Der Achtjährige, der den Al-Qaida-Mann zum Abschuss markierte

Von jemenitischen Sicherheitsleuten – und indirekt somit vom CIA – angeheuert, platzierte Barq al-Kulaybi zwei Chips im Haus seines Verwandten.

«Mein Vater gab mir die Chips, die ich platzieren sollte»: Barq al-Kulaybi spricht im Video neben seinem Vater sitzend.

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Barq al-Kulaybi hat keine Angst. Oder man merkt sie ihm nicht an in dem Video. Er sitzt neben dem Vater, ein Achtjähriger mit Lockenhaar und schwarzen Augen – und die Worte sprudeln heraus: «Mein Vater gab mir die Chips, die ich platzieren sollte ...»

Das Video stammt vom jemenitischen Ableger der Terrortruppe al-Qaida. Barq und sein Vater sind Gefangene. Angeklagte, die gestehen. Der Vater wird als Spion zum Tode verurteilt. Den Sohn habe man «aufgrund seiner Jugend» begnadigt, teilt die al-Qaida später mit. Allerdings ist er bis jetzt nicht wieder aufgetaucht.

Rache für Attentat von 2008

Barqs Tätigkeit als Spion im Dienst der jemenitischen Regierung und indirekt auch des US-Geheimdienstes CIA beginnt am 25. Oktober 2012. Der Vater holt ihn ab, nimmt ihn mit zu sich in die Hauptstadt Sanaa. Barq wohnt nicht bei der Familie. Die ist mausarm und hat ihn sozusagen ausgelagert. Er lebt in einem kleinen Dorf unweit Sanaas. Ein gewisser Adnan al-Qadhi, weitläufig verwandt und begütert, hat ihn aufgenommen.

Qadhi ist Offizier der jemenitischen Armee. Und gleichzeitig ist er ein Gefolgsmann der al-Qaida im Land, gemäss den Amerikanern gar ein hochrangiges Mitglied. Er war mitbeteiligt an einem Bombenattentat auf die US-Botschaft in Sanaa im Jahr 2008, bei dem rund ein Dutzend Jemeniten starben. Die Amerikaner sinnen auf eine Gelegenheit, ihn per Drohne zu töten. Aber wie?

Dem Vater Haus und Auto versprochen

Jemenitische Sicherheitsleute entdecken Barq als Lösung des Problems. Sie kontaktieren den Vater, einen Soldaten; sie versprechen ihm ein Auto, ein Haus und etwas Bargeld, wenn sein Sohn ihnen hilft. Hat die CIA um die Anwerbung eines Kindes durch ihre jemenitischen Partner gewusst? Oder hat sie die «Feinarbeit» delegiert und die schmutzigen Einzelheiten im Vorfeld von Qadhis Eliminierung gar nicht so genau wissen wollen? Die amerikanische Zeitschrift «The Atlantic», die den Fall dieser Tage in einer akribischen Reportage dokumentiert hat, kann es nicht mit Sicherheit sagen.

Jedenfalls kommt es in Sanaa zur Rekrutierung des Achtjährigen. Barq erhält zwei elektronische Chips. Man erklärt ihm, wo er sie anbringen und wie er sie aktivieren soll. Und dass er vorsichtig sein und schweigen muss. Barq gehorcht. Schliesslich seien die Männer, sagt er später, Freunde seines Vaters gewesen.

Per Drohnenabschuss getötet

Der Vater bringt ihn zurück in das Dorf, wo Qadhi lebt. Einigermassen leicht schafft es der Bub bald darauf, die Chips zu platzieren. Er schleicht sich in die Privaträume Qadhis, als dieser gerade im Badezimmer weilt. Der eine Chip kommt unter ein Regal, der andere in die Jacke des Terroristen. Dieser ist somit «markiert», wie es im technischen Jargon der Geheimdienstler heisst. Am 7. November starten die Amerikaner eine Drohne. Diese feuert eine Rakete ab auf jenen Geländewagen, in dem Qadhi mit einem Gefährten sitzt. Beide Männer sind sofort tot.

Zwei Monate später, im Januar dieses Jahres, ist Barq mit seinem Vater unterwegs, als Al-Qaida-Leute die beiden kidnappen. In einem ihrer Verstecke zeichnet die al-Qaida das Video mit dem Geständnis auf und macht es hernach öffentlich. Der Vater dürfte mit seinem Leben bezahlt haben – das Schicksal des Sohnes ist unklar. Keinen Kommentar zu dem Fall gibt es von Jemens Regierung. Ein Sprecher des Weissen Hauses bestreitet gegenüber «The Atlantic», an der Rekrutierung des Achtjährigen irgendwie beteiligt gewesen zu sein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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