«Der Irak wird zerfallen»

Der irakisch-kurdische Peshmerga-Kommandant Mala Bakhtiar glaubt, dass nur die Kurden den IS aufhalten können. Als Belohnung lockt ein eigener Staat.

Peshmerga-Kämpfer im Nordirak beim Training.

Peshmerga-Kämpfer im Nordirak beim Training.

(Bild: Ahmed Jadallah)

Die kurdischen Peshmerga bekämpfen im Irak den Islamischen Staat (IS). Anfang September kündigten Sie an: «Die Peshmerga werden bald siegen.» Waren Sie zu optimistisch?
Seither haben wir mindestens 30 Prozent der besetzten Gebiete zurücker­obert. Wir haben den Mosul-Staudamm und Teile der Hauptachse zwischen Kirkuk und Bagdad zurückgewonnen. In diesen Gebieten greift der Islamische Staat nicht mehr an, sondern wartet darauf, dass wir angreifen.

Mehrere Länder unterstützen die Peshmerga mit Waffen. ­Deutschland unter der Bedingung, dass sie nicht in die Hände der PKK fallen, die als Terrororganisation eingestuft wird. Ist das realistisch?
Wir haben diese Bedingung akzeptiert und werden sie auch einhalten. Ausserdem benötigt die PKK keine Waffen aus Deutschland. Sie führt seit 1984 einen Partisanenkrieg, ohne je eine Kugel aus Deutschland erhalten zu haben.

Der irakische Kurdenpräsident Massoud Barzani sagte angesichts der Beteiligung der PKK bei der Rückeroberung Makhmurs: «Endlich haben wir gute Beziehungen.» Wie steht es um die alten Feindschaften?
Alle politischen Parteien in Kurdistan haben dem IS gegenüber dieselbe Position. Von den irakisch-kurdischen Parteien kämpfen nur die die PUK und die DPK. In Makhmur gab es ein Lager für 12'000 Kurden aus Nordkuristan; dort und in Shangal haben die PKK und die PYK gekämpft. Die PKK hat die geflüchtete Kurden im Lager sehr gut verteidigt. Und in Shangal hat die PYD heldenhaft mit Unterstützung der PKK gekämpft. Wir danken ihnen dafür.

Könnten die gelieferten Waffen später die innerkurdischen Konflikte verschärfen?
Nach dem Krieg gegen den IS wird es keine innerkurdischen Konflikte mehr geben. Zudem: Als in Europa Katholiken und Reformierte Frieden schlossen, hatten sie ihre Waffen auch noch.

Die USA fliegen Luftangriffe gegen den IS. Der Bodenkampf bleibt Aufgabe der Peshmerga. Müssen sie die Drecksarbeit machen?
Wir danken allen, die sich am Kampf gegen den IS beteiligen, und sehen uns als Teil der internationalen Allianz gegen den IS. Die Drecksarbeit am Boden müssen wir sowieso machen. Wenn die Amerikaner uns unterwegs Wasser geben oder eine Brücke bauen, hilft uns das.

Möchten Sie denn überhaupt Unterstützung am Boden?
Dort, wo der IS sehr stark ist, befürworten wir das: in Mosul, Tikrit und Anbar. In Kurdistan brauchen wir keine Bodentruppen aus dem Westen.

Nach dem Massaker an den Jesiden im August sagten diese, sie seien von den Peshmerga im Stich gelassen worden.
Diese Kritik akzeptiere ich. Der kurdische Präsident Barzani hat eine Kommission eingesetzt, um den Fall zu untersuchen. Einige Kommandanten, die die Menschen nicht verteidigten, sind im Gefängnis, und auch Politiker der KDP wurden in die Verantwortung genommen. Heute ist die Entwicklung sehr positiv. Aber am Anfang hätten wir uns besser organisieren müssen.

Wie verändert der gemeinsame Kampf gegen den IS die Aussicht der Kurden auf einen eigenen Staat?
Im Moment haben wir uns dagegen entschieden, einen unabhängigen Staat auszurufen. Aber wenn die Situation günstig ist, sind wir dazu bereit – wir sind durchaus hoffnungsvoll. Vor 16 Jahren hätte niemand in Europa gedacht, dass aus Kosovo oder Montenegro einmal unabhängige Staaten würden.

Vergleichen Sie nicht zwei komplett verschiedene Dinge?
Die geopolitischen Probleme waren damals in Europa grösser, als sie es heute im Nahen Osten sind. Der Irak ist wie ein Bach, der künstlich begradigt wurde und nun zu seinem ursprünglichen Verlauf zurückfinden muss.

Wie ist das Verhältnis zwischen den irakischen Kurden und der Regierung in Bagdad?
Zweifellos hat die Bedrohung durch den IS den Dialog gefördert. Aber die grundsätzlichen Probleme sind noch nicht gelöst. Reden allein reicht nicht, es müssen sich auch einige Dinge ändern.

Die Mehrheit der Kurden sind sunnitische Muslime, ebenso die Mehrheit der IS-Terroristen. Warum bekämpft der IS die Kurden?
Erstens sind wir Demokraten, und die IS-Terroristen glauben nicht an Demokratie. Zweitens sind die Kurden für den IS das Haupthindernis in der Region. Wenn der IS die Kurden besiegen würde, stünde seiner Ausbreitung wenig im Weg. Schon Alexander der Grosse sagte, dass Kurdistan für Eroberer der strategisch wichtigste Ort in der Region sei.

Der IS setzt sich über Staatsgrenzen hinweg. Hilft die Auflösung der Grenzen auch den Kurden?
Nein. Wenn der IS siegen würde und die Grenzen tatsächlich aufgehoben würden, gäbe es bereits keine Kurden mehr. Auch der kleinste Erfolg des IS ist für uns deshalb extrem schlecht.

Wie sehen Sie die Lage in zehn Jahren?
Die Kurden werden Selbstbestimmung haben, und der Irak wird in drei Teile zerfallen sein. Den Islamischen Staat wird es nicht geben. Im Mittelalter hätte es vielleicht so weit kommen können, aber nicht heute. Der IS ist wie eine Bombe, die seit 200 bis 300 Jahren unter der Erde lag und jetzt explodiert.

Wer hat die Bombe abgeworfen?
Zum einen sind alle Völker des Nahen Ostens schuld. Die politischen Parteien von links bis rechts waren zu schwach. Keine hat eine wirkliche Strategie gegen den islamischen Fundamentalismus entwickelt. Vielmehr hatten sie Angst, etwas an den Traditionen – etwa dem Frauenbild – zu ändern. Die Fundamentalisten nützten diese Schwäche aus.

Wer ist noch schuld?
Die Kolonialisten der westlichen Länder wollten möglichst viele Rohstoffe ergattern: viel nehmen, wenig zurückgeben. Diese Politik ist mitschuldig, dass der Nahe Osten so rückschrittlich geblieben ist. Fundamentalisten sind wie Bakterien; sie leben an schmutzigen Orten.

Was erwarten Sie vom Westen?
Der Osten muss seine Fehler selbst korrigieren. Der Westen sollte technologische, kulturelle und wissenschaftliche Fortschritte an uns weitergeben. In den arabischen Ländern gibt es mehr als 20 Millionen Arbeitslose. Die Kluft muss kleiner werden, dann wird auch der Fundamentalismus verschwinden.

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