Die Libyer flüchten jetzt selber

Bisher war Libyen vor allem Transitland für Afrikaner, doch das Chaos führt nun auch Einheimische über das Mittelmeer.

Festhalten am sinkenden Schlauch: Flüchtlinge auf einem der im Mittelmeer geborgenen Boote. Foto: Laurin Schmid (AP, Keystone)

Festhalten am sinkenden Schlauch: Flüchtlinge auf einem der im Mittelmeer geborgenen Boote. Foto: Laurin Schmid (AP, Keystone)

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Die dramatischen Bilder und Geschichten sind zurück. Plötzlich, über Nacht gewissermassen. Gerade als sich in Italien die Vorstellung breitgemacht hatte, dass die gefährliche Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer, von Libyen nach Sizilien, nachhaltig stillgelegt worden sei, abgeriegelt mit einem kontroversen Deal zwischen Rom und Tripolis, da wird sie wieder rege befahren. Mitten im Winter, bei rauer See.

Am vergangenen Wochenende allein mussten mehr als 800 Flüchtlinge aus Seenot gerettet werden. Bei einem der übervollen Gummiboote war die Hälfte der Luft schon draussen, Dutzende klammerten sich am sinkenden Schlauch fest, als die Aquarius sich ihnen näherte. So heisst das Schiff der Hilfsorganisation SOS Méditerranée, das in den internationalen Gewässern vor Libyen kreuzte. Die Helfer berichteten von dramatischen Szenen: von stark unterkühlten Kleinkindern am Ende ihrer Kräfte, von Menschen mit Brandwunden und Vergiftungen durch ausgelaufenes Motorenöl. Drei Frauen konnten nur noch tot geborgen werden, dreissig Passagiere des Bootes werden noch immer vermisst.

Die Kurve zeigt steil nach oben

Die Fluchtzahlen steigen so unvermittelt und drastisch, wie sie im vergangenen Juni zu sinken begonnen hatten – ebenfalls über Nacht. Das italienische Innenministerium, das jede Ankunft registriert und die Statistiken regelmässig veröffentlicht, berichtet für die ersten 26 Tage des laufenden Monats von 2730 Neuankömmlingen. Rechnet man die 800 Flüchtlinge vom Wochenende dazu, dann liegen die Zahlen bereits deutlich über jenen von Januar 2017 und von Januar 2016. Davor hatte die Kurve während sechs Monaten stetig und steil nach unten gezeigt.

Neuerdings kommen auch wieder Flüchtlinge nach Italien, die in der Türkei und in Tunesien ablegen. Die allermeisten aber besteigen die Boote ihrer Schlepper in den Hafenstädten im Westen von Tripolis. Benutzten in den vergangenen Jahren vor allem Menschen aus Westafrika diese Route, kommen jetzt vor allem Flüchtlinge aus Eritrea, Pakistan, Tunesien und erstmals überhaupt auch eine stattliche Zahl von Libyern. Insgesamt zählten die Italiener im Januar 192 Libyer. Von allen Nationalitäten ist die libysche nun am viertstärksten vertreten unter den Flüchtlingen.

Libysche Migranten bezahlten für die Flucht über das Mittelmeer mehr als andere.

Es gibt politische Gründe für diesen Drang, das Land zu verlassen. In Libyen begann das neue Jahr mit schweren Zwischenfällen in Tripolis und Benghazi, den beiden grössten Städten. In der Hauptstadt, nominell unter Kontrolle der international anerkannten Einheitsregierung von Premier Fayez al-Sarraj, lieferten sich am 15. Januar rivalisierende Milizen schwere Gefechte um den Flughafen Mitiga, nachdem Angreifer aus dem Vorort Tajoura zuvor versucht hatten, Häftlinge aus einem nahe gelegenen Hochsicherheitsgefängnis zu befreien. Mindestens zwanzig Menschen kamen bei den Kämpfen ums Leben. Die Situation ist seither gespannt, aber ruhig, wie ein Gewährsmann dort sagte.

In Benghazi wurden vergangene Woche bei einem Doppelanschlag mit zwei Autobomben auf eine Moschee mindestens 35 Menschen getötet. Seither sind in der Stadt und im 250 Kilometer entfernten Derna mindestens acht Leichen von Opfern mutmasslicher Rachemorde in den Strassen gefunden worden; die Vereinten Nationen zeigten sich besorgt. Benghazi ist nach mehrjährigen Kämpfen in Teilen zerstört und steht unter der Kontrolle der Libyschen National-Armee des Kriegsherrn Khalifa Haftar, der Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten erhält sowie von Russland und mindestens verdeckt auch von einigen westlichen Staaten.

Kriegsherr akzeptiert Wahlen

Haftar ist der starke Mann im Osten des Landes und hat mehrmals gedroht, Tripolis militärisch unter seine Kontrolle zu bringen. Eine politische Annäherung zwischen Haftar und Sarraj, um die sich sowohl die Emirate und Ägypten als auch Italien und Frankreich bemüht haben, zeitigt bislang keine Ergebnisse. Allerdings hat sich Haftar überraschend bereit erklärt, Wahlen zu akzeptieren, die unter der Ägide der UNO bis Ende des Jahres abgehalten werden sollen. Ob das gelingt, ist ebenso offen wie die Frage, ob Wahlen das gespaltene Land einen und eine funktionierende Regierung hervorbringen würden. Die Wahlen 2014 führten zu schweren Kämpfen und trugen zur jetzigen Spaltung des Landes bei.

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Die wirtschaftliche Situation in Libyen ist nach wie vor schwierig, selbst in den grösseren Städten kommt es immer wieder zu Versorgungsschwierigkeiten. Zuletzt erholte sich die Landeswährung Dinar allerdings deutlich gegenüber dem Dollar, die Ölexporte steigen. Dennoch suchen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 Jahren ein besseres Leben in Europa. Die italienische Zeitung «La Repubblica» schreibt, die libyschen Migranten bezahlten für die Flucht mehr als andere Flüchtlinge und würden dafür mit sichereren, schnelleren Booten übersetzen.

Die neue Entwicklung auf der Mittelmeerroute fällt mitten in die Kampagne vor den italienischen Parlamentswahlen vom 4. März. Bisher war die Migrationsfrage darin kaum ein Thema gewesen – ganz zur Genugtuung der regierenden Sozialdemokraten und ihrem Innenminister Marco Minniti, dem Architekten des Deals mit Tripolis. Das könnte sich nun aber schnell ändern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2018, 22:18 Uhr

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