Bombenanschlag im Libanon: Geheimdienstchef unter den Opfern

Es handelt sich um den verheerendsten Anschlag seit Jahren: In der libanesischen Hauptstadt Beirut kamen mindestens acht Menschen ums Leben. Dutzende verletzten sich. Der UNO-Sicherheitsrat verurteilt die Tat.

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Beim verheerendsten Bombenanschlag in Beirut seit Jahren sind am Freitag der Chef des libanesischen Polizeigeheimdienstes sowie sieben weitere Menschen ums Leben gekommen. Dutzende weitere Menschen wurden bei der Explosion der Autobombe verletzt, deren Ziel nach Angaben der staatlichen libanesischen Nachrichtenagentur der Fahrzeugkonvoi von Geheimdienstchef und Brigadegeneral Wissam al Hassan war.

Die Explosion ereignete sich auf dem Sassine-Platz im Christen-Viertel Aschrafijeh, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete. Die Fassaden mehrerer Häuser wurden durch die Wucht der Detonation zerstört. Mehrere Fahrzeuge brannten aus.

UNO-Sicherheitsrat verurteilt Terroranschlag

Der UNO-Sicherheitsrat hat den tödlichen Bombenanschlag auf den hochrangigen Geheimdienstler Wissam al-Hassan im Libanon scharf verurteilt. Die Erklärung wurde am Freitag einstimmig von allen 15 Mitgliedern des Rates verabschiedet. Der Anschlag wurde darin als Terroranschlag eingestuft.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte in einer Mitteilung, das Attentat müsste gründlich aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Er rief alle Beteiligten im Libanon auf, sich von dem «abscheulichen Terrorakt» nicht provozieren zu lassen.

Auch der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Tommy Vietor, sprach gemäss einer in Washington verbreiteten Mitteilung von einer «abscheulichen Attacke». Er drückte darin die Unterstützung der USA für das libanesische Volk aus. Die Sicherheit des Landes sei sehr bedeutend für die Stabilität in der Region.

«Es gibt keine Rechtfertigung dafür, einen Mordanschlag als politisches Werkzeug zu nutzen», sagte Vietor. Die USA würde der libanesischen Regierung zur Seite stehen, während sie die Verantwortlichen für die «barbarische» Tat mit acht Toten zu Verantwortung zöge.

«Ich sass gerade im Starbucks»

«Ich wollte mich gerade an einen Tisch im Starbucks setzen als ich eine laute Explosion hörte und auf dem Platz vor mir schwarze Rauchschwaden aufsteigen sah», erzählt ein Augenzeuge.

Er habe Autogehupe und schreiende Menschen gehört. «Ich bin in die Richtung der Explosion gerannt.» Erst etwa fünf Minuten später seien die ersten Leute aus den brennenden Gebäuden gekommen. «Manche schrien, andere trugen Verletzte», berichtet der Mann. Sofort sei die libanesische Armee und die Polizei ausgerückt.

War es eine Warnung an die Falangisten?

Dass ein solches Attentat zu diesem Zeitpunkt verübt wurde, sei sehr ungewöhnlich, sagt ein anderer Anwohner des Quartiers: «Einen so grossen Anschlag gab es seit 2005 nicht mehr.»

«Ich fühlte, wie der Boden unter meinen Füssen schwankte, dann fiel Glas auf uns», berichtete ein Angestellter, der in einer Bank in der Nähe des Tatortes arbeitet. Zwei seiner Kollegen seien verletzt worden. «Die Explosion war immens, sie hat ein grosses Loch im Boden aufgerissen», sagte ein Helfer des Zivilschutzes.

Wer hinter dem Anschlag steckt, ist indessen noch unklar: «In der Nähe der Explosion befindet sich der Sitz der rechten Falangisten, als erstes dachte ich, der Anschlag sei eine Warnung an sie.» Deren Spitzenpolitiker Michel Samaha sitzt wegen Sprengstoffschmuggel auf der Anklagebank. Er soll in einen Anschlagsplan gegen Unterstützer der Syrischen Rebellen verwickelt sein.

Da sich die Explosion nur wenige Meter entfernt von einem Büro der oppositionellen Bewegung 14. März ereignete, suchten viele Libanesen gleich die Schuldigen in Damaskus. Denn die Parteien der Bewegung 14. März sind Gegner der Regierungskoalition, die von der mit Syrien verbündeten Schiiten-Partei Hizbollah dominiert wird.

Innenminister am Anschlagsort

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP sah vor Ort zwei zerstörte Gebäude, eines davon stand in Flammen. Rettungskräfte brachten blutüberströmte Verletzte aus den Gebäuden. Das libanesische Fernsehen zeigte Bilder von ausgebrannten Autos und Trümmerteilen auf den Strassen. Innenminister Marwan Tscharbel begab sich an den Anschlagsort, auch die Armee wurde in das Viertel Aschrafieh geschickt.

Schuldzuweisung an Syrien

Der zur oppositionellen Zukunftsbewegung gehörende Abgeordnete Nihad Al-Maschnuk sagte: «Die Explosion von Aschrafijeh ist eine Botschaft des syrischen Regimes, das dabei ist, sich aufzulösen. Es ist eine Botschaft, mit dem Ziel, die Libanesen in Angst und Schrecken zu versetzen.»

Die syrische Regierung wies jede Verantwortung von sich. Schon wenige Minuten nach dem Anschlag im Nachbarland veröffentlichten die staatlichen syrischen Medien eine Stellungnahme von Informationsminister Omran al-Soabi. Dieser verurteilte den Anschlag als «feigen Akt des Terrorismus».

Viele Anschläge zwischen 2004 und 2008

Der Libanon war zwischen 2004 und 2008 von einer Serie von Sprengstoffanschlägen erschüttert worden. Schon damals kam der Verdacht auf, das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad könnte an der Planung der Anschläge beteiligt gewesen sein.

Als Folge des Bombenattentats auf den früheren libanesischen Regierungschef Rafik Hariri im Februar 2005 hatte Syrien seine letzten Truppen aus dem Nachbarland abziehen müssen. Präsident Assad warnt seit Beginn des Aufstandes in Syrien vor einem «Flächenbrand», der bald die ganze Region erfassen werde.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dapd, sda und afp.

lcv/mrs/sda/AFP

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