«Boko Haram befindet sich eindeutig auf dem Rückzug»

Kurz vor den Wahlen in Nigeria versuche die Terrormiliz Boko Haram, mit brutalen Verzweiflungstaten die Sicherheitskräfte herauszufordern, sagt Bernerzeitung.ch/Newsnetz-Korrespondent Johannes Dieterich.

Ein nigerianischer Soldat verlässt ein ehemals von Boko Haram besetztes Haus in Damasak. (24. März 2015)

Ein nigerianischer Soldat verlässt ein ehemals von Boko Haram besetztes Haus in Damasak. (24. März 2015)

(Bild: Reuters Joe Penney)

Enver Robelli@enver_robelli

Die Terrormiliz Boko Haram soll erneut mehrere Hundert Frauen und Mädchen entführt haben. Gibt es inzwischen eine offizielle Bestätigung?
Eine offizielle Bestätigung von der Regierung in Abuja gibt es noch nicht. (Mittlerweile hat die nigerianische Regierung die Entführung bestätigt, Anm. d. Red.) Aber grosse Medienhäuser wie die BBC und Reuters haben mit Bewohnern von Damasak gesprochen, wo die jungen Nigerianerinnen und Nigerianer entführt worden sein sollen – und deren Berichte gleichen sich sehr. Höchstens die Zahl der Entführten ist noch strittig: Es könnten zwischen 400 und über 500 sein.

Mitte Februar wurden die Wahlen in Nigeria um sechs Wochen verschoben – mit der Begründung, man wolle Boko Haram bekämpfen. Ist der Urnengang jetzt gefährdet?
Nein, die Regierung kann es sich nicht leisten, den Urnengang noch einmal zu verschieben. Das erlaubt auch das Wahlgesetz nicht. Dann müssten die Wahlen ganz abgesagt werden, und das käme einem Putsch gleich. Es gibt aber keine Anzeichen, dass es dazu kommen wird.

Sind die nigerianischen Streitkräfte in der Lage, für die Sicherheit bei den Wahlen zu sorgen?
Es wird gewiss noch weitere Zwischenfälle vor den Wahlen und möglicherweise auch am Wahltag geben. Aber Boko Haram befindet sich eindeutig auf dem Rückzug. Was jetzt noch zu erwarten ist, sind reine Verzweiflungstaten. Die können allerdings besonders brutal sein. Die nigerianischen Streitkräfte sind inzwischen stärker als noch vor einigen Wochen: Man hat sie aufgerüstet und ihre Moral ist gestärkt – nicht zuletzt durch die Unterstützung, die sie von den Truppen aus den Nachbarländern, vor allem aus dem Tschad und dem Niger erfahren.

Am Wahltag gilt sogar ein absolutes Fahrverbot. Warum?
Um mögliche Selbstmordanschläge auszuschliessen, die ja oft aus Fahrzeugen heraus ausgeübt werden. Und um die Beweglichkeit der Extremisten einzuschränken.

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas, der wichtigste Ölproduzent und auch die grösste Volkswirtschaft des Kontinents. Welche Folgen hat der Boko-Haram-Terror für die Wirtschaft?
Merkwürdigerweise keinen allzu grossen Einfluss. Die nigerianischen Reichtümer werden vor allem im Südosten des Landes in den Ölfeldern erwirtschaftet. Die sind von dem Konflikt im Nordosten vollkommen unbeeinflusst. Der Nordosten ist ökonomisch ohnehin vollkommen marginalisiert – das ist auch einer der Gründe für den dortigen Konflikt. Die nigerianische Regierung ist allerdings momentan ziemlich angeschlagen – was jedoch an den fallenden Ölpreisen, nicht an Boko Haram liegt.

Bei der Präsidentenwahl kandidieren Amtsinhaber Goodluck Jonathan, ein Christ, und sein muslimischer Herausforderer Muhammadu Buhari. Wer hat die besseren Chancen?
Die beiden waren bis vor wenigen Wochen noch Kopf an Kopf. Inzwischen könnte Goodluck Jonathan etwas vorne liegen, was wohl vor allem den jüngsten Erfolgen im Kampf gegen Boko Haram zuzuschreiben ist. Das war auch das Kalkül der Regierung, als sie die Wahlen vor sechs Wochen verschoben hat.

«Eine gute Amtszeit verdient eine zweite. Lasst uns mehr tun», sagt Staatschef Jonathan. Wie fällt seine Bilanz aus?
Jonathan hat eine miserable Bilanz. Die Korruption ist noch schlimmer geworden, der Norden ist wegen der langen Untätigkeit der Regierung gegenüber Boko Haram aufgebracht und in der Hauptstadt Lagos mochte man Jonathan noch nie besonders. Der Präsident lebt von der gut geschmierten Wahlmaschinerie seiner Partei – und der Unterstützung seiner Heimat im Südosten des Landes.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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