«Die Lage der Flüchtlinge ist entsetzlich»

Der Menschenrechtsaktivist John Eibner war letzte Woche im Nordirak. Die religiösen Minderheiten dort seien in ihrer Existenz bedroht. Besonders schwierig sei die Lage für die von den Jihadisten vertriebenen Jesiden, sagt er im Interview.

«Von 250'000 Vertriebenen sind mindestens 200'000 Christen und rund 50'000 sind Jesiden», sagt John Eibner.

«Von 250'000 Vertriebenen sind mindestens 200'000 Christen und rund 50'000 sind Jesiden», sagt John Eibner.

(Bild: Keystone)

Sie waren vergangene Woche im Norden der irakischen Provinz Ninawa. Welche Minderheiten sind vor dem Terror der Jihadisten des Islamischen Staats (IS) dorthin geflohen? John Eibner: Ich bin zusammen mit unseren lokalen Partnern von Arbil aus nach al-Qosh, Dahuk und Zakho gefahren. Zudem waren wir in mehreren Dörfern in der Umgebung dieser Städte. Viele Christen und Jesiden sind vor dem IS dorthin geflohen. Von den weit über 250'000 Vertriebenen sind mindestens 200'000 Christen, rund 50'000 sind Jesiden. Dazu kommt eine kleinere Zahl von Menschen, die zur schiitischen Minderheit der Shabak gehören. Auf diese Bevölkerungsgruppen hat es der IS vor allem abgesehen, weil er sie als «Kuffar», Ungläubige, betrachtet.

Wie ist die Lage der vertriebenen Christen? Viele Christen sind bei Verwandten oder Bekannten untergekommen, sodass sie ein Dach über dem Kopf haben und mit dem Nötigsten versorgt sind. Ein wohlhabender Christ hat zum Beispiel in Arbil 70 Personen bei sich aufgenommen. Trotzdem mussten Zehntausende, die niemanden kennen, in Kirchen oder in Zelten in Innenhöfen von Kirchen untergebracht werden. Auch Schulen werden als Unterkünfte genutzt. Bis zu 20 Personen teilen sich jeweils ein Schulzimmer. Auch sie haben derzeit noch zu essen. Unterstützung erhalten diese Menschen vor allem von der lokalen Gemeinschaften oder von Kirchen. Von grossen Hilfslieferungen aus dem Ausland war fast nichts zu sehen.

Wie steht es um die Jesiden? Sowohl die jesidische als auch die christliche Minderheit im Nordirak sind in ihrer Existenz bedroht. Die Lage der Flüchtlinge beider Gemeinschaften ist entsetzlich, wobei die Lage der Jesiden noch einmal eine Stufe schlimmer ist. Der Grund dafür ist, dass sie anders als die Christen in dieser Region nur vereinzelt Verwandte oder Bekannte haben. Zudem haben die Jesiden kaum Fürsprecher im Ausland. Auch ihre Exilgemeinschaften etwa in Deutschland oder Kanada sind klein und haben nur wenig Einfluss. Oft finden Jesiden nur in halb verfallenen Häusern oder solchen im Rohbau Unterschlupf, wo sie wenigstens ein Dach über dem Kopf haben.

Was für Hilfsgüter sind das? Derzeit sind das zum Beispiel Nahrungsmittelpakete, von denen jedes eine durchschnittliche Familie während zweier Wochen ernähren kann. Bald werden aber vor allem Decken und warme Kleidung nötig sein, weil es in dieser bergigen Region bereits in einigen Wochen kalt wird. Denn die meisten Vertriebenen konnten nur gerade die Kleider, die sie am Leib trugen, mitnehmen.

Sie waren bereits im Juni im Nordirak. Was ist seither passiert? Während meines Besuchs im Juni kam es zu ersten Angriffen durch den IS. So wurde etwa Karakosh, eines der grössten christlichen Dörfer, mit Granaten beschossen, weshalb ich die Ortschaft bereits damals nicht betreten konnte. Viele Einwohner flüchteten. Nach einigen Tagen hörte der Beschuss wieder auf und die kurdischen Behörden ermutigten die Flüchtlinge, zurückzukehren, weil ihnen nun keine Gefahr mehr drohe. Als Anfang August der IS wieder angriff und die kurdischen Peshmerga-Milizen sich kampflos zurückzogen, kam es in der Provinz Ninawa zur grossen Fluchtbewegung von Christen und Jesiden. Viele Jesiden wurden dabei im Sinjar-Gebirge eingeschlossen, wo sie ohne Nahrung ausharren mussten.

Haben Sie mit Jesiden, die eingeschlossen waren, gesprochen? Ja. Sie waren äusserst verbittert darüber, dass sie von der Kurdischen Regionalregierung im Nordirak und deren Peshmerga-Milizen im Stich gelassen worden waren. Gerettet wurden die Jesiden von Kämpfern der in der Türkei verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und deren Ableger in Syrien, der Partei der Demokratischen Union PYD.

Was haben die Luftangriffe der USA bewirkt? Die Situation der Christen und Jesiden hat sich deswegen bisher nicht verbessert. Es scheint, dass das primäre Ziel der Luftangriffe in der Provinz Ninawa die Vertreibung des IS von Ölförderanlagen ist. In einem Dorf, in das wir Hilfsgüter brachten, berichteten uns Einwohner, dass in den 24 Stunden zuvor Luftangriffe geflogen worden waren, um den IS vom Ölfeld von Ayn Zala und einer Ölraffinerie zu vertreiben.

Haben Sie Menschen getroffen, die mit dem IS in Kontakt gekommen sind? Ich sprach mit einigen Menschen, die nach der Einnahme von Mosul durch den IS dort ausharren wollten. Sie flohen erst, als der IS über die Lautsprecher der Moscheen den Christen eine Frist zum Verlassen der Stadt setzte. Diejenigen, die frühzeitig weggegangen waren, konnten noch einige Habseligkeiten mitnehmen. Später errichtete der IS offenbar Strassensperren, wo den Flüchtlingen Geld, Schmuck und Mobiltelefone abgenommen wurden. Man sagte mir, dass die IS-Kämpfer jeweils drohten, eine Person umzubringen, um den Rest der Familie dazu zu zwingen, auch wirklich alle Wertsachen herauszurücken.

Wurde Ihnen von ausländischen Jihadisten berichtet, die für den IS kämpfen? Augenzeugen sagten mir, dass sie in Mosul ausländische IS-Kämpfer gesehen hätten. Diese spielten eine wichtige Rolle, weil sie eine bessere Kampfausbildung erhalten hätten. Sie seien aber nur eine Minderheit. Der IS, der ja im Irak entstanden ist und danach zeitweise nach Syrien ging, erhalte schon seit langem breite Unterstützung vonseiten der Sunniten im Irak. Man erzählte mir, dass es ausserhalb von Mosul schon seit Jahren Ausbildungslager gegeben habe. Und in Mosul war es längst allgemein bekannt, dass tagsüber der Gouverneur und nachts die Terroristen die Stadt kontrollierten.

Zur militärischen Lage: Herrscht derzeit eine Art Patt zwischen den Peshmerga und dem IS? Ich kann die militärische Schlagkraft der beiden Parteien nicht beurteilen. Fakt ist, dass es bisher keine offenen Kämpfe von grösserem Ausmass gab. Das hat unter den Flüchtlingen zur verbreiteten Meinung geführt, dass es eine Vereinbarung zwischen dem IS und den Peshmerga gebe.

Weshalb diese Vermutung? Es gibt unter den besser ausgebildeten Flüchtlingen die Theorie, dass viele Akteure aus dem In- und Ausland daran interessiert sind, die schiitische Regierung in Bagdad zu schwächen. Die Sunniten wollten nicht von Schiiten regiert werden. Die Kurden strebten nach Autonomie. Die USA und die Golfstaaten fürchteten den wachsenden Einfluss des Iran auf Bagdad und störten sich am Engagement Bagdads zugunsten des Assad-Regimes in Syrien. Diese Akteure hätten sich deshalb darauf verständigt, den IS gewähren zu lassen.

Glauben die Menschen, dass die Peshmerga-Milizen stark genug wären, einem Angriff des IS standzuhalten? Ich muss vorausschicken, dass die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, keine Militärexperten sind. Aber viele sind der Ansicht, dass die Peshmerga-Milizen den IS hätten aufhalten können, wenn sie das gewollt hätten. Schliesslich sei es keine Grossoffensive gewesen. Das bestärkt sie im Gefühl, es sei eine politische Entscheidung der Kurdischen Regionalregierung gewesen, sich zurückzuziehen, anstatt zu kämpfen.

Wünschen sich die Vertriebenen eine Intervention der USA? Sie wollen vor allem Schutz. Ihr grösster Wunsch wäre eine internationale Schutztruppe. Allerdings glaubt niemand, dass das realistisch ist. Bei meinen früheren Besuchen habe ich immer noch Leute getroffen, die trotz aller Probleme im Irak bleiben wollten. Aber diesmal sagten alle, dass Auswandern ihre einzige Hoffnung sei. Denn sie sind von allen, die ihnen Schutz versprochen haben, enttäuscht worden: von der irakischen Regierung in Bagdad, von den kurdischen Behörden, der UNO, den USA.

Was glauben die Flüchtlinge, was aus dem Irak werden wird? Das war nie ein Thema. Aus ihrer Sicht ist der Irak ein gescheiterter Staat. Egal ob er als Staat bestehen bleibt oder zerfällt, sehen sie keine Möglichkeit als Angehörige einer Minderheit eine sichere Existenz zu führen.

Berner Zeitung

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