Die Baronin und die Bombe

Die Aussenministerin der EU steht in Genf vor der grössten Bewährungsprobe ihrer Karriere – sie leitet die Atomgespräche mit dem Iran. Nicht alle trauen ihr das zu.

Wirkt angespannt: Catherine Ashton bei ihrer Ankunft in Genf.

Wirkt angespannt: Catherine Ashton bei ihrer Ankunft in Genf.

EU-Aussenministerin Catherine Ashton steht vor ihrer grössten Bewährungsprobe. Die britische Baronin leitet seit Montag in Genf die Atom-Verhandlungen mit dem Iran. Eine heikle Aufgabe: Die 54-Jährige muss sich seit ihrem Amtsantritt vor rund einem Jahr gegen Kritik wehren, ihr fehle das nötige diplomatische Geschick.

Allzu hohe Erwartungen knüpfen sich nicht an die Gespräche über das iranische Nuklearprogramm - auch wenn Ashtons Umfeld den ersten Dialog seit einem Jahr als persönlichen Erfolg der EU-Chefdiplomatin zu verkaufen versucht. Die gedämpften Hoffnungen liegen nicht nur an der Unnachgiebigkeit Teherans. Viele europäische Vertreter zweifeln Ashtons Verhandlungsführung an. «Sie arbeitet viel, aber es kommt nicht immer viel dabei heraus», sagt der Botschafter eines grossen Mitgliedstaats in Brüssel.

Angeblich lernt sie schnell

Ashton ist weit von der «Telefonnummer für Europa» entfernt, nach welcher der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger einmal fragte. Die Hohe Vertreterin für die Aussen- und Sicherheitspolitik - so ihr sperriger Titel - ist in der Europäischen Union nur eine Ansprechpartnerin neben Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Zudem muss sich die Chefin des neuen Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) mit tausenden Diplomaten in allen Politikfeldern eng mit den Aussenministern der 27 Mitgliedstaaten absprechen, die eifersüchtig über ihre Kompetenzen wachen.

Als «fähige und lernfähige Frau» gilt Ashton dagegen in der EU-Kommission. Dort diente sie von Oktober 2008 bis November 2009 als Ressortchefin für Aussenhandel. Ihre völlig überraschende Wahl zur ersten Aussenministerin der EU verdankt sie dagegen vor allem der Tatsache, dass sie eine Frau, Sozialistin und Britin ist. Diese Eigenschaften waren nach dem EU-Proporz vor gut einem Jahr gefragt.

Der Adelstitel stammt von Blair

Ihren Titel als Baronin und Oberhaus-Mitglied auf Lebenszeit hat die Labour-Politikerin ihrem Parteifreund, dem früheren britischen Premier Tony Blair zu verdanken. Blair adelte die Mutter von zwei eigenen Kindern und drei Stiefkindern 1999 wegen ihres sozialen Engagements. Seit 2001 hatte die studierte Ökonomin Ashton in London verschiedene Staatssekretärsposten inne, unter anderem im Bildungs- und Justizministerium.

In ihrem ersten Jahr als EU-Aussenministerin leistete sich die auf diplomatischem Parkett unerfahrene Britin einige Patzer. So fuhr Ashton nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti Anfang des Jahres nicht direkt ins Katastrophengebiet, sondern holte die Reise erst mit Verspätung nach. Solche Nachlässigkeiten darf sich Ashton gegenüber dem Iran nicht leisten.

oku/AFP

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