Der Hölle von Homs entkommen

Syrische Familien haben im Libanon Zuflucht gefunden, sie berichten von Gräueltaten in ihrer Heimat. Bernerzeitung.ch/Newsnetz hat im Libanon mit drei Müttern über ihre Flucht und den Krieg in Syrien gesprochen.

«Die Kleinen erfassen das Ausmass der Katastrophe noch nicht ganz»: Eine syrische Familie, die aus Homs geflüchtet ist.

«Die Kleinen erfassen das Ausmass der Katastrophe noch nicht ganz»: Eine syrische Familie, die aus Homs geflüchtet ist.

(Bild: Paul Assaker)

Nach einer gut zweistündigen Autofahrt von Beirut in Richtung Norden hält das Auto irgendwo ausserhalb von Tripoli (siehe Karte), vor einem der wenigen geöffneten Kioske. Fahrerwechsel. «Er ist Salafist. Das heisst, er wird dir nicht die Hand reichen», erklärt der libanesische Fotograf, der mich begleitet und übersetzt. Salafisten sind ultrakonservative Muslime. Das ist fast alles, was ich über den Mann weiss, der nun das Steuer übernimmt. Und dass er einer derjenigen Privatpersonen ist, die sich um die syrischen Flüchtlinge kümmern, die im Libanon Zuflucht suchen.

Laut Schätzungen des UNO-Flüchtlingswerks UNHCR befinden sich zurzeit mehr als 30'000 Syrer im Land. Einige haben sich in Hotels und Appartements eingemietet, die meisten sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen oder werden von Libanesen unterstützt, die dem syrischen Diktator Bashar al-Assad feindlich gesinnt sind. Rund zehn Prozent hausen in leeren Schulen und Moscheen.

Während wir auf die Schwester des Salafisten warten, die an die Flüchtlingsfamilien mehrmals pro Woche in einer Moschee Essen und andere Notwendigkeiten verteilt, versucht er, einen Kaffee aufzutreiben und bietet schliesslich einen Ananassaft an. Ramadan hin oder her, Gastfreundschaft geht vor. Zu viert fahren wir durch enge Gassen und staubige Strassen in ein sehr armes Viertel. Hier haben sich viele syrische Familien eine Wohnung gemietet. Doch langsam wird der Platz knapp, die Mietpreise sind bereits um das Doppelte angestiegen.

«Da hörten wir dumpfe Geräusche und Schreie»

Die Frau aus der syrischen Stadt Homs, die wir besuchen, bezahlt bereits 200 anstatt der üblichen 100 Dollar. Sie ist zusammen mit ihrem Mann und den vier Kindern vor zwei Monaten hierhin gekommen. Sie wollten nicht aus Homs weg. Doch als ihre Nachbarn ermordet wurden, habe sie um ihrer Kinder Willen nicht bleiben können. «Es ist am Morgen früh passiert. Ich war gerade mit einer anderen Nachbarin am Beten, da hörten wir dumpfe Geräusche und Schreie. Wir hatten grosse Angst, dass auch unsere Tage gezählt sind.» Die Nachbarn seien erwürgt worden, erzählt die Frau. Mehrere Familien flüchteten zusammen in ein anderes Quartier, die Väter bewachten im Turnus die Häuser. Doch nach einer Woche wurde der Stadtteil bombardiert. Sie beschlossen, das Land zu verlassen. Acht Personen zwängten sich in ein Taxi und erreichten in zwölf Stunden Tripoli. Die Strecke ist unter normalen Umständen in 90 Minuten zu bewältigen.

«Wir mussten unzählige Strassensperren passieren und Fragen beantworten. Zum Glück lebte meine Schwester bereits im Libanon. Und mein Mann hat gesagt, er arbeite dort. So wurden wir durchgewunken. Die Soldaten der syrischen Armee bläuten uns ein, im Ausland nicht über die Situation in Syrien zu sprechen.» Die drei Frauen, die sich mittlerweile im Wohnzimmer der improvisierten Wohnung eingefunden haben, sprechen trotzdem. Aber sie bitten darum, keine Namen zu nennen. Fotografieren lassen sie sich schon gar nicht. Auch in den Spitälern, die der Fotograf und ich durchforsten, bitten uns die Ärzte inständig, keine Bilder zu machen. Die Angst, Assads Schergen könnten sie dafür bestrafen, dass sie syrische Deserteure verarzten, oder sich an Familienangehörigen rächen, die sich in Syrien befinden, sitzt tief in den Knochen.

Deshalb sagt vermutlich auch keiner der Spitaldirektoren, von wo das Geld kommt, um die Verwundeten zu operieren, und die 248 Familien, die seit Monaten in Tripoli verweilen, zu versorgen. Das Einzige, was uns gesagt wird: «Wir pflegen jeden Patienten – ob er Geld hat oder nicht.»

10'000 Dollar für Freilassung bezahlt

Eine andere Frau erzählt von ihrem Mann, der von der Polizei verhaftet wurde, weil er sich bei einer Strassenkontrolle nicht ausweisen konnte. «Er wurde dem Geheimdienst übergeben. Die Geheimdienstmänner zwangen ihn, sich ausziehen. Sie wickelten seinen Kopf in einen Pullover ein und brachten ihn unter Tritten in ein kleines Kellerverlies, in dem bereits fünf weitere Männer sassen», berichtet die Frau. «Die Geheimdienstmänner prügelten auf ihn ein. Sie verwendeten nasse Tuchstränge, damit die Schläge auf dem Körper keine Spuren hinterlassen.» Um freizukommen, sollte seine Familie umgerechnet 10'000 Dollar bezahlen. Sein Chef, ein Autohändler, bezahlte den Preis. Und nach einem Monat kehrte der Inhaftierte zu seiner Familie zurück. «Seither hat er Angst vor lauten Geräuschen», sagt seine Frau.

Zwischen Horrorgeschichten von ermordeten Nachbarn und gefolterten Ehemännern: Szenen alltäglichen Familienlebens. Die Kinder tollen herum, bis eines seinen grösseren Bruder an den Haaren zieht und der prompt zurückschubst. Die Schwestern kichern, die Mutter weist sie kurz zurecht.

Frauen auf der Flucht vergewaltigt

Eine dritte Frau erzählt, wie syrische Soldaten die Strassen im Dorf mit vier Panzern absperrten und an jede Haustür klopften, um Knaben und Männer in den Militärdienst einzuziehen. Wer sich wehrte, wurde geschlagen. Von manchen Dorfbewohnern, die mitgenommen wurden, habe man nie mehr ein Lebenszeichen erhalten. Die Frau wollte alleine mit ihren Kindern in ein Taxi steigen, um zu flüchten. Ein Mitglied der freien Armee wollte sie nicht gehen lassen, weil es zu gefährlich sei. Sie wartete, bis sie sich einer Gruppe von Flüchtlingen anschliessen konnte.

Während Menschenschlepper die Flüchtlinge zu horrenden Preisen über die Grenze brachten, organisierten die Rebellen kostenlose Transporte. Doch das Geld ist nicht der einzige Grund, weshalb die Frau dem Regimegegner, der sie an der Taxifahrt gehindert hatte, dankbar ist: Sie habe von anderen Frauen aus dem selben Ort gehört, dass sie auf ihrer Flucht brutal vergewaltigt worden seien.

«Die Kinder wollen nach Hause, zu ihren Spielsachen»

Wie die Kinder mit der Situation umgehen, frage ich die Mütter. «Die Kleinen erfassen das Ausmass der Katastrophe noch nicht ganz. Sie wollen einfach nach Hause, zu ihren Spielsachen», sagt die Frau, in deren Wohnung wir sitzen. Eines ihrer vier Kinder hat Trisomie 21 und Lungenprobleme, langsam gehen die Medikamente aus. Doch die Flucht aus der Heimat birgt auch ganz simple organisatorische Hürden: Die libanesische Regierung hat letzte Woche beschlossen, dass nur diejenigen Flüchtlingskinder libanesische Schulklassen besuchen dürfen, die ihre syrischen Zeugnisse vorweisen können. «Wir sind Hals über Kopf aus Syrien ausgereist, wir haben nichts mitgenommen», sagt eine der Mütter. Schon gar nicht Zeugnisse.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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