrzehnte des Kriegs, der Niederlagen, der Massaker. Geändert hat sich das erst mit dem US-Einmarsch 2003. Während die Amerikaner gegen Saddams Truppen und dann gegen sunnitische Militante und schiitische Milizionäre kämpften, schafften die Kurden Fakten. Sie blieben aussen vor, bauten im Norden ihre autonome Region aus. Eigene Verfassung, ­eigener Präsident, eigene Regierung, eigenes Parlament. Alles noch im Rahmen der irakischen Verfassung, als Teil eines föderalen Staats. Doch die Richtung schien immer klar: Unabhängigkeit. Die Kurden bauten eine 200 000 Mann starke Peshmerga-Armee auf, förderten und verkauften Erdöl an Bagdad vorbei. Ihre Hauptstadt Arbil wurde zum boomenden Wirtschaftszentrum. Nur das «Herz Kurdistans» fehlt noch: Kirkuk.

Nun sind die Kurden fast am Ziel. Denn der Irak droht zu zerbrechen. Eine Woche nach dem Siegeszug der Isis-Militanten ist das Land praktisch dreigeteilt. Der Süden den Schiiten, der Norden den Kurden, in der Mitte und im Westen die Sunniten. Den Zerfall in drei neue Staaten hatten viele Experten vorausgesagt, als die US-Truppen einmarschierten und Saddam Hussein stürzten. Der Diktator hatte sein Volk mit brutaler Gewalt zusammengehalten, auf Kosten der Schiiten und der Kurden. Die amerikanische Invasion aber löste den offenen Konflikt zwischen den Religionsgruppen aus, schon damals kam es fast zum Bürgerkrieg, den die US-Armee nur mit grösster Mühe verhindern konnte. Und was dem Irak nun bevorstehen könnte, verkündet Isis. Sie hätten bereits mehr als 1700 Soldaten und Polizisten getötet, prahlen die Militanten auf Twitter. Sie wollen die Heiligen Stätten der schiitischen Ketzer zerstören. Zuerst sei Bagdad an der Reihe: «Wir haben dort noch eine Rechnung offen», so Isis-Führer Abu Bakr al-Baghdadi.

Banken und Behörden überfallen

Im Flüchtlingslager Khallak nahe der Kurdenhauptstadt Arbil berichten die Menschen über den Terror von Isis und der sunnitischen Kämpfer. «Sie haben ganze Stadtviertel umstellt und abgeriegelt, Banken und Behörden überfallen», sagt Haja Amsha. Die 50-jährige Sunnitin ist aus Mosul geflohen. «Überall wurde geschossen, da sind wir nachts davon.» Raed, ein anderer sunnitischer Flüchtling, hat mehr gesehen: «Soldaten, Polizisten und andere Uniformierte haben sie getötet, ihre Waffen und Ausrüstung genommen. Den normalen Einwohnern haben sie eigentlich nichts getan.»

Vor den Isis-Kämpfern hatten Haja Amsha und Raed offenbar weniger Angst als vor der Armee ihrer eigenen Regierung. Denn Mosul ist eine Sunnitenstadt, die Regierung und die Armee aber sind weitgehend schiitisch. Clement Rouquette, der Leiter des Flüchtlingslagers, sagt dann auch: «Die Ersten kehren doch schon wieder nach Mosul zurück. Ich glaube, viele sind nur geflohen, weil sie fürchteten, dass die Regierungstruppen im Gegenzug die Stadt bombardieren würden, um die Isis-Kämpfer zu treffen.»

«Schutz von Land, Volk und heiligen Stätten»

Sunniten gegen Schiiten also. Was im Irak droht, ist ein Religionskrieg. Ayatollah Sistani, das geistliche Oberhaupt der Schiiten, hat nach dem Fall von Mosul zum Heiligen Krieg aufgerufen, zum «Schutz von Land, Volk und heiligen Stätten». Der greise Geistliche weiss warum: Die sunnitischen Militanten sehen in den Schiiten Ketzer, die Heilige und Bilder anbeten, vom Islam abgefallen sind, den Tod verdienen. Abu Bakr al-Baghdadi, der Führer der Eiferer, kündigt bereits an, Karbala zu verwüsten. Die heilige Stadt ist der Geburtsort des Schiitentums: Hier wurden die Führer der Sekte mit ihren Frauen und Kindern massakriert, im 7. Jahrhundert. Auch damals schon von Sunniten, im Kampf um die Führung über die Muslime. Seitdem sind die Schiiten die Märtyrer. Die Unterdrückten. Die Leidenden.

Der Irak ist das Herzland der Schiiten. Hier finden sich ihre heiligen Stätten: Najaf mit seinem von einer goldenen Kuppel gekrönten Schrein, den jahrhundertealten theologischen Seminaren und den riesigen Friedhöfen ist der Vatikan der Schiiten. Das nahe Karbala ist ihr Golgota. Stärker verdichtet als im Südirak findet sich religiöse Identität nur noch im Heiligen Land. Und anders als in allen anderen arabischen Staaten konnten die Schiiten im Irak, wo sie die Bevölkerungsmehrheit stellen, die Herrschaft übernehmen. Seit dem Sturz Saddam Husseins haben die Sunniten im Irak nichts mehr zu sagen. Früher hatten sie immer die Führung, die Eliten gestellt: Unter dem Diktator, unter den Osmanen, nach der Gründung des modernen Irak durch die Briten. Erst seit 2003 sind die Sunniten eine machtlose Minderheit, drängen die Schiiten sie an den Rand.

«Das alles ist die Quittung»

Nawzad Hadi Mawloud, der Gouverneur der kurdischen Provinz Arbil, ist ein besonnener Mann. Er wägt die Dinge lieber zweimal ab. Dennoch sagt er sofort: «Das alles ist die Quittung für die Fehler von Maliki. Der Premier hat die Sunniten von der Macht ausgeschlossen, ihre politischen Führer bedroht. Er hat einfach alles falsch gemacht.» Die Kämpfer, die in Mosul eingefallen seien, seien niemals alle religiöse Fanatiker. «Neben den Islamisten sind das alte Saddam-Anhänger und auch Stammesleute. Das Ganze ist ein sunnitischer Aufstand gegen Bagdad.»

Mawloud sitzt in seinem Büro, über seinem Amtssitz erhebt sich die Festung von Arbil, die Burg gilt als eine der ältesten menschlichen Siedlungen weltweit. Mawloud kennt die kurdische Geschichte, es ist eine Geschichte verpasster Chancen, Niederlagen. Der Gouverneur warnt jetzt vor überbordendem Selbstbewusstsein, vor falscher Eile. Für ihn, so scheint es, ist die Zukunft eines Kurdenstaats noch lange nicht gesichert. «Ja, wir kontrollieren jetzt alle Gebiete. Ja, wir haben Kirkuk und die Ölfelder. Was wir aber nicht haben, sind die grenz­überschreitenden Pipelines, um das Öl zu exportieren.» Mawloud denkt auch zu nüchtern, um zu frohlocken, wenn er sieht, dass Sunniten und Schiiten sich bekriegen zum Vorteil der Kurden: «Wir sind bis heute Teil des Irak. Jetzt herrscht an unserer Grenze Bürgerkrieg. Das ist sehr gefährlich. Denn wer zu nahe am Feuer steht, der verbrennt sich.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2014, 00:01 Uhr

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