Den Assyrern in Ostsyrien droht das Ende

Der amerikanische Menschenrechtsaktivist John Eibner war kürzlich in Syrien. Im Nordosten besuchte er christliche Dörfer, die zeitweise unter IS-Herrschaft waren.

Kämpfer der christlichen Sutoro-Miliz besichtigen eine vom IS zerstörte Kirche im Assyrer-Dorf Tel Sakra im Tal des Chabur-Flusses.

Kämpfer der christlichen Sutoro-Miliz besichtigen eine vom IS zerstörte Kirche im Assyrer-Dorf Tel Sakra im Tal des Chabur-Flusses.

(Bild: zvg)

Herr Eibner, zu Beginn Ihres zehntägigen Aufenthalts in Syrien waren Sie im von Kurden kontrollierten Nordosten des Landes. Weshalb waren Sie dort?

John Eibner *: Ich wollte mir ein Bild machen von der Lage in den Dörfern der christlichen Assyrer im Tal des Chabur-Flusses. Der IS hatte im letzten Jahr mehrere dieser Dörfer erobert. Später wurde er von der kurdischen YPG-Miliz aber wieder vertrieben. Viele Dörfer sind heute wie ausgestorben. Viele Kirchen wurden vom IS zerstört.

Haben Sie mit Dorfbewohnern sprechen können?

Ja, aber es sind nicht mehr viele Assyrer da, mit denen man reden könnte. Von den Bewohnern, die vor dem IS geflüchtet waren, sind nur wenige zurückgekehrt. Einige Bauern sind mit ihren Familien in die nächste Stadt gezogen, wo es für sie sicherer ist. In ihr Dorf kommen sie nur noch tagsüber, um ihre Felder zu bestellen. Ich befürchte, dass es mit den assyrischen Dörfern zu Ende geht. Die Assyrer am Chabur-Fluss sind Nachkommen von Opfern des Völkermords in der Türkei vor hundert Jahren. Nun wird die Gemeinschaft erneut Opfer einer religiösen Säuberung.

Wer hat für Ihre Sicherheit gesorgt?

Ich war in Begleitung von Angehörigen der christlichen Sutoro-Miliz unterwegs, die mit der kurdischen YPG verbündet ist. Diese darf nicht mit der ebenfalls christlichen Sootoro-Miliz verwechselt werden, die aufseiten der syrischen Armee kämpft. Für uns gab es nur eine wirklich gefährliche Situation. In der Provinzhauptstadt Al-Hasaka gerieten wir in eine Schiesserei zwischen der YPG und der syrischen Armee. Wir verschanzten uns in einer Kirche und warteten ab. Das Gefecht dauerte etwa vier Stunden.

Sie haben auch mehrere Orte im Westen von Syrien besucht. In die Hafenstadt Tartus kamen Sie nur Stunden nach dem schweren Anschlag des IS am 23. Mai. Was haben Sie davon mitbekommen?

Im Krankenhaus konnte ich mit Überlebenden sprechen, die mir erzählten, was passiert war. Ziel des Anschlags war der Busbahnhof von Tartus, wo sich immer sehr viele Leute aufhalten. Zuerst sei eine Autobombe explodiert. Danach hätten sich Selbstmordattentäter inmitten von flüchtenden Menschengruppen in die Luft gesprengt.

Konnte das Krankenhaus diese extreme Situation bewältigen?

Der Arzt, der mich herumführte, versicherte mir, dass man genügend Ärzte und Pflegepersonen habe. Ich hörte auch keine Klagen über fehlende Medikamente oder Operationen, die nicht hätten durchgeführt werden können. Es gibt aber medizinische Probleme in anderen Bereichen.

Zum Beispiel?

In Damaskus habe ich eine junge Frau besucht, die nach einer Nierentransplantation auf spezielle Medikamente angewiesen ist. Der Krieg hat zu einer Entwertung des syrischen Pfunds geführt. Nun verdienen ihre Eltern nicht mehr genug, um die teuren Medikamente kaufen zu können. Für die junge Frau kann das fatal sein. Da hilft es ihr auch nichts, dass Nieren günstig zu kaufen sind. Wegen der Krise sind viele bereit, für wenig Geld eine Niere zu verkaufen. Das ist auch eine Folge der Sanktionen gegen den syrischen Staat.

Verantwortlich für die Krise ist das Regime, welches das Land in den Krieg gestürzt und damit Sanktionen provoziert hat.

Wer wirtschaftliche Sanktionen verhängt, trägt auch die Verantwortung für die Folgen. Es ist die Zivilbevölkerung, die am meisten leidet. Studien über die Sanktionen gegen das Regime von Saddam Hussein im Irak haben das gezeigt. Die Schweizer Bevölkerung sollte sich einfach bewusst sein, dass die Sanktionen, die von der Schweiz mitgetragen werden, tödliche Folgen haben können. Die Sanktionen sorgen auch dafür, dass immer mehr Menschen flüchten. Das gefährdet die Stabilität in den Nachbarländern und darüber hinaus.

Der IS musste sich in den letzten Monaten aus eroberten Ge­bieten zurückziehen. Wie geschwächt ist die Terrormiliz?

Das kann ich nicht beurteilen. Zum Teil könnte es sich auch um taktische Rückzüge handeln. Statt vom IS sollte man aber besser vom radikalen sunnitischen Islamismus sprechen. Dieser wird ein Problem bleiben, selbst wenn der IS dereinst beseitigt sein sollte. Tatsache ist, dass der IS gewisse Gebiete aufgegeben hat. Ich war zum Beispiel in der Ortschaft Sadad südöstlich von Homs. Dort gelang es erstmals, den IS ohne Unterstützung durch Luftangriffe zurückzuschlagen. Nun hat eine Koalition aus syrischer Armee, libanesischer Hizbollah-Miliz und der Miliz der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei (SSNP) die Kontrolle übernommen.

Die SSNP entstand in den 1930er-Jahren nach dem Vorbild von faschistischen Parteien in Europa. Welche Rolle spielt sie?

Die SSNP in Syrien ist säkular-nationalistisch und erst seit 2005 wieder zugelassen, nachdem sie jahrzehntelang verboten war. Sie versteht sich als friedliche Op­position zur Baath-Partei des Assad-Regimes. Sie kooperiert mit der syrischen Armee, um eine Machtergreifung der radikalen Islamisten zu verhindern. Weil es dem Regime an Kämpfern mangelt, muss es die SSNP gewähren lassen. Die Partei ist auch in anderen Ortschaften für die Sicherheit verantwortlich wie zum Beispiel in der Altstadt von Homs oder in Qaryatayn. Sollte es zu einem politischen Übergangsprozess kommen, könnte die SSNP eine wichtige Rolle spielen.

* John Eibner ist Mitglied der Geschäftsleitung des Hilfswerks Christian Solidarity International mit Sitz in der Schweiz.

Berner Zeitung

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